Kulturmagazin mit Charakter

Hintergründe

Nunmehr fast 40 Jahre lädt der umtriebige Baron Enoch zu Guttenberg auf das ehrwürdige Schloss Herrenchiemsee auf der gleichnamigen Insel im südlichen Bayern und bietet ein umfangreiches, vielseitiges Programm unter Mitwirkung einiger bedeutender Künstler als Gäste. Nachtmusik lautet das diesjährige Thema. Traumbilder des Schöpferischen sind dabei gemeint, und man denkt dabei an den Bauherrn des Schlosses, das als Veranstaltungsort gewählt wurde. Der prachtvolle Spiegelsaal im Schloss ist in Akustik und Bestuhlung nicht optimal für einen Konzertbetrieb, aber die romantische Anfahrt mit Schiff und kleinem Bus oder Pferdekutsche, vor allem aber der Spaziergang durch den Schlosspark stimmen auf dem musikalischen Genuss ein und sorgen für den nötigen Abstand vom Alltag. Dem folgt die Nachtmusik.
Nacht als Erleben, als Zone der Entspannung und der Ruhe. Musik aus drei Jahrhunderten wird geboten, als Träume von Künstlern, die in ihrer Versuchung Erlösung und Befreiung fanden. Zwei Wochen dauert das Festspiel in träumerischem Rahmen, sakrale Chormusik, weltliche Orchesterwerke sowie Solistenabende unter anderem mit David Fray oder Hakan Hardenberger finden sich im Programm.
Mit einem ehrfürchtigen Ausdruck im Gesicht erlebt man die Gäste vor dem Schloss in der Nachmittagssonne flanierend und die Handy-Kameras gezückt, um den einmaligen Augenblick festzuhalten. Endlich ist es dann soweit, und die Zuhörer dürfen über die prachtvolle Stiege in die Gemächer das sagenumwobenen Bayernkönigs Ludwig II eintreten. Viel Glanz und Gold wirkt auf die Betrachter seines Schlafzimmers und Arbeitszimmers, um dann die imposante Spiegelgalerie zu betreten. Versailles diente dem Schloss als Vorbild, und der Bauherr bemühte sich, dem Vorbild in diesem Raum am Prunk besonders nahe zu kommen. Kristalllüster und vergoldete Kerzenleuchter spenden üppig Licht. Romantische Malereien und goldene Stuckaturen schmücken die Decke.
Antonín Dvořáks Requiem wurde im Auftrag der Stadt Birmingham für das dortige Musikfestival 1890 komponiert und im darauffolgenden Jahr erfolgreich uraufgeführt. Es zählt zu den bedeutendsten Werken des böhmischen Meisters und mit fast zwei Stunden Dauer auch zu den größten und anspruchsvollsten sakralen Kompositionen überhaupt. Geprägt von der späten Romantik passt es mit seinen großangelegten mächtigen Chor- und Orchesterpassagen bestens in die weltliche Umgebung des Schlosses.
In zwei Teilen und dreizehn Nummern hat Antonín Dvořák seine Komposition der Kreuzigung und Erlösung angelegt. Enoch zu Guttenberg startet verhalten, es fehlt die große Orgel im Saal, um den Klang der ersten Nummer, des Requiem aeternum zu umhüllen. Das chromatische Leitmotiv des Werkes kommt so nicht zur vollen Geltung. Mit voranschreitendem Abend und besonders in der geschickt und vielschichtig überlagerten Instrumentierung des zweiten Teils entwickelt von Guttenberg mit seinem Orchester der Klangverwaltung und der bestens vorbereiteten Chorgemeinschaft Neubeuern Spannung und ehrwürdige Spiritualität. Wohldosiert und trotzdem ergreifend niederschmetternd wirken die vom vierstimmigen Chor strahlend interpretierten Stellen des Offertoriums und des Hostias. Der lange Saal des Schlosses nimmt den vollen Klang gut auf, wärmt und schleift seine rauen Spitzen. Andächtig und betroffen nimmt das Publikum die Preisungen Gottes entgegen.
Die Solisten des Abends sind mit Bedacht gut ausgewählt und verfügen über reife Konzertstimmen. Die Sopranistin Susanne Bernhard und der Bass Yorck Felix Speer beeindrucken am meisten, Dominik Wortig hat einen weichen, samtigen Tenor, kommt aber nicht immer zur Geltung. Julia Faylenbogen wirkt ruhig im Alt mit wenig Ausdruck. Das Publikum ruht sichtlich entrückt und aufmerksam in den romantischen Klängen und volksliedhaften Melodien. Mit großer Begeisterung und Zuspruch werden die zahlreichen Mitwirkenden am Ende für diese gelungene Aufführung des leider viel zu selten gespielten Werkes belohnt.
An einem anderen Abend gastiert Philippe Herreweghe mit dem Orchestre des Champs-Elysées in Chiemsee und präsentiert ein Programm der romantischen Antipoden Johannes Brahms und Anton Bruckner. Viel Differenzierung gelingt dem Maestro zwischen den beiden gegensätzlichen Komponisten nicht. Brahms tragische Ouvertüre ähnelt in der Interpretation dem Scherzo der sechsten Symphonie von Bruckner. Zu sehr dominieren die Bläser, die schmetternd und lautstark über das Orchester fegen. Weder entsteht elegische, romantische Trauer und Wehmut bei Brahms noch die feierliche epische Breite in Bruckners Adagio. Die Modulation der Lautstärke als Medium der Darstellung und Stimmung erscheint holprig. Mag es an den Schwierigkeiten und Unbekannten des Raumes liegen, der Maestro versucht die Instrumentenstimmen zu drosseln, aber nicht immer gelingt es, die Begeisterung der Musiker zu bändigen. Auch die Tempi verblassen. Munter frisch wird durch die Symphonie wie ein Wanderer in der Natur geschritten, die gute Kondition lässt kein ausschweifendes Verweilen zu. Mystisch baut sich das Finale auf und entlässt die begeisterten Zuhörer in eine berauschende Abendstimmung rund um das Schloss und die Insel.
Goldgelb sinkt die Sonne in die bayerische Landschaft und taucht den See und die umgebenden Berge in bezauberndes blaues Licht mit klaren Konturen. Anton Bruckners Musik ist eine Apotheose der Natur und findet auf der Überfahrt in der Dämmerung das wahre Ende in der Nacht.
Helmut Pitsch