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Backstage - 3 Fragen/3 Antworten
JULIA KOCI
Geboren in Wien, ging Koci im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern nach New York. Dort absolvierte sie nach Ballett, Modernem Tanz und Musicalausbildung ihr Gesangsstudium am Mannes College. Seither tourt sie über die europäischen Bühnen. Immer wieder aber nimmt sie auch Gastrollen in den USA an. Seit 2013 ist Koci Mitglied im Ensemble der Wiener Volksoper.
Opernnetz Sie sind in Wien geboren, aber in Amerika aufgewachsen und haben dort auch Ihre Gesangsausbildung absolviert. Wenn Sie Ihr Studium am Mannes College in New York noch einmal Revue passieren lassen: Was hat Ihnen an der Ausbildung besonders gut gefallen, und wo sehen Sie rückblickend Schwächen im amerikanischen Ausbildungssystem für Sänger?
Julia Koci Ich habe meine Ausbildung am Mannes College als sehr umfangreich empfunden. Wir hatten nicht nur eine Gesangsausbildung mit großartigen Lehrern – meine Lehrerin war Ruth Falcon, die bekannt war für ihre Turandot an der Metropolitan Opera – aber mussten auch in sieben Schlüsseln vom Blatt lesen können sowie Grundkenntnisse des Dirigierens erwerben und hatten wöchentlich Klavier-Unterricht. Mannes war oder ist bekannt für Alte Musik, und so konnte ich auch ein Jahr Aufführungspraxis der Alten Musik zusätzlich studieren und ausführen. Vielleicht lag es daran, dass ich mein Opern-/Gesangsstudium ziemlich spät anfing, ich war schon 22, dass ich nicht genug Möglichkeiten hatte, auf der Bühne Lieder oder Oratorien sowie Opern aufzuführen, weil es pro Jahr nur eine beschränkte Anzahl von Vorstellungen gab, und die fortgeschrittenen Sänger die Rollen oder Abende besetzten. Aber wir wissen ja heute oder ich zumindest empfinde es so, dass das Lernen und der Fortschritt auf der Bühne passieren. Ich bin sowieso ein „Bühnentier“, immer schon gewesen, seitdem ich sechs Jahre alt bin. Mein Studium begann mit Ballett, später kam Moderner Tanz dazu, was mich zum Musical führte und dann eben später zur Oper. Deswegen war die Bühne nichts Neues für mich und ich wusste: Nur da lerne ich das Wichtigste, nicht im Übungsraum!
Was ich generell in dem Schulsystem als Manko betrachte, und das vielleicht nicht nur in Amerika, ist das Problem, dass zu viele Schüler aufgenommen werden. Die dann wiederum in der Ausbildung wenig Chancen haben, Vorstellungen zu singen oder Liederabende zu geben. Die Anzahl von graduierten Sängern ist so enorm, dass es einfach keine realistische Jobsicherung geben kann. Ich glaube, dass nur wirklich hochtalentierte, begabte und individuelle, einzigartige Bewerber aufgenommen werden sollten, die dann auch das angebotene Curriculum in College oder Konservatorium total ausnützen können.
Opernnetz Ihre Erfahrung auf europäischen Bühnen ist ja bereits beträchtlich. Aber immer wieder zieht es Sie auch in die USA zurück. Im europäischen Blickwinkel wird ja meist die private Finanzierung amerikanischer Opern(häuser) wahrgenommen. Aber wie gestaltet sich eigentlich die Arbeit der Opernsängerin auf und hinter der Bühne im Vergleich zu Europa? Wo liegen die Gemeinsamkeiten, was macht das Besondere eines Auftritts in den USA aus?
Koci Da ja man in den USA auf Sponsoren angewiesen ist, damit überhaupt eine Oper aufgeführt wird, weil, wie wir wissen, der Staat Kultur nicht finanziert, ist das Arbeiten an einem Opernhaus in Amerika immer sehr speziell. Jeder weiß es sehr zu schätzen, dass überhaupt eine Oper zustande kommt. Wir Sänger müssen komplett studiert zur ersten Probe kommen, weil es keine sechs Wochen Probenzeit gibt. Das ist ja Luxus in Europa mit den Probenzeiten! In den USA werden die Opern in der Regel in etwa drei Wochen auf die Bühne gestellt, aber ich habe auch schon erlebt, dass eine gesamte Produktion nach zwei Wochen ihre Premiere hat. Das bedeutet intensives, tägliches Proben und keine Zeit für „Schauen wir mal, probieren wir es mal so …”. Meistens sind nach der ganzen Vorbereitungsarbeit auch nur zwei bis drei Vorstellungen geplant, was auch bedeutet, dass man hoch konzentriert und wirklich sein allerbestes geben muss in nur dieser kurzen Zeit. Das trainiert. Was ich in Europa sehr schätze ist, dass es noch die Möglichkeit gibt, mit Kollegen, Regisseur und Dirigent ein Stück gemeinsam zu entwickeln – ohne Hektik und Zeitdruck. So kann Kunst entstehen. Allen gemeinsam ist meiner Erfahrung nach das unglaubliche Bündnis, das unter Kollegen in der Probenphase entsteht, seien es zwei Wochen oder auch sechs. Es ist ein unglaubliches Geschenk, Kunst schaffen zu dürfen. Es ist jedes Mal eine Bereicherung, das Herz mit anderen zu teilen, die man vorher nicht kennt und denen man in nur so kurzer Zeit so nahe kommt.
Opernnetz Bislang haben Sie eher tourniert. Erst vor zwei Jahren wurden Sie Ensemble-Mitglied der Wiener Volksoper. Neben finanzieller „Sicherheit“ und besserer Planbarkeit in persönlicher Sichtweise: Brauchen wir eigentlich à la longue noch Ensembles – und wenn ja, warum?
Koci Ich kann nur sagen, ich bin sehr froh, fest an einem Haus zu sein. Noch dazu in meiner Heimatstadt und einem Haus wie der Volksoper, die mir erlaubt, meine gesamte Vielfalt in Musical, Operette und Oper darstellen zu dürfen. Nebenbei finde ich noch Zeit, meine Barock-Konzerte und Oratorien aufführen zu können, was es natürlich auch noch attraktiver macht für mich. Ein Ensemble ist doch noch was ganz spezielles, weil – unterstellt, das Haus ist gut geführt – die Sänger die Chance haben, sich zu entwickeln und auch die Ruhe, vieles auszuprobieren. Noch dazu wenn man das Haus, die Kollegen, die Direktion schon kennt und sich in der Atmosphäre wohl fühlt, ist man schon entspannter. Man hat auch die Chance, mal ein bisschen was auszuprobieren. Sei es, eine neue Rolle oder vielleicht mal an einem Abend der 25. Vorstellung einen neuen Schmäh, eine Phrase ohne Zwischenatem auszuprobieren oder eine neue Kadenz. Ensembles sind wichtig! Viele Besucher kommen, weil sie den einen oder den anderen schon kennen und wie wir auf die neuen Aufgaben neugierig sind. Treue Besucher werden zu Fans, die uns immer wieder in neuen anderen Rollen sehen wollen. Oder bei den bekannten Rollen kommentieren, wie sehr sich meine Pamina entwickelt hat oder wie anders ich heute gespielt habe, meine Pauline zehnmal komischer war oder meine Kadenz als Luisa heute besonders schön war.
Die Fragen stellte Michael S. Zerban