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DIE VORSTELLUNG
(Sven David Sandström)
Besuch am
28. August 2016
(Uraufführung)
Jean Martin Charcot sorgte für großes Aufsehen mit seiner neuartigen Behandlungsmethode für psychisch Kranke Ende des 19. Jahrhunderts in Paris. Er ließ sie ihre Krankengeschichte und ihre krankes Inneres vor Publikum erzählen, darstellen, neudeutsch performen. Viele Wissenschaftler, unter anderem auch Sigmund Freud, waren unter den Zuschauern im Hôpital de la Salpêtrière. Jean Martin Charcot erhielt für seinen Erfolg unter anderem die erste Abteilung für psychisch Kranke in einem Spital.
Auf Initiative der drei Sängerinnen dieser Uraufführung erhielt der bedeutende schwedische Komponist Sven David Sandström den Auftrag vom Baltic Sea Festival, gemeinsam mit der Lyrikerin Katarina Frostensen diese historische Sensationsgeschichte als Bühnenwerk zu vertonen. Drei Patientinnen singen über ihre Ängste, traumatischen Erlebnisse, Wünsche und Begierden, während sie sich auf ein Kostümfest im Spital vorbereiten und ihre Kostüme gestalten.
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Die Uraufführung findet in der Rotunde, einem kleinen halbkreisförmigen Anbau an der königlich-schwedischen Oper statt. Das Orchester unter der Leitung von Mattias Böhm umfasst sieben Musiker und ist neben der Zuschauertribüne aufgereiht. Alles ist ganz nah und steigert so die Eindringlichkeit der obskuren Geschichte und ihre moderne Darstellung. Das Bühnenbild ist schlicht. Ein langer Gang mit vielen offenen Türen wird stark verkürzt in der Perspektive dargestellt. Ein kurzes musikalisches Vorspiel aus einem unruhigen, leicht mit Dissonanzen durchsetzten Klanggebilde führt das Publikum zum Handlungsort. Der Reihe nach kommen die drei Darstellerinnen auf die Bühne, jede ein anderes Stimmungsbild darstellend, sich verändernd von vergeistigt abwesend bis überaktiv manisch cholerisch. Ausdrucksstark wird in der Regie von Ellen Limm die Mimik von Gesicht und besonders der Augen eingesetzt, nah genug zum Publikum, um die Wirkung nicht zu verlieren. Die Kostüme von Stina Hedin sind ebenso schräg bis nichtssagend, dem schmucklosen Schlafanzug von Krankenhäusern nachempfunden.
Jeanette Köhn, Katja Dragojevic und Miriam Treichl sind die drei Patientinnen, die scheinbar frei und ungezwungen miteinander plaudern und spielen, um dann wieder in ekstatische Verzückung oder manische Wahnvorstellungen zu verfallen, sich immer wieder finden und liebevoll zusammenstehen. Stimmlich ausgelotet bleibt es gesanglich kraftvoll ohne scharf, schrill oder gar hysterisch überzogen zu wirken. Angesichts der Geschichte und in der Höhe gesetzten Komposition eine anspruchsvolle Aufgabe.
Sandströms Komposition wirkt eintönig und lässt Farbigkeit für die verschiedenen Stimmungsbilder vermissen, erreicht aber in der Monotonie eine beklemmend ausgeprägte Wirkung. Es scheint sich einer Katastrophe zuzubewegen, diese bleibt aber aus und besonders die breit angelegte Instrumentierung im Schlagzeug löst dramatische Steigerungen in Leichtigkeit auf. Typisch sind die weiten kosmisch anmutenden Melodiebögen und sphärischen Klänge in dieser Komposition, die die Unendlichkeit der Wahnvorstellungen wiederspiegeln. Für die der schwedischen Sprache nicht mächtigen Zuschauer fehlen die nötigen Informationen zum Text, aber die Musik schafft die Brücke des grundsätzlichen Verstehens und nimmt jeden mit ins Geschehen. Man spürt Betroffenheit und Mitgefühl mit dem Schicksal der Kranken und verliert die Scheu und den Abstand. Respektvoll schwillt der Applaus an, um dann in große Begeisterung zu verfallen. Die Realität der Darstellung und die Kraft der Musik weckt in jedem die Phantasie, das Mitgefühl, aber auch die Vorstellung von der damaligen Situation im Krankenhaus Salpêtrière.
Nach dieser gelungenen Uraufführung setzt sich das Festival anschließend im großen symphonischen Eröffnungskonzert mit dem Klavierkonzert von Béla Bartók und der Turangalila-Symphonie von Olivier Messiaen mit Übertragung im schwedischen Rundfunk fort. Prominent die Besetzung mit der Pianistin Yuja Wang und dem finnischen Dirigenten Esa Pekka Salonen auf der Bühne und mit verschiedenen Politikern im Parkett. Ein Hingucker ist die Pianistin in ihrem rosa hochgeschlitzten Abendkleid, aber nach den ersten Tönen ist das Ohr gefordert. Kraftvoll der Anschlag, energisch die Konfrontation mit dem Orchester, temperamentvoll die Dramaturgie in ihrer Interpretation, wobei sie die lyrischen und tänzerischen Ansätze übergeht und undifferenziert bleibt. Salonen führt das schwedische Radiosymphonieorchester zurückhaltend und versucht, die Pianistin zum weichen Spiel zu ermuntern. Valerie Hartmann Claverie setzt gekonnt die fremdartigen Klangsätze mit dem Martenot, antwortet geschmeidig auf die Motivansätze im Klavier und Salonen führt sein Orchester mit Spannung und exaktem Einsatz. Das Publikum bedankt sich begeistert.
Helmut Pitsch