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Hintergründe

Künstler: Hungerleider der Nation?

In Zusammenarbeit mit der Kulturpolitischen Gesellschaft und der Künstlerinitiative art but fair hat Maximilian Norz eine Studie durchgeführt, die die Arbeitsbedingungen von darstellenden Künstlern und Musikern untersucht. Fazit: Vieles liegt im Argen, vernünftige Lösungen sind nicht in Sicht.
Johannes Maria Schatz ist Vorsitzender von art but fair Deutschland - Foto © art but fair

Bereits die umfassende Studie zur Altersversorgung der Orchestermusiker von Heiner Gembris und Andreas Heye gab 2015 einen eher düsteren Blick auf die Altersversorgung als Teil der Arbeitssituation von Orchestermusikern frei. Maximilian Norz erweitert und vertieft diesen Blick durch eine empirische Studie über die Arbeitsbedingungen in den Darstellenden Künsten und der Musik und verdeutlicht: Hier ist Handeln gefordert! Er beschreibt Handlungsalternativen.

In Kooperation mit der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung und der Künstlerinitiative art but fair präsentiert er zahlreiche empirisch gewonnene Daten und Vorschläge, die dabei helfen sollen, die häufig „prekären“, also schwierigen Arbeitsverhältnisse von darstellenden Künstlern und Musikern zu verbessern. Norz richtet in den Bereichen Musik und Darstellende Kunst seine Umfrage an Künstler und Vertreter von Politik, Verbänden, Kulturinstitutionen, Kulturveranstaltern, Künstlervermittlungen und Bildungsinstitutionen. Im Untersuchungsfeld nehmen 3.785 Befragte an einer Online-Befragung teil, 2.635 Kulturschaffende senden gültige Antworten zurück. Experteninterviews und ergänzende Literaturrecherchen stellen die Studie zusätzlich in den erforderlichen Kontext.

Auf gut 100 Seiten skizziert Norz das Untersuchungsinteresse, die Befragungs- und Auswertungsmethoden und zieht eine Reihe von Konsequenzen sowohl für einzelne Künstler wie für Organisationen, die wie die Künstlervereinigung art but fair Interessen von Künstlern vertreten. Von den Befragten sind 2.160 direkt als Künstler tätig, 475 arbeiten als Nicht-Künstler in der Musik und/oder der darstellenden Kunst. Norz unterstützt seine Texte mit zahlreichen Tabellen und Grafiken, die die quantitativen Ergebnisse gut illustrieren.

Norz reklamiert für seine Studie keine Repräsentativität. Diese berechtigte Zurückhaltung erklärt sich aus der Schwierigkeit, die Grundpopulation im Untersuchungsfeld zahlenmäßig zu erfassen und sie in Relation zu den Befragten zu setzen. Er sieht in seiner Studie einen „explorativen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen“. Seine Ergebnisse lassen sich als Trendaussagen werten, die als Ausgangspunkte für weitere Detailuntersuchungen dienen können, um repräsentative Aussagen zu gewinnen. Erst damit könnten die Kollegen von art but fair und dem Kooperationspartner Deutscher Gewerbschaftsbund (DGB) operieren.

Die generell miserable Arbeits- und Lebenssituation eines Großteils der Künstler ist in zahlreichen Einzelfällen und in Verbandsdokumenten vielfach beschrieben worden, ohne dass sich Nennenswertes geändert hätte. Hier kann Norz‘ Studie zumindest nachprüfbare Fakten bringen, die erschreckend genug sind. Bei der Ermittlung von Missständen orientiert sich Norz an einer Definition des DGB, die darunter „das negative Abweichen der tatsächlichen Arbeitsbedingungen von fairen Arbeitsbedingungen“ versteht. Laut dem DGB-Index „Gute Arbeit“ sind diejenigen Arbeitsbedingungen „gut“, die den Ansprüchen der Arbeitnehmer gerecht werden, wenn es etwa um Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten, körperliche Belastungen sowie betriebliche Sozialleistungen geht.

Angst vor Altersarmut

Eine prekäre finanzielle Lage sowie mangelnde Planbarkeit und Sicherheit des künstlerischen Berufslebens stellt für eine Mehrheit der Künstler eine Belastung dar. Rund vier von fünf Künstlern, also 80 Prozent an der Umfrage Beteiligte gaben an, zu gering vergütet zu werden. Sie sehen sich einer unsicheren Beschäftigungssituation ausgesetzt und von Altersarmut bedroht. Nach den Daten der Künstlersozialkasse verdienten 2014 versicherte Künstler durchschnittlich 14.971 Euro brutto im Jahr, die Musiker 12.931 Euro. „Das Durchschnittseinkommen dauerhaft beschäftigter Künstler liegt deutlich höher. Daten der Bundesagentur für Arbeit beziffern den Median des Bruttoeinkommens von Vollzeit und sozialversicherungspflichtig beschäftigten Künstlern im Jahr 2010 auf 34.776 Euro.“ Fast jeder zweite Künstler berichtet von der Nichteinhaltung gesetzlich vorgeschriebener Arbeitsbedingungen. „Künstlerinnen haben mit deutlich schlechteren Arbeitsbedingungen zu kämpfen als Künstler.“

Unbezahlte Leistungserbringung sowie die Unvereinbarkeit von Familie und künstlerischem Berufsleben sind weitere Missstände, die rund 70 beziehungsweise 60 Prozent der Befragten betreffen. Aus den Experteninterviews und Literaturrecherchen entdeckt Norz die Existenz von dreizehn Missständen, die er vier Bereichen der Arbeitsbedingungen zuordnet: „… der finanziellen Lage der Künstler; der Planbarkeit und Sicherheit im künstlerischen Berufsleben; dem Arbeitsumfeld der Künstler, das idealerweise der Gesundheit und künstlerischen Arbeit förderlich sein sollte; dem zwischenmenschlichen Umgang mit und unter Künstlern.“ Schon vielfach formulierter Reformbedarf, der sich aus Experteninterviews herauslesen lässt, etwa, „um die Arbeitsbedingungen fairer zu gestalten, beispielsweise hinsichtlich der Künstlersozialversicherung oder des Urheberrechts, wurde nicht als Missstand betrachtet …“. Bemerkenswert ist ferner, dass häufig Nicht-Künstler die „Missstände schwerwiegender einordnen als die Künstler selbst“.

Kollektive Interessenvertretung gefordert

Das von vielen Künstlern beklagte schwache Einflusspotenzial korrespondiert mit einem Ohnmachtsgefühl und der Bereitschaft zu beruflicher Selbstausbeutung.  Kulturinstitutionen und Kulturveranstalter haben das größere Potenzial, die Missstände in den Arbeitsbedingungen zu beheben, sehen sich aber immer häufiger selbst dem Kürzungsdruck der Politik ausgesetzt. Infolge dessen sind auch die „Vorschläge“ von Norz oder auch der Künstlerinitiative art but fair nicht sehr wirklichkeitsnah. Die Bereitschaft, ja, die Forderung nach einer kollektiven Interessenvertretung widerspricht bei vielen Künstlern einem ausgeprägten Individualitätssinn in Verbindung mit der Konkurrenzsituation um Arbeitsplätze und Besoldung. Deshalb richten sich Norz‘ Aktionsvorschläge an „jene Akteure der Musik und der darstellenden Kunst …, die die Arbeitsbedingungen der Künstler beeinflussen können“. Ob das von Experten und Norz ins Gespräch gebrachte Gütesiegel für Kulturinstitutionen und Kulturveranstalter mehr Erfolg verspricht, ist kaum zu beurteilen. Gütesiegel, die sich wirklich als Orientierung für Verbraucher – und Arbeitnehmer – durchgesetzt haben, lassen sich in der unübersehbaren Flut von Siegeln schnell benennen. Auch wenn 77 Prozent der Nicht-Künstler und 86 Prozent der Künstler das Potenzial des Gütesiegels positiv bewerten und hoch einschätzen, sagt das fast nichts über seine regulative Wirkung.

Die Zahlen der Studie mögen in Relation zur Zahl der Befragten durchaus überzeugen, einige sicher auch erschrecken, trotzdem bleibt das kulturpolitische Gewicht der Studie unklar. Wer wird schon der Forderung widersprechen „Kunst ja, aber bitte zu fairen Konditionen!“  Die Forderung der art-but-fair-Aktionisten an die Akteure der Kulturbranche, „Verantwortung zu übernehmen“ ist nicht mehr als ein wohl gemeinter Appell ohne politische Wirkung.

Arbeitsbedingungen, gleichgültig in welcher Branche, werden in Tarifverträgen nach oft langen Verhandlungen definiert und festgelegt. Hier sitzen sich Politik und Verbände im politischen Alltagsgeschäft gegenüber. Und nach den Erfahrungen in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern, in Hagen und Wuppertal mag man an die Überzeugungskraft eines Gütesiegels kaum glauben. Die wirksamsten Instrumente dürften noch die kollektive Interessenvertretung für Künstler und eine konditionierte Kulturförderung durch die Politik sein – zu der muss man die Politik aber erst einmal bringen.

Horst Dichanz