Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Stadt Leverkusen

Aktuelle Aufführungen

Gekonnt eingefroren

CAMOUFLAGE/FOLK
(Ho, Hsiao-Mei, Caroline Finn)

Besuch am
1. September 2016
(Einmalige Aufführung)

 

Internationale Tanzmesse NRW,
Forum Leverkusen

Etliche Plätze bleiben frei an diesem Abend im Saal des Forums Leverkusen. Das ist nachvollziehbar: Was sollen die Leverkusener mit dem Angebot einer Tanzmesse aus Düsseldorf, wenn sie doch in der Spielzeit mit immer wieder außergewöhnlichen Tanz-Veranstaltungen verwöhnt werden? Stattdessen sind zahlreiche Besucher aus der Landeshauptstadt via Shuttle angereist.

Zwei Produktionen stehen an diesem Abend auf dem Programm. Die Meimage Dance Company zeigt Camouflage, die National Dance Company Wales stellt Folk vor.

POINTS OF HONOR
Musik
Tanz
Choreografie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Bei der Compagnie aus Taiwan ist der Name der Choreografie Programm. Außer dem Namen und Herkunftsort ist über die Tanzgruppe nicht viel zu erfahren. Allerdings ist das nach dieser Vorstellung auch nicht notwendig. Camouflage ist ein militärischer Begriff, der am ehesten mit Tarnung oder Täuschung übersetzt werden kann. Warum die Choreografie den Titel trägt, erschließt sich nicht so recht. Über eine Stunde langweilen die Tänzer unter Leitung von Ho und Hsiao-Mei mit einem Tanztheater, das sich überwiegend um einen roten Ballon und einen Tisch dreht. Eine Geschichte ist trotz zahlreicher Wiederholungen einer allzu langweiligen Bewegungssprache nicht erkennbar. Da werden knisternde Plastik-Trenchcoats, T-Shirts, Hosen und Röcke aus- und angezogen – getarnt wird damit nichts. Wenn die Programmverantwortlichen der Tanzmesse damit zeigen wollten, dass aus Taiwan keine neuen Impulse zu erwarten sind, ist ihnen das voll und ganz gelungen. Das hätte man allerdings auch kürzer haben können.

Foto © Meimage Dance Company

Wie man sein Publikum begeistert, zeigt die National Dance Company Wales mit erheblich verspätetem Beginn. Hier gibt es in einer halben Stunde Tanztheater vom Feinsten. Die verdorrten, schneebedeckten Äste eines umgedrehten Baums ragen von oben in den Bühnenraum. Darunter ein Laubhaufen, den ein Tänzer weiter zusammenfegt. Als er fertig ist, erhebt sich aus den herabgefallenen Blättern ein weiterer Tänzer. Währenddessen stehen die übrigen Tänzerinnen und Tänzer um eine Bank herum gruppiert als eingefrorenes Bild. Das ist die Ausgangssituation, mit der die neue Künstlerische Leiterin der Compagnie, Caroline Finn, das Publikum in eine faszinierend andersartige Welt entführt. Ohne Scheu vor Walzer, Sirtaki und ähnlich eingängigen Melodien, die überlaut in den Saal dröhnen, zeigt das Ensemble sich in überraschenden und originellen Bewegungsabläufen, verzögert gegen den Rhythmus, ergeht sich in fast schon artistischen Einlagen, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren: Lebenssituationen aus dem 17. Jahrhundert im englischen Wales pointiert wiederzugeben. Dazu tragen auch die fantasievollen Kostüme bei. Finn vermeidet dabei bewusst Folkloristisches, und so entsteht fantasievolles Tanztheater, dass sich jedem zeitlichen Zusammenhang entzieht und moderner daherkommt als so manche Choreografie in Sphärenklängen.

Johlend und schließlich stehend applaudiert das Publikum einer herausragenden Leistung, ehe es im Bus wieder zurück nach Düsseldorf geht. Allein für die Waliser hat sich der Ausflug nach Leverkusen gelohnt. Auch am Freitag und Samstag zeigt das Forum Aufführungen der Tanzmesse.

Michael S. Zerban