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SPEZIAL Bayreuther Festspiele 2016

Neueste Hiobsbotschaft: Bei der Überprüfung der 800 Mitarbeiter der Bayreuther Festspiele hat sich herausgestellt, dass 35 von ihnen vorbestraft sind. Der Polizeidirektor empfiehlt der Festspielleitung, sich von diesen Kräften zu trennen. Der Datenschutzbeauftragte wettert dagegen, die Leitung hält sich bedeckt. Unklar bleibt, ob die Vorstrafen sicherheitsrelevante Tätigkeiten berühren. Das ist nur eine Kuriosität im dichten Netzwerk der Sicherheitsmaßnahmen, die in diesem Jahr ergriffen werden. Das Verbot von Sitzkissen für die harte Bestuhlung und die Anweisung an die Mitarbeiter, ihre Kinder zu Hause zu lassen: das und manches mehr grenzt an Hysterie.
Das Pressebüro verbreitet vor allem Optimismus. „Das Festspielhaus erstrahlt in neuem Glanz“, heißt es in einer diesbezüglichen Verlautbarung. In der Tat: Die langwierige Restaurierung der Südfassade des Hauses ist abgeschlossen und die Plastikplanen sind gefallen. Das Haus zeigt sich von seiner Schokoladenseite. Dass der Zugang aufgrund drastisch verschärfter Sicherheitsmaßnahmen erschwert und der Bühnenbereich von einem hässlichen Zaun eingegrenzt wird, ist aus Sicht der verantwortlichen Stellen verständlich, auch wenn die Beschränkungen bei den Künstlern nicht auf ungeteilte Gegenliebe stoßen und Klaus Florian Vogt, der Parsifal der Eröffnungspremiere, sogar schon von Sicherheitskräften isoliert und vernommen wurde. Man wollte nicht ohne Überprüfung glauben, dass Vogts Tarnfleck-Anzug aus dem Kostümfundus stammte und zum Bühnen-Outfit gehörte.
Dabei zählen solche Episoden und die Irritationen der letzten Wochen um die vorzeitige Abreise von Andris Nelsons, der die mit Spannung erwartete Neuinszenierung des Parsifal dirigieren sollte, zum traditionellen Geplänkel im Vorfeld der Festspiele. Bei der Lösung des Problems ging man bei der Festspielleitung mit pragmatischer Umsicht vor. Mit Hartmut Haenchen, dem Wagner-erfahrenen, langjährigen Chefdirigenten der Amsterdamer Oper, der bereits in den 1970-er Jahren als Assistent von Pierre Boulez Bayreuther Luft schnuppern durfte, nimmt man ein kalkulierbares Risiko in Kauf. Ebenso wie mit dem Nachfolger von Kirill Petrenko, dem Dirigenten des nicht sonderlich geliebten Rings von Frank Castorf. Mit Marek Janowski, mit seinen 77 Jahren noch drei Jahre älter als Haenchen und mindestens so Wagner-versiert wie sein Kollege, verlässt man sich auf eine bewährte Kraft, die das Stück kennt, freilich noch nicht im Bayreuther Orchestergraben gestanden hat.
Dass sich die Festspielleitung mit ihrer Informationspolitik bedeckt hält, ist ebenfalls nichts Neues. Spekulationen gehören zum Beiprogramm der Festspiele. Bedenklich stimmt freilich, dass Katharina Wagner, die mittlerweile alleinige Leiterin, die Tarnkappe aufgesetzt hat und sich seit der letzten Spielzeit außerhalb des Festspielhauses und diverser VIP-Zelte kaum sehen lässt. Das begann im vergangenen Jahr mit einer Pressekonferenz, in der die Leitung mit Ausnahme des kaufmännischen Direktors und des Pressesprechers vollständig fehlte. Und in diesem Jahr verlegt man die offizielle Pressekonferenz gar ans Festspielende, wenn nahezu alle auswärtigen Journalisten längst abgereist sind.
Katharina Wagner: Man sah sie nach ihrer Tristan-Premiere im letzten Jahr nur kurz vor dem Vorhang, dann gar nicht mehr. Dabei bot die Berufung von Christian Thielemann zum „Musikdirektor“ genügend Diskussionsstoff. 140 Jahre kamen die Festspiele ohne dieses Amt aus. Was sich dadurch verbessern soll, bleibt bis heute ein Geheimnis. Denn auch Thielemann glänzte vor der Presse durch Abwesenheit. Dass er durch Interventionen Andris Nelson vergrätzt haben soll und dem 20 Jahre älteren Marek Janowski noch erklären wollte, wie man Wagner zu dirigieren habe, kursiert als Gerücht auf dem Hügel. Angesichts der Geheimniskrämerei nicht verwunderlich.
Es sieht so aus, als ob nach dem Rauswurf von Eva Wagner-Pasquier und der ins Schattenreich abgewanderten Katharina Wagner Thielemann das Leitungsheft in die Hand nehmen wolle. Kein Dirigent vor ihm übte so viel Einfluss auf die Besetzungspolitik aus wie er. Das muss kein Nachteil sein, zeugt aber von der Führungsschwäche Wagners. Dass „Seiteneinsteiger“ außerhalb des Wagner-Clans das Haus professioneller führen könnten als geborene Nachkommen des Meisters, darüber wurde schon vor der späten, letztlich krankheitsbedingten Abdankung von Wolfgang Wagner viel diskutiert.
Als wesentliches Argument für die Wahl der Ur-Enkelinnen wurde gerade das besondere Charisma angeführt, das die Bayreuther Festspiele durch die Anwesenheit echter Nachkommen erhalten. Es scheint, dass dieser Trumpf nicht mehr sticht, wenn sich die Wagners dem Publikum entziehen. Das Publikumsinteresse hat deutlich nachgelassen. Dass Karten für den Ring heute problemlos erworben werden können, ist ein bedrohliches Alarmsignal. Dass Katharina Wagner den Karren aus dem Dreck ziehen kann, scheint fraglich. Und wie weit soll der Einfluss von Thielemann noch gehen? Die Festspiele brauchen eine sicht- und erkennbare Führung, die die Herausforderungen der Zeit annimmt. Ob Holger von Berg, der neue Geschäftsführer, die Festspiele auf Kurs bringen kann, darf nach seinen eher hilflos klingenden Vorschlägen angezweifelt werden. Veränderungen könne er sich bei den Kartenpreisen oder Spielplänen vorstellen. Was sich an den doch vordefinierten „Spielplänen“ ändern kann und soll: Eine konkrete Antwort bleibt er bis heute schuldig. Fazit: Eine saubere offene Ausschreibung der heiklen Intendantenposition lässt sich auf Dauer nicht vermeiden.
So werden die Festspiele am Montag unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen ohne Anwesenheit der Bundeskanzlerin mit einem neuen Parsifal eröffnet. Regisseur ist der ehemalige Intendant der Kölner Oper und derzeitige Chef des Wiesbadener Staatstheaters, Uwe Eric Laufenberg, der bereits einen Parsifal für seine kurze, vorzeitig abgebrochene Amtszeit in Köln geplant hatte. Skandälchen wie von Jonathan Meese, der vor zwei Jahren rechtzeitig von der Regie „entbunden“ wurde und Laufenberg als „Pottsau“ und „Kameradenschwein“ beschimpfte, sind von Laufenberg nicht zu erwarten. Aber das muss kein Nachteil sein.
Pedro Obiera