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Die vergangene Saison war für das Theater Münster sehr erfolgreich. Über 200.000 Besucher konnte Intendant Ulrich Peters verzeichnen. Fulminant beendet wurde die Saison mit zwei Verismo-Einaktern und darin gab es einen Blick hinter die Kulissen des Theaters. Zum Auftakt der neuen Saison gibt es wieder das Theater auf dem Theater, aber diesmal in Gestalt einer kosmischen Bühne und eines diabolischen Spielleiters. Gounods Faust wird andernorts auch Margarethe genannt, könnte in Münster Méphistophélès heißen. Denn Regisseur Aron Stiehl macht den Teufel zum Regisseur über das Leben. So macht er auf die große Lücke in der Adaption des Fauststoffes von Goethe durch Jules Barbier, Michel Carré und Gounod aufmerksam, in der Gott nicht in Erscheinung tritt. Quasi ungebremst führt der Teufel seine Spielbälle auf ihren Untergang zu.
Dietlind Konold zieht die gesamte Oper ganz nah an den Orchestergraben heran. Eine kosmische Wand nimmt der Bühne fast jegliche Tiefe, nur eine Bühne darin wird zum Blickfang. Darin ist Margarethe, aber auch ihr Bruder Valentin gefangen. Am Ende stellt sie tatsächlich das Gefängnis dar, in dem Margarethe sterben wird. Für den Chor gibt es in der Wand kleine Fenster, hinter denen er als Beobachter auftritt. Schade, dass eine permanent strickende Choristin, deren Schal immer länger wird, doch keine Pointe der Inszenierung wird.
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Hat man mit niedlichen Spezialeffekten immer zunächst das Gefühl, einer schönen Revue-Show beizuwohnen, kippt die Inszenierung immer mehr und mehr ins angedeutete Grauen. Mit dem Tod des Valentin und der Kirchenszene wird der Wahnsinn des Gretchens besiegelt. Lüstern wartet der Chor, sogar Marthe und Siebel sind darunter, darauf, dass die Mutter ihr Kind tötet. Faust im Drogenrausch bekommt nicht mit, wie seine Walpurgisnacht zum Albtraum seiner Geliebten wird. Die Drogen, die Faust bekommt, sind eine leicht abgedroschene Metapher für die sinnlichen Oberflächlichkeiten, die Mephisto seinem Opfer bieten kann. Aber immerhin erfüllt sie ihren Zweck und lässt sozusagen auch das Ende offen für Faust II. Stiehl inszeniert konsequent und elanvoll. Seine größtenteils recht unterhaltsame Inszenierung hat durchaus ihre unbequemen Seiten.

Vielschichtig ist auch das, was Stefan Veselka und das Sinfonieorchester anbieten. Veselka wählt flüssige Tempi und sucht Pathos nur auf, wenn es unbedingt sein muss. Wie schön klingt in dieser französischen Musik die Palette der Emotionen. Da darf das Orchester schon mal richtig kitschig flirten, bevor es in fahle Kälte verfällt. Schade, dass der Dirigent die Striche im vierten Akt mitgetragen hat. Denn in Münster erlebt man, wie schön luftig und atmosphärisch, aber auch brutal die Musik klingen kann.
Allerdings geht das nie zu Lasten der Sänger, selbst wenn Paul O‘Neill in der Mittellage die Resonanzen seiner kräftigen Höhe fehlen. Ansonsten ist er optisch und auch stimmlich ein sehr eleganter Faust, der vor allem das Legato studiert haben muss und nebenbei einen Doktor für Spitzentöne gemacht hat. Mit letzterem gibt er vielleicht eine Spur zu viel an. Henrike Jacob passt fast ins Bild einer idealen Margarethe. Manche Höhe ist dann doch eine Nuance zu hart, aber hier hat sie eine Rolle gefunden, in der sich ihr Sopran hörbar wohlfühlt. Darstellerisch wirkt sie etwas kühler, gemessen an anderen Rollen, die sie in Münster verkörpert hat. Neu am Theater ist Bariton Filippo Bettoschi, der abgesehen von kleinen Intonationstrübungen im Passagio einen exquisiten Valentin singt. Plamen Hidjov hat sichtlich Freude bei seinem kurzen Auftritt als Wagner. Suzanne McLeod spielt eine hinreißende Marthe, ihre Stimme stößt aber mittlerweile an deutliche Grenzen. Lisa Wedekind bleibt als Siebel überraschend leicht hinter den Erwartungen zurück.
Schon oft hat Gregor Dalal den Schurken in Münster gesungen, der Méphistophélès gelingt ihm jetzt quasi auf den Punkt. Von Dietlind Konold in viele verschiedene Kostüme verpackt, ist auch seine Darstellung chamäleonhaft. Albern, süffisant und dreckig kann er sein, aber eben auch einfach nur abgrundtief böse.
Vom hörbar zufriedenen Publikum wird er dafür deutlich gegenüber den anderen Sängern in der Applausstärke bevorzugt, aber insgesamt werden alle Musiker sehr euphorisch bedankt. Da man in Münster doch mittlerweile recht schnell zu stehenden Ovationen greift, kann man diese nicht zuverlässig als Erfolgsgradmesser durchgehen lassen. Für die Stimmung ist es natürlich gut. Das Regieteam wird ohne weitere Ablehnung oder Zustimmung mit einbezogen, was doch für überraschte Gesichter auf der Bühne sorgt. Hoffentlich spricht sich der Erfolg der französischen Oper schnell herum, denn es wäre nicht nur für die nächste Statistik wünschenswert, dass die Ränge voller besetzt sind als in der Premiere.
Christoph Broermann