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Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Hugh Carswell

Aktuelle Aufführungen

Klassischer Grenzverlust

GOLDBERG-VARIATIONEN
(Örjan Andersson)

Besuch am
31. August 2016
(Einmalige Aufführung)

 

Internationale Tanzmesse NRW,
Tanzhaus NRW, Große Bühne

Der zeitgenössische Tanz hat ein Trauma. Und das heißt Musik. Am liebsten gibt es sphärische Geräusche. Erst in jüngerer Zeit trauen sich Compagnien vereinzelt, es mal mit „richtiger Musik“ zu versuchen. Die Ergebnisse machen Mut. Und Andersson Dance geht einen Schritt weiter. Bei der Tanzmesse präsentiert sich die 1996 gegründete Compagnie unter Leitung des Choreografen Örjan Andersson mit Sitz in Stockholm mit den Goldberg-Variationen. Allerdings steht kein Cembalo mit zwei Manualen auf dem Bühnenboden, für das Johann Sebastian Bach das Werk 1741 komponiert hatte.

Andersson greift auf die Transkription von Dmitry Sitkovetsky für Saiteninstrumente zurück und stellt kurzerhand das Scottish Ensemble, eine elfköpfige Streichergruppe unter Leitung von Jonathan Morton, auf die Große Bühne des Tanzhauses NRW. Die Idee, die Musiker mit den Tänzern gemeinsam agieren zu lassen, überzeugt. Abgesehen von der Kombination und Konfrontation mit dem Tanz eröffnen sich so den Musikern ganz neue Klangräume, indem sie sich frei bewegen und in immer neuen Konstellationen auftreten können. Da zudem eine solche Veranstaltung keine Konzerthaus-Qualität erwartet, sind auch den Variationen der Variationen keine Grenzen gesetzt. Das Ensemble ist bekannt dafür, dass es sich auf die Eroberung urbaner Räume eben jenseits der Konzerthäuser spezialisiert hat. Und da heißt es auch schon mal, sich selber in die Choreografie einzubringen.

POINTS OF HONOR
Musik
Tanz
Choreografie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Der Choreograf selbst sprengt alle nur denkbaren Grenzen, vermeidet jede Konvention – oder lässt sie überraschend dann zu, wenn Danielle de Vries ein Solo tanzt, um die Ordnung der Unordnung zu zerstören. Aber meist regiert eben doch die Unordnung. Da müssen die Musiker die Instrumente weglegen, um sich auch mal als Performer zu zeigen. Jozsef Forro zieht sich völlig unmotiviert aus, Paul Pui Wo Lee changiert zwischen den Geschlechterrollen und Eve Ganneau geht gern spazieren. Csongor Szabo greift schließlich immer mal wieder das auf, weswegen sich die Menschen auf dem weißen Bühnenboden im kaum merklich wechselnden Licht von Sutoda in den völlig abstrakten Kostümen von Bente Rolandsdotter bewegen: Er versucht so etwas wie zeitgenössischen Tanz.

Foto © Hugh Carswell

Jede Struktur wird zerstört, aufgebrochen, viel in skulpturale Erstarrung gebracht. Dabei helfen absurde Requisiten, die scheinbar sinnlos in neue Zusammenhänge gesetzt werden. Die Radikalität, mit der Andersson Tänzerisches und Nicht-Tänzerisches gegenüberstellt, klassische Musik passend in einen neuen Kontext stellt, eröffnet einen komplexen Kosmos ohne deutsche Bedeutungsschwere.

Zu dieser Leichtigkeit gesellt sich die Auswahl der Musik. Sind doch die Goldberg-Variationen eigentlich ein altbekannter Spaß der Geschichte. Dass Jonathan Morton selbst die Variationen immer mit einem zwinkernden Auge spielen lässt, trägt zum Gelingen des Abends bei. Und den Besuchern im vollbesetzten Saal muss trotz kurzen, aber herzlichen Beifalls klarwerden: In den kommenden Tagen werden sie viel über verschiedene Kulturen lernen können. In einem Statement haben die Verantwortlichen der Tanzmesse die Botschaft vorgegeben: Diese Veranstaltung reagiert nicht auf die Globalisierung, sondern setzt sie voraus. Der Einstand ist gegeben.

Michael S. Zerban