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Ein Ring ist ja ein vergleichsweise kleines Schmuckstück. Seltsamerweise ranken sich zwei große Epen um eben so einen Ring: Tolkiens Herr der Ringe und Wagners Ring des Nibelungen. Letzteres ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben für ein Theater jeder Größenordnung und dennoch möchten alle Opernhäuser „ihren“ Ring präsentieren können – nicht alle mit Erfolg. Das jüngste Beispiel, das bislang aber in die positive Kategorie fällt, gehört ausgerechnet einem der kleinsten Theater der Bundesrepublik. Dass das ostwestfälische Minden sich dank der Engagements des Richard-Wagner-Verbands Minden zu einem kleinen Wagner-Mekka gemausert hat, hat sich mittlerweile schon herumgesprochen. Nun schmiedet das kleine Theater, das nicht mal über ein eigenes Ensemble verfügt, seit 2015 an dem Ring des Nibelungen.
Regisseur Gerd Heinz und sein Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann nehmen sich das riesige Werk vor und betrachten es auf der kleinen Bühne wie durch eine Vergrößerungslinse. Man kann das Aufatmen aller derer, die vollgekleisterte, vollgebaute Inszenierungen leid sind, schier hören, wenn man sieht, mit welch wenigen Mitteln die Walküre erzählt werden kann. Schlößmann schafft mit geometrischen Formen den Raum. Ein Quadrat als Rahmen, darin ein Kreis oder auch Ring zum Durchschauen. Der Boden wird von feinen Linien durchzogen: Lebensadern, Nornenseile – die Fantasie der Zuschauer ist gefragt. Dazu kommen wenige Requisiten, die alle mehr oder weniger auf eine altertümliche Deutung hinweisen. Auch die Kostüme erinnern eher an Historienfilme. Die Männer Hunding und Siegmund mit langer Mähne scheinen direkt aus Game of Thrones zu kommen. Brünnhilde dagegen mit ihrem niedlichen Bogen und dem Wams gehört wohl zum Gefolge von Robin Hood. Ein Hauch von Modernität kommt nur durch die Projektionen von Matthias Lippert auf, der Raben, Hunde und Feuer dezent in Szene setzt.
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Gerd Heinz traut sich und dem Publikum einiges zu. Sogar absoluten Stillstand auf der Bühne weiß er einzusetzen. Das Blickduell zwischen Brünnhilde und Siegmund dauert fast 40 Sekunden. Es sind die kleinen Gesten, die seine Inszenierung so bemerkenswert machen. Wenn es mal groß werden soll – passend zur Musik – wirkt es meistens direkt übertrieben und hölzern. Szenen wie Wotans Abschied hat man dagegen in den letzten Jahren nie so berührend gesehen. Wie Vater und Tochter, Gott und Walküre voneinander Abschied nehmen, sich ohne irgendeinen Firlefanz im Arm halten, das berührt ungemein. Diese beiden göttlichen Wesen benehmen sich am menschlichsten. Wotan sieht man das Zerknirschte, das Scheiternde jeden Moment an. Brünnhilde dagegen ist die energiegeladene, alberne Tochter, die plötzlich die Liebe beobachten kann. Hin und her gerissen zwischen Liebe und Hoffnungslosigkeit werden Siegmund und Sieglinde fast übernatürlich. Mit zwei Fingern zieht Siegmund Nothung aus der Esche. Diese Details geben der Produktion ihren ganz eigenen Charme.
Hinzu kommt Wagners Musik, die sich wie ein Soundtrack hinter der Bühne aufbaut. Dank der Notenständer und den Instrumenten glitzert die Nordwestdeutsche Philharmonie wie das Rheingold im Hintergrund. Frank Beermann, der große Wagner-Macher in Minden, lenkt diesen eigentlich gar nicht so opernaffinen Apparat mit großer Umsicht durch den langen Opernabend. Auch er traut sich, Wagners Musik auszukosten. Stürmischem Liebestaumel und martialischer Attacke setzt er dramatische Ruhe entgegen. Das Orchester setzt sich dafür mit aller Kraft ein, riskiert auch die ein oder anderen Schnitzer, aber vermeidet um jeden Preis pauschales Musizieren.
Die Sänger nutzen die orchestrale Stütze von hinten. Hört man ihnen bei Singen zu, denkt man oft an Mozart und Schubert. Mit so viel Leichtigkeit und vor allem enormem Textverständnis gehen sie ihre Partien an. Allen voran Thomas Mohr als Siegmund, der in seiner Gesangskultur an den jüngst verstorbenen Johan Botha erinnert. Im leichtesten Parlando singt er Zungenbrecher wie „der Magen Sippe dem Mann ohne Minne die Maid“. Die Wälserufe dagegen stehen wie Berge im Raum. Leider ist seine darstellerische Präsenz verbesserungswürdig. Nicht so bei Dara Hobbs, die die Brünnhilde fast mit kindlichem Übermut singt und spielt. Das hört man schon bei den gefürchteten Hojotoho-Rufen, die bei ihr so mühelos gelingen. Zusammen mit Renatus Mészár steigern sich beide in eine rührende Aussprache im dritten Akt hinein. Während des liebevollen Abschieds wachsen Orchester, Sopran und Bass-Bariton so intensiv zusammen, dass man sich dieser Wirkung nicht entziehen kann. Mészár singt sich über den zweiten Akt hinweg frei, nachdem er den Wotan eher unausgeglichen beginnt. Die Auseinandersetzung mit seiner Gattin Fricka verliert er aber nicht nur wegen des Librettos. Die großartige Kathrin Göring verzichtet auf jeden falschen dramatischen Aplomb, sondern gibt der Göttin der Ehe viel Witz, Verachtung und Ironie. So ausgefeilt hat man diese Ehekrise selten gehört. Magdalena Anna Hofmann nutzt den räumlichen Vorteil dagegen noch zu wenig aus und drückt zu viel auf die Stimme. Trotzdem ist auch ihre Sieglinde eine gelungene Charakterstudie. Tijl Faveyts bringt für den Hunding einen passenden bedrohlichen Bass mit.
Dieses Ensemble, einschließlich des sehr guten Walküren-Oktett – wird vom Publikum, das sich konzentriert und ruhig präsentiert, lautstark gefeiert, und es findet dabei kein Ende. Lange, sehr lange dauert der Applaus bei der Premiere. Frank Beermann und das Orchester werden schon in den Pausen gefeiert. Die Blechbläser gehen nach Bayreuther Gepflogenheit auf den Balkon, um die Zuschauer auf den nächsten Akt einzustimmen. Die Stimmung ist entspannt. Hier im kleinen Minden wird deutlich, was den großen Festspielen fehlt: Charme und Zusammenhalt.
Rebecca Hoffmann