Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

Café im Südpark - Foto © Opernnetz

Hintergründe

Festival mit Prolog

Vom 14. September bis zum 3. Oktober findet auch in diesem Jahr das Düsseldorf-Festival statt. Bereits im vierten Jahr macht das Festival mit einer besonderen Aktion die Bürger der Stadt im Vorfeld auf sich aufmerksam.
Hiltrud Kuhlmann singt Bellini. - Foto © Opernnetz

1893 beschloss die Stadt Düsseldorf, ihren Bürgern in den dicht besiedelten Stadtteilen Bilk und Wersten ein Naherholungsgebiet vor der Haustür zu schaffen. Es entstand der Volksgarten. 1987 wurde er Bestandteil des Südparks, um hier die Bundesgartenschau ausrichten zu können. Das Gebiet umfasst etwa 70 Hektar und ist thematisch gegliedert. Im Westen, unweit des Stoffeler Friedhofs gelegen, findet sich das Café Südpark, gastronomische Einrichtung der Werkstatt für angepasstes Arbeiten, mit angeschlossenem Kinderspielplatz. Am Sonntag, womöglich noch bei gutem Wetter, ist das ein idealer Treffpunkt für junge Familien. Familien, in deren Lebensmittelpunkt die kleinen Kinder und der berufliche Aufstieg stehen. Für klassische Musik oder gar den Besuch von klassischen Konzerten bleibt in dieser Lebensphase meist weniger Platz.

An diesem Sonntag duckt sich auf der großzügigen Terrasse ein alter, blaulackierter Lastkraftwagen unter das Sonnensegel. Die Ladefläche, auf der ein weißer Flügel Platz hat, ist nach vorne um eine provisorische Bühnenfläche erweitert. Unmittelbar davor ist eine Decke ausgebreitet, auf der sich kleine Kinder tummeln, immer im Blick der an den Tischen sitzenden Mütter und Väter. Links davon sind ein paar zusätzliche Stühle aufgestellt. Und während der Betrieb im Café wie üblich weiterläuft, ertönen von der Bühne die ersten beiden Sätze von Mozarts Flötenquartett in D-Dur.

Mit größter Selbstverständlichkeit eindrucksvoll

Bei dem Laster handelt es sich um den „Blauen Eumel“, der bereits im vierten Jahr den Prolog zum Düsseldorf-Festival bestreitet. An vier Tagen bietet die Besatzung bei freiem Eintritt – „Man muss nur stehen bleiben und zuhören“ – elf Konzerte, über das gesamte Stadtgebiet verteilt. In mehr als einer Stunde bekommt das Publikum eine Mischung aus klassischer oder zeitgenössischer Musik und Jazz geboten. Zwischendurch trägt Boris Wagner Gedichte wie Der Knabe im Moor von Annette Droste-Hülshoff oder den Handschuh von Friedrich Schiller vor. Das gelingt ihm mit der düsteren Stimmung bei Droste-Hülshoff so gut, dass die Kleinkinder im Südpark sich ängstigen und beginnen zu weinen. Der Rezitator beweist Souveränität, unterbricht, wartet, bis sich die Situation beruhigt hat und setzt dann seinen eindrucksvollen Vortrag fort. Als Künstler muss man auf dem Blauen Eumel schon viel Gelassenheit beweisen. Schließlich kommen die wenigsten Hörer gezielt zu den Veranstaltungen. Für die meisten findet die „Konfrontation“ mit der Kunst zufällig und überraschend statt.

Boris Wagner rezitiert stimmungsvoll Gedichte. - Foto © Opernnetz

Gerade das zeichnet die gelungene Idee dieser Form des Prologs aus. Da kommen Menschen aller Bevölkerungsschichten ganz ungezwungen in den Genuss der Arie Ah, non credea mirarti aus Vincenzo Bellinis Oper La Sonnambula, wunderbar leicht vorgetragen von der Sopranistin Hiltrud Kuhlmann, ohne jeden Dünkel oder ihren Tagesablauf zu unterbrechen. Eingängiger geht es nicht. Dabei ist kaum ersichtlich, dass es sich um eine Werbe-Veranstaltung für das Düsseldorf-Festival handelt. Man muss schon genau hinschauen, um die Miniatur-Logos über den Logos der Sponsoren auf den beiseite stehenden Beachflags zu entdecken. Und auch die Flyer liegen eher unauffällig auf einem kleinen Tisch.

Musik gehört zum Alltag

Die Musiker haben sichtlich viel Spaß an der Aufführung, auch oder gerade weil sie vom Aufbau bis zum Einpacken alles selbst in die Hand nehmen müssen. Da darf Katia Bouscarrut bei Antonín Dvořáks Klavierquintett Opus 81 schon mal ein wenig gestisch übertreiben, und das Sommerhütchen von Geiger Martin Schiessler setzt einen bunten Tupfen. Überhaupt ist die Stimmung locker. Bei Geigerin Katharina Büll, Viola-Spieler Johannes Eva, Cellistin Maria Friedrich oder auch Flötistin Shin-Joo Morgantini herrscht eher kammermusikalische Gelassenheit als die behördliche Langeweile von Orchester-Musikern, wenn sie den dritten Satz Tour de France aus dem Sextett für Flöte, Streichquartett und Klavier von Thierry Pelikan vortragen. Der wird so plastisch gespielt, dass es eigentlich keiner Einführung bedurft hätte.

Auch die Jazz-Musiker geben zwischendurch anschauliche Beispiele dafür, wie sie alltägliche Geschehnisse in ihre musikalische Sprache übersetzen. In zwei Blöcken spielen sie Kompositionen von Hubert Winter, der das Saxophon bedient und von Felix Himmler am Bass und Tobias Schirmer am Schlagzeug begleitet wird. Eine schöne Ergänzung zur klassischen Musik und auch bereits Hinweis auf das bevorstehende Festival, das sich neben vielen künstlerischen Höhepunkten durch seine programmatische Vielfalt auszeichnet. Wer möchte, kann Himmler und Schirmer auch noch einmal während des Festivals als Mitglieder des Alexander-Wienand-Trios in Catching Moments erleben.

Und während der Blaue Eumel wohlgepackt mit röhrendem Diesel-Motor den Park verlässt, um zum nächsten Konzert auf dem Lessingplatz in Oberbilk zu tuckern, sieht man dann doch den einen oder anderen im Programm-Flyer blättern. In der zweiten Septemberhälfte mischt das Festival mit internationalen Höhepunkten aus Tanz, Theater, Musik und neuem Zirkus die Stadt an den unterschiedlichsten Spielorten auf. Auch in diesem Jahr haben Christiane Oxenfort und Andreas Dahmen als Künstlerische Leiter mit ihrem Team wieder ein äußerst umfangreiches Programm zusammengestellt. Und da haben der Blaue Eumel und seine Besatzung schon mal einen hervorragenden Einstand geboten.

Michael S. Zerban