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Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Fokus-Rheine

Aktuelle Aufführungen

Eine verpasste Chance

ICH, OFFENBACH
(Jacques Offenbach)

Besuch am
9. September 2016
(Premiere)

 

Kölner Offenbach-Gesellschaft,
Volksbühne am Rudolfplatz

Erst im Dezember 2015 gründete sich die Kölner Offenbach-Gesellschaft mit dem selbst ausgewählten Ziel, Offenbach seiner Heimatstadt wieder näherzubringen. Als erste Veranstaltung in diesem Sinne hat nun Ich, Offenbach unter der Regie von Thomas Höft Premiere.

Den Rahmen für die ausgewählten Stücke bilden sich mit den Werken abwechselnde Lesungen aus dem Imaginären Tagebuch des Herrn Jacques Offenbach, geschrieben von Alphons Silbermann und vorgetragen von Herbert Feuerstein.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Höft inszeniert sehr sparsam. Das Bühnenbild wird vom Ensemble und den historischen Instrumenten aus dem 19. Jahrhundert beherrscht. Einen Kontrast hierzu bilden die Kostüme der Sänger, die eher der heutigen Zeit entstammen. Die einzige permanente Requisite ist eine rote Couch, auf der zumeist Feuerstein, manchmal auch die Sänger Platz nehmen. Dadurch bleibt Raum für den eigentlichen Hauptdarsteller des Abends: Offenbach und sein Werk.

Herbert Feuerstein - Foto © Fokus-Rheine

Der stetige Wechsel zwischen Musik und fiktiv autobiographischer Lesung lässt die Aufführung kurzweilig und interessant werden. Die ausgewählten Textstücke beinhalten zum Teil auch Auszüge aus Offenbachs Schriftverkehr und zeichnen das Bild eines nachdenklichen, aber auch sehr realistisch denkenden Komponisten, der sich von der Musikwelt wegen seines zum größten Teil komischen Werkes nicht ernst genommen fühlt. Leider unterstützt die Offenbach-Gesellschaft hier genau dieses Vorurteil, da die vorgetragenen Stücke zumeist die bekannten Klassiker Offenbachs wie die Barcarole, das Fliegenduett und der Can-Can sind. Insgesamt bestehen zwei Drittel der Aufführung aus Stücken von Orpheus aus der Unterwelt und Hoffmanns Erzählungen, nur mit dem hochemotionalen La prière de Moise wird eine wirklich andere Seite von Offenbachs Schaffen gezeigt. Die recht eindimensionale Auswahl der Stücke reduziert Offenbachs Humor zudem nahezu vollständig auf Klamauk und Anzüglichkeiten, der musikalische und gesellschaftskritische Witz kommt nur am Rande vor.

Das Gesangsensemble um Bachpreisträgerin Marie Friederike Schöder spielt mit viel Freude und Engagement die verschiedenen Rollen, bezieht mehrmals das Ensemble sowie Feuerstein in die Darstellung mit ein und versucht die in den Texten erwähnte Vortragsanweisung Offenbachs umzusetzen, dass die Sänger sich nicht zu sehr auf den typischen Operngesang versteifen sollen, sondern gleichzeitig „singen und reden sollen“. Das wirkt allerdings zuweilen etwas schludrig, wenn die Lautstärken in einem Duett nicht richtig angepasst sind oder die Intonation ein ums andere Mal zu tief ist.

Die meisten Werke wurden vom Pianisten Pascal Schweren auf das reduzierte Ensemble unter der Leitung von Maria Bader-Kubizek vortrefflich umarrangiert, so dass nie der Eindruck entsteht, man bekäme eine abgespeckte Fassung zu hören. Im Ensemble herrscht durchgehend gute Laune, und die Musik wird mit viel Freude, Energie und Verve vorgetragen. Offenbachs Hauptinstrument war das Violoncello, wahrscheinlich ist es deswegen des Öfteren im Mittelpunkt – auf der Bühne sogar wortwörtlich. Das geht bis auf das Divertimento über Schweizerlieder gut. Offenbachs Erstlingswerk will, bei höchstem Anspruch an den Cellisten, einfach nicht so recht gelingen und schmälert damit ansonsten eine einwandfreie Vorstellung des Ensembles.

Dem recht redseligen Publikum in der gut gefüllten Volksbühne am Rudolfplatz macht es nichts aus. Nahezu jeder Vortrag wird mit zusätzlichen „Bravo“-Rufen zum stets lauten und langen Applaus honoriert. Es scheint, als ob Offenbach in Köln immer noch begeistern kann. Schön wäre, wenn die Kölner Offenbach-Gesellschaft sich im nächsten Projekt traut, etwas mehr über den Tellerrand hinauszuschauen.

Sebastian Heuckmann