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Hintergründe

Der Tannhäuser ist für ihn Neuland. Auch wenn er sich als Assistent von James Levine an der Metropolitan Opera intensiv mit dem Werk Richard Wagners beschäftigte, mit Levine die Walküre und das Rheingold einstudierte. Und mit Peter Schneider lernte er in New York den Parsifal kennen. Es waren wichtige Jahre von 2006 bis 2012 für Kazem Abdullah, an dem berühmten Haus das Handwerk des Korrepetitors und Kapellmeisters praktisch erproben zu können. Ein gutes Rüstzeug, das ihm 2012 zum Amt des Aachener Generalmusikdirektors verholfen hat. Dass er seinen im August 2017 auslaufenden Fünf-Jahres-Vertrag nicht verlängert, darüber hüllt sich der 36-jährige US-Musiker in eisernes Schweigen. „Ich muss mich zurzeit auf die anstrengenden Vorbereitungen für den Tannhäuser und Mahlers Sechste Symphonie konzentrieren“, lenkt Abdullah ab.
Das ist natürlich nicht die richtige Methode, um Spekulationen in Stadt und Land abwürgen zu können. Fest steht, dass Abdullah das hohe Niveau, das das Aachener Sinfonieorchester unter seinem Vorgänger Marcus Bosch nach zehn trostlosen Jahren wiedererlangt hat, vor allem im Konzertbereich halten und zementieren konnte. In der Oper wurde nicht jede Premiere ein Volltreffer und mit der Klangbalance im akustisch problematischen Stadttheater tut er sich nicht minder schwer als sein Vorgänger. Immerhin sind vorzügliche Produktionen von Janáčeks Jenufa und Dvořáks Rusalka auf überregionales Interesse gestoßen.
Fest steht allerdings auch, dass er mit seiner zurückhaltenden, fast scheuen Art, verbunden mit einigen Sprachproblemen, das Publikum nicht so unmittelbar ansprechen kann wie Bosch. Das schlägt sich weniger im regulären Konzertbetrieb nieder, umso deutlicher jedoch in populären Neuerungen, mit denen Bosch publikumswirksam jüngere und verlorengegangene Publikumsschichten gewinnen konnte, so dass die Konzerte in der Regel ausverkauft sind. Aber Weihnachts- und Neujahrskonzerte, Open-Air-Veranstaltungen im Kurpark, Konzerte für Studenten in der Hochschule und die Mitwirkung bei Reiterspielen im Rahmen des CHIOs: All das sind Ereignisse, die durch die unmittelbare Ansprache Boschs eine besondere Anziehungskraft gewannen. Und gerade das ist Abdullahs Sache nicht. So richtig angekommen ist der in Indianapolis geborene Musiker im Rheinland nicht. Und es bleibt nur wenig Zeit, es noch zu schaffen.
Dass er weniger den Rummel als Feinkost für Gourmets schätzt, zeigt er mit seinem Einsatz für die wichtigste und bestens besetzte Kammermusikreihe Accordate, in der Künstler wie Dorothee Oberlinger, Anne Schwanewilms, Lars Vogt, das Jean-Paul-Trio und Bruno Ganz auftreten. Hier zeigte er in einer denkwürdigen Interpretation von Messiaens Quatuor pour la fin du temps mit dem Trio Wanderer, welch glänzender Klarinettist er ist.
Der Tannhäuser wurde in Aachen zuletzt vor 19 Jahren aufgeführt, in einer der dunkelsten Phasen der Aachener Theatergeschichte. Nach dem Weggang von Intendant Klaus Schultz, der zuvor als Chefdramaturg der Bayerischen Staatsoper und danach als Intendant des Gärtnerplatztheaters gute Arbeit leistete und der Aachener Oper mit namhaften Regisseuren wie Willy Decker und Sänger(inne)n wie Luana deVol zu überregionalem Glanz verhalf, führte Elmar Ottenthal das Theater von 1992 bis 2000 in ein künstlerisches und wirtschaftliches Desaster. Verbunden mit der kuriosen Entscheidung der Stadt, den italienischen Donizetti-Kenner Elio Boncompagni zum Generalmusikdirektor zu verpflichten, obwohl sich Talente wie Ingo Metzmacher und Michael Schønwandt für das Amt bewarben. Ein Italiener von eher grobem Schrot und Korn, der seinen Donizetti kannte, aber das Spielniveau des Sinfonieorchesters in einen Abgrund führte, der ganze Besucherscharen, besonders im Konzertbereich, in die Flucht schlug. Es ist das Verdienst von Marcus Bosch, in den zehn Jahren von 2002 und 2012 das Sinfonieorchester und auch die Oper, zusammen mit den Intendanten Paul Esterhazy und Michael Schmitz-Aufterbeck, zu neuen Höhenflügen zu motivieren.
Der erste Tannhäuser nach 19 Jahren
Der Tannhäuser von 1997 in der matten Regie von Ludwig Kaschke, einer unglücklichen Sängerbesetzung und dem katastrophalen Dirigat von Elio Boncompagni wurde ein Desaster. Einfacher ist die Besetzung des heiklen Stücks heute nicht geworden. Abdullah ist sich jedoch sicher, eine gute Wahl getroffen zu haben. Ebenso wie mit der Mischform aus den Dresdner und Pariser Fassungen. An dem Stück interessiert ihn besonders die schroffe Konfrontation zwischen der sinnlichen Venusberg-Welt und dem bigott-frommen Katholizismus. „Außerdem hat Wagner in diesem Stück die psychischen Spannungen und Konflikte der Figuren in Text und Musik ebenso kongenial eingefangen wie in seinen anderen Meisterwerken“, erklärt der Generalmusikdirektor.
Interessant, dass er die akustischen Probleme des Theaters gerade beim Tannhäuser als wesentlich geringer empfindet als in Stücken wie der Jenufa, der Tosca oder der Rusalka. „Ich gehe beim Tannhäuser vom frühromantischen Klangbild Webers oder Mendelssohns aus. Und manche Teile sind für mich so transparent wie eine Bach-Arie“, sagt Abdullah. Dass er bei dem Stück mit Gästen arbeiten muss und es nicht vollständig aus dem Ensemble besetzen kann, stört ihn wenig. „Das Ensembletheater hat gewiss viele Vorteile. Man kann die Leute dauerhaft inspirieren und fördern. Andererseits gibt einem das Stagione-System mehr Freiheit bei der Auswahl der Stücke“, glaubt Abdullah. Eine Einschätzung, mit der er als Amerikaner, der die Ensemblekultur nicht gewohnt ist, gewiss nicht allein dasteht.
Dass Fritz Reiner, Herbert von Karajan, Wolfgang Sawallisch und Gabriel Chmura in Aachen als Musikdirektoren gewirkt haben, darauf ist man in der Stadt mit Recht stolz. Auch wenn deren Amtszeiten meist recht kurz waren und Fritz Reiner und Karajan nicht ohne Spannungen die Stadt verließen. Auch wenn das Theater mit wesentlich schwächeren Musikchefs manche Talsohle durchqueren musste. Wenn sich Kazem Abdullah unter der Büste von Karajans, die die Eingangshalle des Theaters ziert, fotografieren lässt, fühlt er sich geehrt, aber nicht belastet. Dazu besteht auch kein Grund. So solide, wie das Theater derzeit aufgestellt ist, war es längst nicht immer. Und dazu trägt auch – noch – Kazem Abdullah bei.
Pedro Obiera