Kulturmagazin mit Charakter
Hintergründe
Beim Finalkonzert des Gesangswettbewerbs Neue Stimmen am Samstagabend muss jeder der Finalisten zwei Arien vortragen. Elsa Dreisig interpretiert in der ersten Hälfte eine ungewöhnlich selbstbewusste Micaela aus Bizets Carmen. Mit dem zweiten Beitrag – dem Vilja-Lied aus der Lustigen Witwe von Lehar – schließt sich der Kreis zum Vorsingen, mit dem am Montagmorgen die Finalwoche in Gütersloh begonnen hat. Schon hier singt sie diese kleine „Süßigkeit“, wie sie die Arie der Hanna Glawari selbst bezeichnet. Diesen Moment, in dem die lustige Witwe, hinter der die gesamte männliche Partygesellschaft her ist, die Zeit anhält, gestaltet Dreisig mit traumwandlerischer Sicherheit. Anwesende Journalisten und Agenten schauen sich ungläubig an und sind sich sicher: hier hört man eine Finalistin.
„Es ist nicht leicht, quasi ohne Publikum zu singen“, erzählt Dreisig kurz nach ihrem ersten Auftritt. „Da sitzen nur Leute, die dich beurteilen. Auch wenn die Jury hier sehr nett ist. Aber sollte ich es ins Semifinale schaffen, wird es vielleicht mit Publikum und Orchester ein bisschen leichter.“ Ob es leichter ist, mag dahin gestellt sein, aber erfolgreich ist Dreisig einmal mehr. Denn das Publikum ist hingerissen von ihr. Sie gewinnt den Publikumspreis und das mit einer eher unbekannten Arie. Bel raggio lusingier aus Rossinis Semiramide ist nicht die typische Arie, in der das Publikum einen Ohrwurm wieder erkennt. Aber wie die Sopranistin Technik und Charme vereint, wie sie quasi spielend leicht den Koloraturreigen präsentiert, das ist schon bemerkenswert. Als hätte sie ihr ganzes Leben nichts anderes gemacht.
Sie möchte auf jeden Fall nichts anderes machen. Ihr Weg war für die Bühne vorbestimmt. „Ich habe eine kurze Zeit überlegt, Schauspielerin zu werden. Aber dann dachte ich mir, Schauspielen kann ich auch als Opernsängerin. Für mich gab es nie die Frage, warum willst du Opernsängerin werden. Ich habe immer gefühlt und wurde von der Familie und Freunden darin bestärkt, dass ich als Sängerin etwas geben kann“, sagt sie. Ihr ganzes Leben besteht aus der Oper. Schon als Kind geht sie nach der Schule direkt zu ihrer Mutter Inge Dreisig, eine dänische Opernsängerin, ins Theater und bekommt den ganzen Ablauf vor, nach und während der Vorstellung mit. Schon mit vier konnte sie die Zauberflöte auswendig mitsingen. „Um ehrlich zu sein, höre ich den ganzen Tag Opern“, gesteht sie lächelnd ein.
Elsa Dreisig wächst in Frankreich auf, besucht die Kinderchöre der Opernhäuser der Wallonie und in Lyon. Nach dem Schulabschluss geht sie auf das Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Musique de Paris. Ein Auslandssemester verbringt sie an der Musikhochschule in Leipzig. Sie gewinnt seit 2011 einige Preise, darunter 2014 den ersten Preis beim Wettbewerb „Ton und Erklärung“ des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. Von dort wird sie eingeladen zur Lied-Meisterklasse der Bertelsmann-Stiftung mit Bariton Dietrich Henschel. Boris Anifantakis hört sie, Leiter des Opernstudios an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Als Stipendiatin der Liz-Mohn-Kultur- und Musikstiftung wird sie dort Mitglied. So fügt sich ihre Karriere Schritt für Schritt.
Ein Geheimnis für diesen effektvollen Auftakt zu ihrer Karriere gibt es nicht. Sie treibt regelmäßig Sport – Laufen, Pilates, Schwimmen. Sie geht gerne ins Museum, wo sie in der Malerei Inspiration für ihre Fantasie sammelt. Aber ihre Leidenschaft ist eben die Oper. Immer wieder fallen Sätze wie „Ich bin ein Opernfan“, „Gesang ist mein Leben“ oder „Es ist ein unglaublicher Beruf“. Zum Wettbewerb nach Gütersloh kommt sie mit gesundem Selbstbewusstsein. „Natürlich möchte ich gewinnen. Allein das Preisgeld hilft mir schon weiter in diesem teuren Beruf. Aber ich hoffe – egal, wie es ausgeht – darauf, hier neue Kontakte zu finden. Vielleicht bekomme ich nach Neue Stimmen eine E-Mail mit einem Angebot. Vielleicht sogar hier aus Deutschland. Ich fühle mich wohl hier. Ich würde hier gerne meine Karriere weiter aufbauen“, erzählt Dreisig. Selbstbewusst, zukunftsorientiert und trotzdem stimmökonomisch formuliert sie auch ihre Traumpartie: Salome von Richard Strauss. „Ich weiß, diese Rolle ist für erfahrene Sopranistinnen reserviert. Aber ich hoffe, dass ich nicht zu spät mit ihr in Berührung komme, denn ich denke, ich kann in Salome wirklich etwas geben. Es gibt ja auch diese Version mit einem kleinen Orchester. Vielleicht wäre das ein Anfang irgendwann.“
Massenets Manon, Mozarts Pamina – das sind diese Figuren, die sie so sehr gerne mag. Selbstbewusste Frauenfiguren scheinen ihr im Blut zu liegen. Das könnte mit ihrem „Sopran-Gen“ zusammenhängen. „Meine Mutter ist Sopranistin, meine Tante ist Sopranistin und meine Cousine ist es auch. Wir Dreisigs sind eine Opernfamilie“, gibt die Sängerin zu Protokoll. Eine Opernfamilie, die gerne zusammen singt. „Es gibt Filme in 3D, dann machen wir doch Konzerte in 4D.“ Mit diesem Grundgedanken haben die vier Sopranistinnen mit dem Nachnamen Dreisig das Ensemble 4D gegründet, das bislang in Frankreich und Dänemark aufgetreten ist. Wenn die vier Sopranstimmen nicht ausreichen, dann bringt die Cousine männliche Unterstützung mit. Ihr Freund ist Bariton.
Wer Elsa Dreisig im Finalkonzert erlebt hat, der wird dieses Sopran-Gen gespürt haben. Ganz innig färbt sie ihre technisch so sicher geführte Stimme, singt den Refrain vom Waldmägdelein und bekommt sogar das vom Komponisten komponierte Echo, anstelle des Chores nun von den Duisburger Philharmonikern geliefert. Nachdem sie den Ersten Preis unter dem Jubel des Publikums vom Juryvorsitzenden Dominique Meyer und der Wettbewerbsinitiatorin Liz Mohn entgegengenommen hat, blickt sie direkt nach vorne. „In meinem Kopf feiere ich das hier, aber mehr nicht. Morgen muss ich direkt zurück nach Berlin und nächste Woche geht es mit 4D nach Dänemark.“ Mit Musik feiert es sich eh am besten.
Christoph Broermann