Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Monika Rittershaus

Hintergründe

Musik liegt in der Luft

Kinder- und Jugendprogramme sind mittlerweile eine Selbstverständlichkeit im Opernbetrieb geworden. Sie sind wichtig fürs Profil, denn es gilt, die Besucher der Zukunft zu gewinnen. Die drei großen Berliner Opernhäuser setzen dabei jeweils eigene Akzente.
Die mitwirkenden Jugendlichen von Es liegt in der Luft stellen sich vor. - Foto © Thomas Bartilla

Die Deutsche Oper entwickelt in der Tischlerei neue Formen und zeigt Experimentelles, die Staatsoper geht mit ihren Jugendprojekten in die Werkstatt, kooperiert dazu noch mit dem Kinderopernhaus Lichtenberg und die Komische Oper stemmt gar jedes Jahr eine große Produktion auf die Hauptbühne. Weil Konkurrenz bekanntlich das Geschäft beflügelt, wetteifern gleich zwei Premieren innerhalb einer Woche um die Gunst des jungen Publikums.

„Kinder brauchen Theater“, sagt beispielsweise die elfjährige Jessica. Und Kanita, neun Jahre alt, meint: „Wenn ich auf der Bühne stehe, fühle ich mich total anders als sonst.“ Im 2009 vom Caritasverband und der Staatsoper gegründeten Kinderopernhaus Lichtenberg werden Sprösslinge im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren von professionellen Künstlern an die Opernwelt herangeführt. Vielfältig sind die Angebote. Sie reichen von Workshops, Gesprächskonzerten bis zum Erarbeiten eigener Musiktheaterprojekte, die Höhepunkte für die meisten der jungen Darsteller.

Spielen und Singen wie die Großen

In der Schillertheaterwerkstatt sind sie nun in die Rollen von Verkaufspersonal und Schnäppchenjägern geschlüpft. Denn in einem Warenhaus spielt die fünfte, bislang ehrgeizigste Produktion der Kinderoper. Sie gilt Mischa Spolianskys 1928 uraufgeführter Kabarettrevue Es liegt in der Luft, bei der der Nachwuchs singend, tanzend und schauspielernd gefordert ist. Und tatsächlich ist er bei der kurzweiligen Show um ein im Laden von seinen Eltern vergessenes Zwillingspaar, einen gestohlenen Ring und die Suche nach dem Dieb mit vollem Einsatz dabei.

Regisseurin Annika Haller hat die Schillertheaterwerkstatt mit Ramschtisch, Kleiderständern und Schaufensterpuppen in ein großes Geschäft verwandelt und sorgt für einen beschwingten Ablauf. Angefeuert von Max Renne und der kleinen Staatskapellenband haben die mitwirkenden Profis Friederike Harmsen, Adriane Queiroz, Christian Oldenburg und Gyula Orendt spürbar mindestens ebenso viel Spaß an der quirligen Angelegenheit wie die Jugendlichen und – nicht zu vergessen – die begeisterten Zuschauer.

Die Profis sind immer dabei

Die Jugendarbeit der beiden großen Opernhäuser findet in kleineren Spielstätten statt. Nicht so in der Komischen Oper. Die Inszenierungen für die Kleinen werden mit ähnlichem Aufwand betrieben wie die jüngsten Musical- und Operettenproduktionen für die Erwachsenen. Wie jetzt bei Schneewittchen und die 77 Zwerge. Die neue Oper von Autorin Susanne Felicitas Wolf und Komponistin Elena Kats-Chernin erzählt das bekannte Märchen pointenreich, leicht modern aufgepeppt und bietet dazu eine eingängige Mixtur aus Filmmusik, Musical und Oper. Pawel Poplawski dirigiert sie mit lässigem Swing, Christian von Götz nutzt jede Gelegenheit zu inszenatorischem Witz. Viel Fantasie und etliche Effekte zum Staunen stecken in dem Bühnenbild von Lukas Noll und den Kostümen von Karin Fritz. So ernten die Wichtel prompt Szenenapplaus, wenn sie über Rutschbahnen in ihre kunterbunte Behausung fahren. Alma Sadé ist ein Schneewittchen mit frischem Sopranklang und blitzenden Höhen, Susanne Kreusch eine herrlich überkandidelte Stiefmutter mit Gewichtsproblemen und Adrian Strooper ein stimmlich einschmeichelnder Prinz. Dirk Johnston steuert als weißer Hase sein großes Musicalkönnen bei, steppt lässig und schlägt auch mal ein Rad. Und weil der Kinderchor der Komischen Oper nicht nur aus sieben Sängern besteht, tummeln sich eben nahezu 77, von Dagmar Fiebach musikalisch bestens präparierte Zwerge auf der Bühne. „Diese Show lohnt sich“, heißt es im zweiten Teil von Schneewittchen. Dem kann nur zugestimmt werden.

Teenagern allerdings und diejenigen, die es ernster und aktueller mögen, sei die Deutsche Oper empfohlen. Dort nämlich betreten demnächst jugendliche Berliner und Geflüchtete gemeinsam Neuland – so der Name des Musiktheaterprojekts – und gründen in der Tischlerei einen Utopie-Staat.

Karin Coper