Kulturmagazin mit Charakter
Aktuelle Aufführungen
ID-CLASH
(Angie Hiesl, Roland Kaiser)
Besuch am
1. September 2016
(Premiere)
Die Zahl der Menschen, die mit ihrem Geschlecht hadern, ist wohl größer, als man denkt. Das Spektrum reicht beispielsweise bei Männern rein äußerlich von der bloßen Lust des Kleidertragens bis zu chirurgischen Eingriffen. Tiefgreifender aber sind sicherlich die psychischen und – befürchteten – sozialen Folgen. Transgender werden solche Menschen im Oberbegriff bezeichnet. Und die Zeiten, in denen man sich über sich belustigt oder sie gar strafrechtlich oder sozial verfolgt, sind in der globalen Perspektive längst nicht überwunden. Die Frage, ob es sich hier um ein gesellschaftlich relevantes oder doch eher ein privates Thema handelt, haben die Künstler Angie Hiesl und Roland Kaiser für die Öffentlichkeit entschieden.
Ihr Projekt ist von jeglichem Tanzverständnis so weit entfernt wie eine Busfahrt von einem Flug. Aber wer kennt schon die Programmentscheidungen einer Tanzmesse? Und so findet im ehemaligen Postgebäude gegenüber dem Tanzhaus NRW die Installation ID Clash statt – jetzt erweitert um den Begriff Choreografie. Ursprünglich als Außenveranstaltung geplant, wurde die Installation aus unerfindlichen Gründen in die Hallen der Post verlagert. Die riesige Freifläche dahinter bleibt unberücksichtigt. Die Hallen haben den Charme längst vergangener Zeiten. Da wirken die Stationen der Installation ein wenig wie Fremdkörper. Aber das passt ja.
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Es gibt da einen Hängegarten, einen Videobereich, ein Pflanzentopffeld mit dazwischenliegenden Hämmern, abgegrenzt von einem Feld, über dem zunächst Männerklamotten aufgehängt sind. Dahinter ist Platz für ein Glashaus und einen „Paradiesgarten“ mit einer Dusche.
Diese Stationen werden nacheinander besetzt. Mikrofonisch verstärkt, durchmisst Melissa Marie Garcia Noriega singend die Halle und trifft im Hängegarten auf ihre Mitstreiter, die kleine Schilder und Bonbons pflanzen. Gängige Begriffe werden da eingesteckt. Anschließend begeben sich die Performer auf „ihre“ Stationen. Annonya und Katha erzählen von ihrem Schicksal als Hijra in Bangladesh, werden von Waseka Wahid ins Englische übersetzt. Das sprachliche Problem ist dabei nicht ansatzweise gelöst. Weil es an der nächsten Station besser passt, erzählt Leonora Friese via Beamer und Powerpoint-Präsentation auf Deutsch über ihr Coming-out und wie es dazu kam. Babylonisches Sprachgewirr ist kein Konzept, jedenfalls keines, das zu einer Übereinkunft oder wahrhafter Erkenntnis führt. Im Glashaus erzählt Noriega über ihre persönlichen Erfahrungen. Auf Englisch.
Und Bianca Guess befriedigt im „Garten Eden“ unter der Dusche endlich auch die Schaulust einzelner, indem sie einen wunderschönen Körper nackt präsentiert. Einen Körper, der die Schönheitsideale fraulicher Körper über Jahrhunderte widerspiegelt – vielleicht vom Barock abgesehen – und einen bildhübschen Penis dazu. Da kann man schauen, welche Smartphone-Modelle die Besucher bevorzugen. Während das Aufsichtspersonal mit der Presse darüber diskutiert, ob sie fotografieren darf oder nicht. Und Roland Kaiser längst ein Foto werbeträchtig publiziert hat, das im Übrigen nicht annähernd an die ästhetische Schönheit der tatsächlichen Situation herankommt. Was aber Hiesl und Kaiser damit künstlerisch sagen wollen, bleibt im Kontext offen.
Das Publikum durchstreift immer wieder mit offenen Sinnen die Halle; aber das zu Gehör Gebrachte ist allzu bekannt, so dass die Wenigsten die gesamte Zeitdauer der Veranstaltung durchhalten. Mit Tanz oder Choreografie hat das Gesehene und Gehörte wenig zu tun. Vielleicht möchte man auch den Betroffenen mehr Privatheit wünschen, während man selbst mit drängenderen Fragen der Gegenwart beschäftigt ist.
Michael S. Zerban