Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

Billinger & Schulz- Foto © Christian Herrmann

Hintergründe

Ausgekotzt

Mit vergleichsweise großem Aufwand veranstaltet das Forum Freies Theater in Düsseldorf ein zweitägiges Symposium über den Nutzen von Theater. Kurzaufführungen sind ebenso dabei wie Stellungnahmen von Theatermachern und Gespräche mit Wissenschaftlern. Fazit: Das Theater von morgen existiert heute noch nicht.
Bettina Masuch, Intendantin Tanzhaus NRW - Foto © Christian Herrmann

Verena Billinger kotzt auf die Bühne. Sie hat sechs Schokoladenpudding-Portionen gegessen, ehe sie die braune Soße in den Sand der Arena würgt, die auf der Bühne angedeutet ist. Angewidert wenden sich die Zuschauer ab, halten die Hände vor Augen, einige Menschen verlassen daraufhin die Aufführung. Weil es nicht gespielt, sondern echt ist. So echt wie das Entsetzen des Publikums. So was braucht kein Mensch. Das kennen Düsseldorfer aus der Altstadt mit anderen Mitteln. Es ist die Stellungnahme des Künstlerkollektivs Billinger und Schulz zum Thema Nützlichkeit des Theaters. Nicht das einzige, was an diesem Abend in den Kammerspielen des Forums Freies Theater nachdenklich stimmt.

„Theater sind als Vexierspiegel unserer Gegenwart Unruhestifter im besten Sinne. Es sind Orte demokratischer Öffentlichkeit, an denen eine Gesellschaft ihre Werte mit der Wirklichkeit konfrontiert“, hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters eben anlässlich des bevorstehenden Theatertreffens in Berlin geäußert. Ein Standpunkt, der bis vor einigen Jahren außer Zweifel stand. Das öffentliche Fördersystem hat in einem tiefen Selbstverständnis dafür gesorgt, dass Kultureinrichtungen autark arbeiten – und sich weiterentwickeln – konnten, und kam so dem gesetzlichen Kulturauftrag nach. Wie tiefgreifend dieses Selbstverständnis einer Kulturnation war, zeigt sich darin, dass der Gesetzgeber dieses Fördersystem als freiwillige Leistung formuliert hat. Ein Fehler, der bis heute nicht korrigiert ist und dazu führt, dass Theatereinrichtungen flächendeckend in existenzielle Bedrängnis gebracht werden. Weitere Fehlentwicklungen sind vorprogrammiert. Die erste ist bereits im Gange.

Da wird in Deutschland tatsächlich über die Nützlichkeit des Theaters diskutiert. Etwas bislang nicht Dagewesenes, das die Theaterschaffenden in bisher unbekannten Rechtfertigungsdruck bringt. „Vielleicht ist man häufig ja ein Spielverderber, wobei ich auch mittlerweile das Gefühl habe, dass wir in der dummen kulturpolitischen Situation stehen, dass wir einfach keine Spielverderber mehr sein dürfen, weil uns dann eben oft die Mittel gestrichen werden. Was eigentlich immer daran liegt, dass die Besucherzahlen geringer werden“, sagt Gregor Jansen, Leiter der Kunsthalle Düsseldorf. Die Auslastungszahlen als Maß aller Dinge? Das hätte vor einigen Jahrzehnten zu einem Aufschrei der Künstler geführt.

Stand der Dinge

Das Forum Freies Theater versucht, der unglücklichen Diskussion mit künstlerischen Manifesten zu Theater, Performance und Kunst beizukommen. Eingeladen wurden dazu neben Gruppen der so genannten Freien Szene Bettina Masuch, Matthias Frense, Gregor Jansen und Florian Malzacher sowie verschiedene Wissenschaftler, die den Tag nach dem Eröffnungsabend in Gesprächsrunden mitgestalten sollen. Es fehlen Meinungsbildner von Politik, Stadttheater, Oper und Ballett, beispielsweise, die neben Solidarität vor allem auch ihre Sichtweisen hätten beisteuern können. Bettina Masuch, Intendantin am Tanzhaus NRW, erinnert an die gemeinsame Ausgangsbasis von Instituten und so genannter Freier Szene in den 1970/80-er Jahren, als das Fördersystem noch als Fessel verstanden wurde. Heute steht anscheinend die Suche nach Sicherheit im Vordergrund. „Ich glaube, wenn man als Choreograf heutzutage überleben will, dann gibt es diverse Fördertöpfe. Und man kann sich eigentlich so prima von einem zu anderen hangeln. Ich frage mich, ob das eigentlich die Relevanz ist, nach der wir alle suchen. Oder ob nicht die Relevanz auch darin liegt, im Moment über andere Arten, neue Arten von Arbeitsbedingungen noch einmal zu sprechen und eigentlich das, was sozusagen in den letzten Jahren sicher gut funktioniert hat, noch mal auf den Prüfstand zu legen und genau da weiterzumachen.“

Die etwas großspurig als Manifeste angekündigten Stellungnahmen versuchen sich zunächst als Standortbestimmungen des Theaters. „Es geht um einen öffentlichen Ort der Verhandlung. Es geht um einen Ort, der bestenfalls einen gewissen Transformationscharakter hat. Es geht darum, dass sich eine Gesellschaft spielerisch selbst begegnen kann. Dass eine Gesellschaft sich selbst kritisieren, sich selbst feiern, sich bestenfalls ganz neu erfinden kann“, sagt Matthias Frense, Künstlerischer Leiter des Ringlokschuppens in Mülheim an der Ruhr. „Oberstes Prinzip ist aber eigentlich eine ästhetische Qualität und die Möglichkeit der Entschleunigung, der Verlangsamung oder auch wirklich dem Raum des Nachdenkens eine Qualität zu geben“, zieht Jansen die Konsequenz aus seinen Erfahrungen mit dem Versuch, die Genre-Grenzen aufzuheben.

Partizipation als Scheinlösung

Malzacher ist Leiter des Impulse-Theaterfestivals und denkt über die Weiterführung des nützlichen Theaters nach. „Das eine ist das sich Wehren gegen Instrumentalisierungen, gegen die fiesen Antragslogiken, die scheinbar alle nur noch politisches Theater unterstützen und nichts anderes mehr. Und den Begriff eines Useful Theatres, der eigentlich eine Provokation ist. Wer entscheidet, was nützlich ist, und wer benutzt die Kunst? Ist es die Politik, oder sind es Künstler, die Kunst nutzen für bestimmte Dinge?“ Anstatt die Diskussion radikal abzubrechen, um sich wieder auf die wahrhaften Werte des Theaterbetriebs zu konzentrieren, hakt Malzacher nach und erteilt der so genannten Teilhabe des Publikums eine klare Absage. „Partizipation ist natürlich furchtbar. Ein Wort, das in unserem All-inclusive-Kapitalismus nahezu nutzlos geworden ist und das eher so ein Beruhigungsmittel ist. Das uns als Bürger quasi auch noch Verantwortung für irgendetwas zumutet, was wir überhaupt nicht beeinflussen können. Und am Ende sind wir selber noch schuld dran, dass es passiert ist. Oder es ist bestenfalls so ein Placebo, um einen zu beruhigen. Und natürlich ist ganz viel Mitmachtheater genau das: So ein transparentes Setup, in dem man vermeintliche Wahlmöglichkeiten hat, die eigentlich vorgeschrieben sind und letztlich Fake. Und dass das der wahre Alptraum der Teilhabe ist.“

Am Ende dieses Versuchs bleiben viele Fragen offen. Aber es gibt auch Antworten. Wir werden mit der Diskussion über das „nützliche Theater“ nicht weiterkommen, weil sich solch eine Diskussion eigentlich verbietet. Kunst oder auch Theater kann nicht entstehen, wenn wir nach der Nützlichkeit fragen. Von allen Beteiligten – auch den nicht Anwesenden – ist eine solcher Diskurs eigentlich strikt abzulehnen. Theater muss sich endlich wieder von der Frage nach der Ökonomie trennen – von der „kalten Hand des Neoliberalismus“, wie es Frense nennt. Und wir brauchen mehr solcher Veranstaltungen, damit sich die Erkenntnis durchsetzt.

Michael S. Zerban