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Hintergründe

Es gibt Festivals, die ziehen das große Publikum an. Und es gibt Festivals, die eher im Verborgenen blühen, aber nicht weniger beachtenswert sind. Dazu gehört No Limits. Zum siebten Mal präsentiert es spartenübergreifende Theaterkunst von Menschen mit Beeinträchtigungen. An elf Tagen kann man an verschiedenen Spielstätten aus einem dicht gedrängten Programm wählen. Performances, Tanz, kleine und große Theaterformate, Film und ein Schauspielworkshop werden angeboten und neue Perspektiven in der Theaterarbeit mit geistig, seelisch oder körperlich Behinderten in dem Symposium „Wen kümmerts, wer spricht?“ diskutiert.

Aus Zürich ist das Theater Hora, das durch seine Zusammenarbeit mit dem belgischen Choreografen Jérôme Bel Berühmtheit erlangt hat, für eine Werkschau angereist. Mit Disabled Theater gastiert die Truppe in der ganzen Welt, doch in Berlin beweist sie durch eine staunenswerte Vielseitigkeit, dass sie im Theaterleben auch jenseits dieses Publikumsrenners bestehen kann. Nachgestellte Videos von Hitchcock-Filmen, gemeinsame Auftritte mit dem Puppentheater Helmi und das Musical Normalität zeugen davon, dass es dem Ensemble an Ideen und Selbstbewusstsein nicht mangelt.
Die große Festspielpremiere steuert das Berliner Theater RambaZamba bei. Zur Aufführung kommt Victor Hugos Die Elenden, dramatisiert und inszeniert von Kay Langstengel. Diese Adaption des Romans ist opulentes Schauspiel, Ausstattungstheater und Revue zugleich. Die textliche Komplexität allerdings macht es nicht immer leicht, dem Geschehen zu folgen. Doch angesichts der hingebungsvollen Darsteller, die auch körperlich stark gefordert sind, weil sie die als Kulissenelemente dienenden Metallgerüste choreografisch bewegen, werden die dramaturgischen Schwächen nebensächlich. Einer der schönsten Momente des Abends aber ist nicht geplant: während der Vorstellung vergisst eine Schauspielerin ihren Text und geht verunsichert ab. Man hört sie hinter der Bühne weinen, doch dann kehrt sie gemeinsam mit dem Regisseur zurück und spielt an seiner Seite weiter: ein spontanes, anrührendes Duett, das zu Herzen geht.

Nicht weniger anspruchsvoll endet No Limits am gleichen Ort mit Samuel Becketts Endspiel in der Regie von Jacob Höhne. Wahrhaftiger kann diese Endzeitvision kaum gespielt werden. Denn die beiden Krüppel im Stück werden im RambaZamba von Sven Normann und Jonas Sippel verkörpert, die auch in der Realität auf Hilfe angewiesen sind. Wie selbstverständlich und mit ironischen Untertönen lassen sie ihr Handicap in die Gestaltung mit einfließen, die gerade deshalb so beklemmend und intensiv gerät.
Die Ensembles aus Norwegen und Belgien propagieren inklusives Theater. Doch was das Miteinander von geistig behinderten und unversehrten Künstlern ausmacht, erschließt sich in den gezeigten Produktionen nicht, zumal in allen die Optik im Vordergrund steht. Das sind bei der Gruppe De Utvalgte in den Stücken Die Auserwählten und Der Visionär Bühnenbilder mit 3D-Film-Projektionen. Die visuellen Illusionen sind attraktiv, nur finden sie wegen der viel zu bedeutungsschweren Dialoge keine textliche Entsprechung. Das trifft auch auf die Performance Horse: an opera des belgischen Kollektivs Tibaldus en andere hoeren zu. Zu sehen ist eine Abfolge von kleinen Szenen in einem faszinierenden Bühnenraum. Gespielt wird nämlich im Parkett und auf der fast leeren, meist dunklen Vorderbühne des HAU, an deren Seite ein übergroßes Pferd steht. Langsamkeit und Stille zeichnet dieses Bildertheater aus, doch ein erkennbarer Zusammenhang will sich nicht erschließen.
Wie bunt und sinnlich Theater sein kann, das vermittelt die polnische Gruppe Teatr 21 in ihrem Stück Downfalls. Episode 2, in dem es um Geld und das Leben mit einer geistigen Behinderung geht. Justyna Sobczek verschränkt diese Themen zu einer abwechslungsreichen Revue aus Interviews, Tanzeinlagen und lockeren Spielszenen. Die glamouröse Ausstattung mit goldenem Schnürvorhang, aufwendigen Kostümen und viel Glimmer trägt zum Erfolg dieser besonders anregenden Theaterproduktion bei.
Ein Minifestival im Festival rundet No Limits ab. Eins, zwei, drei heißt es an drei Abenden, an denen jeweils mehrere kleine Stücke, allein oder zu zweit dargeboten, zur Aufführung kommen. Da stellen sich Julia Häusermann vom Hora, beste Nachwuchsschauspielerin beim Berliner Theatertreffen 2013, und Sarah Gordy selbstbewusst mit Solotänzen vor, da beweist Profiballetttänzer Alessandro Schiattarella, dass ihn seine neurologische Erkrankung nicht am Weitertanzen hindert, und auch Michael Turinsky setzt sich in heteronomous male imponierend über seine körperlichen Defizite hinweg. Besonders bewegt das spanische Quartett Danza Mobile. Ein männliches und ein weibliches Paar, bei dem jeweils ein Partner behindert ist, tanzen nacheinander zwei Pas de deux voller Harmonie und Poesie. Das ist nicht nur ein ästhetischer Hochgenuss, sondern gelungene inklusive Kunst. Wodurch sie sich positiv vom englischen Slapstickduo Snooks Brothers‘ Bank unterscheidet. Das ist zwar über weite Strecken sehr komisch, aber so stark auf den Clown-Profi Denni Dennis ausgerichtet, dass der Mitspieler Martin Vick zur Staffage wird.
Die Unterschiedlichkeit der Darbietungen regt zum Nachdenken an: Welche Möglichkeiten bietet das Theater beeinträchtigten Künstlern, und wie kann die Arbeit mit ihnen aussehen? Sind sie wirklich gleichberechtigte Mitglieder in einem Team oder haben sie eher gut gemeinte Nebenrollenfunktionen? Können sie selbst Regie führen oder ist Führung notwendig? Nach Ansicht von Gisela Höhne, der Leiterin des RambaZamba, ist eine professionelle Förderung der Darsteller zur optimalen Entfaltung ihrer Fähigkeiten notwendig. Dagegen steht der Wunsch mancher Theatermacher nach Emanzipation und Selbstbestimmung ohne strukturierende Anleitung. Egal, wie man zu dieser Frage steht. Aus der Sicht von Sven Normann, dem wunderbaren RambaZamba-Schauspieler, gibt es nur eine Antwort: „Man kann der Welt zeigen, dass ‚behindert sein‘ nicht heißt, dass man irgendwie weg ist. Es ist schön sagen zu können, aha, da spielt jemand in einem zweistündigen Stück mit.“
Karin Coper