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Foto © Chris van der Burght

Hintergründe

Von Barock, Sapeurs und Rodin

Gerade hat die Hauptstadt ein prall gefülltes Programm bei Tanz im August geboten bekommen, da setzten die Berliner Festspiele noch eins drauf. Der Tanz ist in den Herbst gekommen. Im Oktober gastierten drei große Tanzproduktionen aus drei Nationen im Haus der Festspiele.
Der Bildhauer Rodin in der tänzerischen Darstellung - Foto © Eifman Ballet

Den Auftakt macht Alain Platel mit seinem 2014 für die Wiener Festwochen kreierten Coup Fatal. Der belgische Choreograf, der in seinen Werken bevorzugt gesellschaftlich Außenstehenden eine Stimme gibt, hat diesmal mit Tänzern und Instrumentalisten aus dem Kongo eine Art bewegte Konzertperformance erarbeitet. Als Grundlage dient mitteleuropäische Barockmusik, die die kongolesischen Künstler auf eine ganz eigene Weise adaptieren. Die Melodien der Arien von Gluck und Händel, die der Countertenor Serge Kakudji berührend singt, erklingen im Original, werden jedoch sehr frei begleitet von Gitarren und afrikanischen Percussion-Instrumenten. Dazu wird mit mitreißender Verve getanzt, sogar unter Beteiligung des Publikums, wenn zwei Zuschauerinnen zum Walzer auf die Bühne geholt werden. Die koloniale Vorgeschichte und die Folgen der Diktatur aber sind nur punktuell zu ahnen: Im Bühnenbild von Freddy Tsimba, dessen Schnurvorhang im Hintergrund aus goldenen Patronenhülsen besteht, im soldatenhaften Aufmarsch der Künstler oder im Auftritt eines Mitwirkenden im Generalskostüm. Doch die Ausgelassenheit überwiegt bis zum Finale. Dann erscheinen die Mitwirkenden farbenfroh als Sapeurs gekleidet– kongolesische Dandys, die aus unterer sozialer Schicht stammen und ihre Herkunft durch gute Kleidung zu verbergen suchen – und Coup Fatal endet als buntes, ein wenig zu lang geratenes Folklorestück ohne spürbar kritischen Blick.

Der Bildhauer als Tanzobjekt

Aus St. Petersburg kommt Boris Eifman mit seiner gleichnamigen Truppe. Gezeigt wird das ganz in der klassischen Tradition stehende Handlungsballett Rodin, in dem der Choreograf zum zweiten Mal nach dem 2006 für das Berliner Staatsballett geschaffenen Tschaikowsky eine Künstlerpersönlichkeit in den Mittelpunkt stellt. In Rodin ist es der berühmte Bildhauer, dessen Schaffensprozess Eifman mit der schwierigen Doppelbeziehung zu Camille Claudel und seiner langjährigen Lebensgefährtin verknüpft.

Kraftvolle Bilder, emotionsgeladene Soli und Pas de Deux sowie Ensembles mit Showcharakter wie der effektvolle Can-Can fügen sich zu einer sehenswerten Inszenierung zusammen. Zu ihrem Höhepunkt gehören die Szenen, wenn Rodin und Claudel ihre Plastiken aus den Körpern der Tänzer formen. Mit Oleg Gabyshev, Lubov Andreeva und Polina Gorbunova sind drei Balletttänzer in den Hauptrollen aufgeboten, die ihre Rollen technisch brillant und ausdrucksstark ausfüllen.

Abschied in dünner Haut

Den Schlusspunkt setzt das Nederlands Dans Theater, das seit 15 Jahren erstmals wieder in Berlin zu sehen ist. Vier verschiedene Choreografien stehen auf dem Programm, zwei davon vom Leitungsteam Sol León und Paul Lightfoot. Shoot the Moon zeigt drei Paare, die zwischen Trennung und Bleiben hin- und hergerissen sind. Sie agieren zu zweit oder allein in drei Räumen, die durch die Rotation der Drehbühne in stetem Fluss sind. Sehr sensibel macht die Choreografie die verschiedenen Stadien dieser Beziehungen sichtbar, durch Pas de deux voller Dramatik, aber auch durch sehnsuchtsvolle Blicke und kleine Gesten. Auch Stop-motion handelt vom Abschiednehmen. Während ein Video am oberen Bühnenvorderrand eine traurig wirkende junge Frau – es ist die Tochter des Choreografenpaares – in barockem Kostüm zeigt, zelebrieren die Tänzer erlesene Bewegungskombinationen als Ausdruck von Trauer und vielleicht der Verwandlung des Körpers in eine Seele. Zwischen diesen melancholisch gefärbten Stücken setzt die schnelle choreografische Sprache von Marco Goecke in Thin Skin zur Musik von Patti Smith einen starken Kontrast. Die bravourösen Tänzer üben beide Stilrichtungen vollendet aus, und es ist vor allem ihre berstende Energie, der Drive, die Intensität und Körperbeherrschung, die den besonderen Rang der Vorstellung ausmachen.

Alle drei Produktionen ziehen ein großes Publikum an. Das Interesse an interessantem Tanztheater ist demnach ungebrochen. Darüber wird sich das Hebbel am Ufer freuen, wenn dort demnächst Mette Ingvartsen und Anne Teresa de Keersmaeker gastieren.

Karin Coper