Kulturmagazin mit Charakter

Aktuelle Aufführungen
VICE VERSA/TRY ZWEI/
LOVE ME TENDER
(Cie Mossoux-Bonté, Koreoproject,
Léa Tirabasso)
Besuch am
31. August 2016
(Einmalige Aufführung)
Im Flur vor dem Eingang zur Kleinen Bühne im Tanzhaus NRW drängeln sich Menschen verschiedenster Nationen. Längst hätte die Aufführung begonnen haben sollen. Das System ist noch nicht so recht durchschaubar. Die Besucher mit Tickets werden durchgewunken. Wozu also das Gedränge vor der Bühne? Es scheint die Möglichkeit zu geben, noch über eine Warteliste reinzukommen. Und so vergeht eine Viertelstunde, ehe der letzte Platz und der Eingangsbereich mit Gästen besetzt ist, ehe es losgeht. Schön, dass die Tanzmesse versucht, möglichst vielen Menschen den Zugang zu den Aufführungen zu ermöglichen. Noch schöner wäre es, wenn man das ohne gravierende Verspätung hinbekäme.
Gleich drei Choreografien werden am Ende eines langen Tages noch gezeigt. Den Anfang macht Vice versa, eine Choreografie von Nicole Mossoux und Patrick Bonté. Frauke Mariën und Shantala Pèpe stehen im Hauch des Lichts von Bonté auf der leeren Bühne. Zu Les anneaux de Marianson wiegen sie sich in einem Grundschritt, den sie fortan mit Oberkörperbewegungen variieren. Da gibt es Annäherungen, Fortbewegungen und Entfernungen. Haben die beiden Tänzerinnen auf diese Art den Bühnenraum von hinten nach vorne durchmessen, beginnt der Rückmarsch und schafft so eine Struktur in Kapiteln. Scheinbare Monotonie wechselt schließlich in einen Rausch, der allenfalls den Abgesang der Choreografie darstellen kann. Nachdem die Idee des gemeinsamen Grundschrittes variiert ist und schließlich die beiden langhaarigen Brünetten ihre Mähnen schwingen, geht die Faszination der synchronen, sparsamen Bewegung verloren. Es hätte dieser „Ekstase“ nicht bedurft. Trotzdem gefällt die neue Idee.
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Das ändert sich schlagartig mit der nächsten Aufführung, bei der die Informationspolitik der Tanzmesse zur Farce gerät. Zu Try zwei erfährt man lediglich, dass die Choreografie von Giorgio Maddamma und Stephan Brinkmann stammt. Aber vielleicht dient das ja auch dem Schutz der Tänzer, die wiederum auf einer leeren Bühne auftreten, diesmal kreisförmig ausgeleuchtet. Hier werden die Besucher zu unbekannter Musik in die Vergangenheit entführt. Ästhetisierender Ausdruckstanz ist wohl noch das Netteste, was man über diesen Pas de deux sagen kann. Koreoproject nennt sich die Compagnie, die man getrost vergessen kann. Auch Hebefiguren helfen nicht darüber hinweg, dass die Zeit für eine solche Choreografie vergangen ist.

Da beginnt die dritte Choreografie dieses Abends erfrischender. Auch zu love me tender ist die Informationslage ausgesprochen dünn. Für die Choreografie ist Léa Tirabasso zuständig. Auch hier gibt es außer einem flauen Werbetext von der Tanzmesse keine weiteren Informationen. Erschütternd ist allerdings, dass es auch auf der entsprechenden Website keine näheren Erkenntnisse gibt. 20 Jahre nach Beginn des Internets hat eine Compagnie immer noch nicht verstanden, dass Details auf der Website existenziell sind. Eine Blumeninsel bereichert nun die Bühne. Ein „Hey“ der Tänzerin, die zuvor auf der Insel Blumen sortierte, soll den Tänzer, der einige Meter weiter stocksteif ist, beleben. Die Beziehung entwickelt sich langsam, behutsam nähern sich die Körper an, werden schließlich bis auf die unsägliche Unterwäsche entkleidet, ehe sie sich in den üblichen Beziehungskonflikt vertiefen. Die Choreografie ist zunächst originell, aber letztlich ohne Tiefe und entlässt die Zuschauer in Ratlosigkeit.
Der Applaus gerät noch bei der ersten Choreografie nachhaltig, wird bei den nachfolgenden Aufführungen dünner und dünner. Das entspricht der gezeigten Qualität. In den nächsten drei Tagen wird abseits der Miniaturen hoffentlich noch einiges zu erleben sein. Und wenn die Tanzmesse die Möglichkeit hat, abseits ihrer Werbetexte Gehaltvolles vor allem im Internet nachzulegen, sollte das ihr Schaden nicht sein.
Michael S. Zerban