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Hintergründe

Es ist nur eine kleine Randveranstaltung in einem internationalen Wettbewerb, aber sie ist beispielhaft – nicht nur für den Sängerwettstreit. 53 Schüler aus zwei Grundschulen treffen sich auf der Studiobühne des Theater Gütersloh und singen zusammen Bruder Jakob – in gemischten Gruppen, in verschiedenen Sprachen. Die beiden Endrundenteilnehmer José Coca Loza und Georgios Papadimitriou unterstützen sie darin. „Singen ohne Grenzen“ heißt das Projekt der Bertelsmann Stiftung, die einmal mehr demonstriert, dass sie sich nicht nur auf große Sängerkarrieren, sondern auch auf konzentrierte, frühe Förderungen versteht. Die einfache Melodie ist der Schlüssel: Der Text klingt bei allen anders und doch irgendwie harmonieren die Gruppen miteinander. Musik als Verbindung zwischen den Kulturen. In einer Zeit, wo tausende Menschen Schutz und neue Heimat in Europa suchen, sind gemeinsame Nenner wichtiger denn je. Im Gegensatz zu den Flüchtlingen erfahren die 42 jungen Sänger, die ins ostwestfälische Gütersloh zur Endrunde des Gesangswettbewerbs anreisen, bessere Bedingungen. Bei der 16. Auflage hofft jeder darauf das Erbe von Nathalie Stutzmann, der ersten Preisträgerin im Jahre 1987, anzutreten.
Damals hatte Herbert von Karajan den fehlenden Nachwuchs bei den Opernsängern angeprangert hatte, was Liz Mohn und August Everding dazu bewegte, den Wettbewerb Neue Stimmen ins Leben zu rufen. In Gütersloh stellen sich die zur Endrunde eingeladenen Teilnehmer bei einem Vorsingen mit Klavier einer Jury vor. In zwei Konzerten mit Orchester, dem Semifinale und dem Finale, wird mit Hilfe eines Punktesystems der Gewinner ermittelt. Nach fast 30 Jahren Existenz haben sich die Vorzeichen geändert. Der Nachwuchs muss nicht mehr gesucht werden, sondern er bewirbt sich zu Hunderten für die Vorauswahlen auf der ganzen Welt. Geändert hat sich seit dem Jahr 2013 auch, dass es nicht nur einen Preisträger gibt, sondern zweimal die Plätze eins bis drei bei den Herren und bei den Damen.
Elsa Dreisig ist die erste bei den Damen und schon länger im Blick der Stiftung: Sie ist als Stipendiatin der Liz-Mohn-Kultur- und Musikstiftung von 2015 – 2017 Mitglied im Opernstudio der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Der französischen Sopranistin mit dänischen Wurzeln ist das Singen sozusagen in die Gene gelegt: „Meine Mutter ist Opernsängerin, meine Tante ebenso, und auch meine Cousine. Wir sind alle Sopran.“ berichtet sie glücklich. Schon beim Vorsingen in der Stadthalle singt sie sich mit dem Viljalied aus der Lustigen Witwe nach ganz oben in den Kreis der Favoriten. Mit den königlich gesungenen Koloraturen aus Rossinis Semiramide gewinnt sie im Semifinale den Publikumspreis. Im Finale hört man sie dann als Micaela aus Carmen – und wieder als Hanna Glawari mit ihrem Viljalied. Dirigent Graeme Jenkins hat den traumwandlerischen Reiz der Stimme wohl schon vorausgeahnt und setzt die Duisburger Philharmoniker nicht nur auf ihren Instrumenten als summendes Echo ein. Dreisig vergleicht diesen Moment später mit einer Welle, in der man plötzlich steht. Und von Jenkins, der die ganze Woche alle Sänger begleitet hat, ist sie begeistert: „Er ist absolut perfekt für junge Sänger wie uns. Er könnte ja auch sagen, das ist hier nur ein Wettbewerb und nicht mein Leben. Aber er gibt alles, was er hat, um uns zu helfen.“
Überhaupt kommt man bei Dirigent und Orchester ins Schwärmen, weil die Begleitung nicht nur bloßes Beiwerk ist, sondern Sänger und Zuhörer in die Situation der jeweiligen Oper versetzt. Die beiden Konzerte sind zwei Konzerte auf einem extrem hohen musikalischen Niveau, woran auch das Orchester großen Anteil hat. Und das unter schwierigen Bedingungen mit den verschiedensten Komponisten: Das Orchester springt von Korngold zu Händel und weiter Verdi, stellt sich auf jede Stimme ein und spielen mit viel Gefühl. Das spürt man auch in der Arie des Fürsten Igor, die den Bassisten Anatoli Sivko letztendlich zum Erfolg führt. Sivkos Karriere dürfte dieser erste Platz den letzten Schwung geben. Denn die großen Bühnen sind ihm nicht ganz unbekannt. Die Royal Opera Covent Garden und das Opernhaus Zürich haben ihn bereits engagiert, in der laufenden Saison wird er an der Bayerischen Staatsoper debütieren. Dass er im Vorfeld des Wettbewerbs ziemlich krank gewesen ist, wie Juryvorsitzender Dominique Mayer berichtet, macht seine Leistung nur umso bemerkenswerter. Aus dem Fürsten Igor macht er ein Seelendrama, bei dem der Weißrusse seine Muttersprache als wohlklingende, schneidende Emotion führt. Seine Erscheinung mit den markanten Gesichtszügen würde auch einem James-Bond-Widersacher gut stehen, oder eben dem Aufstandsanführer Procida aus der Sizilianischen Vesper von Verdi, den er im Semifinale singt. Ausreichend finster kann er seinen Bass färben. Zum Glück aber ist er aber ein vielseitiger Sänger, der auch Belcanto-Schlager wie Bellinis Vi ravviso aus der Sonnambula beherrscht. Kurzum: Ein Preisträger, der dem Wettbewerbsleitwort Neue Stimmen total gerecht wird.
Diese beiden Stimmen in einer Masse von über 1300 herauszuhören, ist eine Herausforderung – und ein Ergebnis eines bewährten Systems. Mit weltweiten Vorauswahlen in 26 Städten werden die Endrundenteilnehmer ermittelt. Das wichtige Gehör besitzt in diesem Fall Brian Dickie, der innerhalb weniger Wochen alle diese Städte besucht. Da die Bertelsmann-Stiftung für die Endrundenteilnehmer die gesamte Reise nach Gütersloh die Kosten übernimmt, herrscht finanzielle Chancengleichheit. Das ist wichtig für Künstler, die es normalerweise nicht aus ihrem Heimatland herausschaffen würden, um sich einem größeren Publikum vorzustellen. Und die gesamte Woche besteht die Chance entdeckt zu werden, auch wenn man keinen Preis gewinnt. Denn die ganze Woche über sind Agenten und Intendanten zu Gast, selbst in der Jury sitzen drei der letzteren Berufsgruppe. Manchmal geraten so ganze Länder in das Blickfeld der Scouts der klassischen Musik. In diesem Fall bestätigt Neue Stimmen einen Trend: In Südafrika schlummern Talente. Drei von ihnen schaffen es bis ins Finale. Darunter die letztendlich drittplatzierte Bongiwe Nakani. Ihr tiefer Mezzosopran erinnert ein bisschen an Marilyn Horne,und ihr Outfit im Finale ist eine Hommage an ihre Heimat. Nakani ist in einem der Teile von Kapstadt aufgewachsen, wo alles andere als Oper und Kultur zur Tagesordnung gehört. Unglaublich ,welche Kraft diese Sängerin, beispielsweise als Wahrsagerin Ulrica aus dem Maskenball von Verdi entfesselt. Auch der Leidenschaft von Tenor Lukhanyo „Luciano“ Moyake kann man sich nicht entziehen. Er belegt den dritten Platz bei den Herren.
Vergleicht man den Wettbewerb mit einer Olympiade, so fällt auch Nichtpatrioten die Abwesenheit des deutschen Nachwuchses auf. Den Jurorinnen Evamaria Wieser und Anja Silja fehlt bei den deutschen Künstlern einfach der Hunger auf Wettbewerbe. Juror Dietrich Henschel, der selbst einmal Teilnehmer bei den Neuen Stimmen war, weist richtigerweise daraufhin, dass viele der ausländischen Sänger ebenfalls an deutschen Hochschulen ausgebildet werden. Also könne es nicht hauptsächlich an einem schlechten Ausbildungssystem in Deutschland liegen. Vielleicht sollte die so engagierte Stiftung dieser Frage noch vehementer nachgehen. Es gilt nachzuforschen, ob in anderen Ländern der Grundstein zur Gesangtechnik doch besser gelegt wird als in Deutschland. Der Hunger nach Wettbewerben sollte doch in Deutschland neu angefacht werden können. Zwei jedenfalls halten die Flagge schwarz-rot-gold musikalisch hoch. Sebastian Wartig macht Karriere an der Semperoper in Dresden, schafft es aber nicht ins Semifinale. Clara Corinna Scheurle aber schafft es und kann vor den laufenden Kameras mit vollem Mezzo ganz agil die Arie des Ruggiero aus Händels Alcina singen.
Aber egal welche Nation auch immer: Am lautesten jubeln bei den Konzerten, diejenigen, die an den Konzertabenden nicht mehr singen. Wie sich alle in den Armen liegen, sich gegenseitig trösten und anfeuern, wie sie nach dem Wettbewerb miteinander feiern und singen – das sind herrliche Bilder von Zusammenhalt, die in dieser Zeit so wichtig sind. Konkurrenten sind sie nur in der Sache. Die Sänger sich menschlich offen und herzlich.
„Es war noch nie so schwer Opernsänger zu werden wie in dieser Zeit“ sagt Juror Francisco Araiza. Das Finale, ein Preisträger zu sein – das schafft Möglichkeiten für wenige, der Wettbewerb soll aber Karrieren anfachen für viele. „Creating careers“ schreibt die Bertelsmann-Stiftung ab diesem Jahr aufs Etikett. Daran erkennt man, wie sich die Verantwortlichen um Projektmanagerin Ines Koring von Jahr zur Jahr den Wettbewerb weiterentwickeln. Das beginnt sozusagen ganz einfach bei Werkzeugen für die Bewerbung: Damit sich die Sänger nicht mehr mit Fotomaterial aus der Zeit ihrer Konfirmation vorstellen müssen, werden professionelle Bilder gemacht. Die Arien aus den Vorsingen werden aufgenommen und als Videos zur Verfügung gestellt. Über das Internet, wo sich der Wettbewerb auf seiner Internetseite, auf YouTube und Sonostream breit aufgestellt zeigt, entwickelt Neue Stimmen ein Netzwerk. Wie diese Vernetzung funktionieren kann, zeigt die erstmalige Kooperation der Ruhrtriennale mit Neue Stimmen. Eine Preisträgerin von 2005 steht als Floßhilde mit im Rheingold auf der Bühne, zwei Stipendiatinnen aus diesem Jahr sind vor Ort und nehmen am College der Campustriennale teil, wo sich Studierende von Universitäten, Theaterinstituten und Kunsthochschulen aus ganz Europa treffen und austauschen sowie die Ruhrfestspiele und ihre Künstler besuchen. Auch hier funktioniert Kultur über die Grenzen hinaus.
Die Sängerinnen und Sänger dieses Jahrgangs haben eines besonders deutlich gemacht. Die Welt, auch die Opernwelt, rückt näher zusammen. Das bedeutet neue Umstände, neue Herausforderungen und vor allem neue Chancen. Die Paminas, Taminos und Papagenos von morgen müssen nicht mehr gesucht werden. Sie sind da in allen Sprachen, Hautfarben und Rassen. Sie müssen zur richtigen Zeit entdeckt und gefördert werden. Und – das ist die schwierigste Aufgabe – sie müssen untergebracht werden im schwierigen Theaterbetrieb. So ist Stimmensuche nicht nur eine Frage der reinen Ästhetik sondern auch ein Spiegel ihrer Zeit. Das hat dieser sehr gründlich und akribisch vorbereitete Wettbewerb unter Beweis gestellt.
Christoph Broermann