Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

Neue Wege der Notation auch für ein Gemüsekonzert. - Foto © Vegetable Orchestra

Hintergründe

Grafische Musikvermittlung

Musikvermittlung für Kinder wird inzwischen als dringend notwendige Maßnahme gesehen – zu vieles wurde in der Vergangenheit versäumt. Neben verstärktem Personaleinsatz wird aber auch über neue Wege der Musikvermittlung nachgedacht.
Ein Kompass soll bei neuen Projekten der Musikvermittlung helfen. - Foto © Schweizer Kulturvermittlung

Wer selbst musiziert, der weiß es: Musik lässt sich am besten durch Praxis vermitteln. Diese Vermittlung kann sehr unterschiedlich und individuell sein – auf Seiten der Lehrenden wie der Schüler. Ob am Theater in Oberhausen, in Münster oder bei den Berliner Philharmonikern, ob beim Programm „Jedem Kind Instrumente, Tanzen, Singen“ in Nordrhein-Westfalen, den Initiativen der Niedersächsischen Sparkassenstiftung in den Schwerpunkten Zeitgenössische Musik in der Schule oder dem Förderpreis Musikvermittlung, dem education program der Cape Town Opera in Kapstadt, fast alle Institutionen der Musikaufführung praktizieren eine umfangreiche Nachwuchsförderung. Aus gutem Grund.

Fehlende Flexibilität

So gelingt es der Opera School in Gelsenkirchen, gefördert von der Peter-Ustinov-Stiftung, durch direkten, professionellen Unterricht, Kinder ab etwa acht Jahren in hartem Musiktraining für Opernmusik zu begeistern. In Mecklenburg fördert die Young Academy Rostock musikbegeisterte Frühtalente, lässt sie schon mit 14 Jahren zur Hochschule für Musik und Theater gehen und dort in der Instrumentalausbildung bis zur ersten Konzertreife führen. Solche individuelle Musikvermittlung durch breiteren Musikunterricht, durch Übungsprogramme oder mediale Angebote zu ergänzen oder in allgemeine Förderprogramme mit Breitenwirkung umzuwandeln, wäre wünschenswert, ist aber überaus schwierig. Hilfsmittel für den Musikunterricht: schön und gut, oft gut gemeint, manchmal auch wirksam. Dabei machen viele Jugendliche in ihrer persönlichen Musiknutzung vor, wie kreativ sie mit Internet und Medien umgehen können und wie sehr solche Vermittlungsformen sie zum Umgang mit Musik motivieren. Beim Wettbewerb Young European Award YEAH zeigen Jugendliche und kreative Musikpädagogen, was möglich ist. Ob es ein szenisches Konzert für sieben Instrumentalisten aus der Schweiz oder das Quartett-Plus mit seiner Besten Beerdigung der Welt ist, beides spätere Preisträger: Solche Beispiele inspirieren. Im Vergleich zur bunten Musikpraxis scheinen die Formen der Vermittlung von Musik und Notationssystemen weniger kreativ, weniger flexibel zu sein. Jedenfalls spielt die systematische Nutzung von anderen als textlichen Darstellungsformen wie beispielsweise didaktisch angelegten Grafiken kaum eine Rolle.

Anweisung zur Kreativität

Doch die professionelle Entwicklung solcher Programme ist arbeitsintensiv und muss aus musikpädagogischer Erfahrung erwachsen. Bis heute spielt neben der Musikpraxis die schriftliche Vermittlung durch Texte eine große, wahrscheinlich die wichtigste Rolle: In vielen Handreichungen zur Musikvermittlung herrscht der Text. Ihn zu studieren ist vielen Musikvermittlern, vor allem den nebenamtlich Tätigen, zu aufwändig, oft zu trocken, moderne Formen der Übermittlung von Informationen und Hinweisen werden (zu) selten genutzt. Die Kulturvermittlung Schweiz und das Netzwerk Junge Ohren versuchen einen neuen, einen anderen Weg. Sie fügen den traditionellen Hilfsmitteln ein neues, originelles hinzu: den Kompass Musikvermittlung. Die beiden Institutionen ergänzen die zahlreichen Programme, Förderpreise, Feriencamps und Orchesterpatenschaften um ein handliches, übersichtliches Plakat zur Förderung der alltäglichen Musikvermittlung. Statt Handreichungen wie üblich in ein handliches Buch zu packen, versuchen sie in Form eines grafisch gestalteten Plakats Musikvermittlern wichtige Hilfen bei der Vorbereitung und Durchführung ihrer Ideen anzubieten, wie Kinder und Jugendliche aktiv an Musik herangeführt werden können.

Der Kompass setzt auf eine intensive Nutzung von Grafiken als zentralem Vermittlungsinstrument theoretischer Zusammenhänge. Schriftliche, grafische Musikvermittlung – geht das? Wer sich „Notationen“ von moderner, gar elektronischer Musik anschaut, wird sich wundern: die „Notationen“ haben häufig mehr Ähnlichkeiten mit Zeichen, Zeichnungen, gar Schaltplänen als mit Klanggebilden. Die Notation von Musik hat sich ebenso weiter entwickelt wie die Musik selbst, eine originelle Musik verlangt heute eine kreative Notation. Warum nicht auch Musikvermittlung, didaktische Hilfen „neu schreiben“? Den Akteuren der Musikvermittlung bietet der Kompass „ein Tool zur Überprüfung der eigenen Ansprüche“. Ein Musiklehrer: „Die sehr durchdachte grafische Gestaltung hat mich angesprochen“. Der Rückgriff auf den Kompass hilft zu überprüfen, „ob man den Kurs korrigieren muss“.

Mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia entwickelt eine international besetzte Expertengruppe ein praktisches Instrument, mit dem sie ihre musikpädagogische Arbeit „professionell entwickeln und beschreiben können“. Die Herausgeber unterstützen die Verbreitung dieses tools durch ein freies Copyright. Auf einer Fachtagung zur Musikvermittlung wird der Kompass im Mai dieses Jahres Fachleuten vorgestellt und zwischen „gut gemeint“ und „gut gemacht“ platziert. Angesichts einer verbreiteten Alltagsdidaktik des Vor- und Nachmachens ein löbliches, ja ein notwendiges Unterfangen, wenn neue, auch medienadäquate Ansätze und Formen versucht werden.

Der Kompass Musikvermittlung lässt sich als ein Fahrplan zur Vorbereitung und reflektierten Durchführung von Aufgaben der Musikvermittlung lesen, er stellt komprimierte und bewährte didaktische Überlegungen handlich zusammen und hilft bei der Konkretisierung eigener Vorhaben. Von der Frage „An wen richtet sich das Projekt?“ bis zu konkreten Planungsfragen wie „Wer initiiert das Projekt?“ wird der/die Planende durch den Planungsprozess geführt. Richtig notiert, kann daraus ein „Vermittlungsfahrplan“ werden, der die Vorbereitungsarbeit erleichtert und die Ergebnisse eines Musik vermittelnden Projektes sichern hilft. Die Formulierungen sind knapp, schlagwortartig und übersichtlich, die Grafiken einfach, aber gut nachvollziehbar, unnötige Fremdworte und Fachchinesisch werden vermieden. Wer den Kompass als Orientierung und Anregung nutzt, kann daraus manchen Nutzen ziehen.

Allmählich findet der Kompass weitere Interessenten in der Szene und darüber hinaus. So versuchen inzwischen Schulen im niedersächsischen Projekt Schule: Kultur!, das fächerübergreifend ansetzt, den Kompass zu nutzen. Gut 600 Exemplare haben den Weg gefunden zu Musikschulen und Bildungseinrichtungen, Theatern und Orchestern, meist den Education-Bereichen. Die Realschule Dornum in Niedersachsen plant unter Leitung ihres rührigen Musiklehrers Hauke Piper ihre Kunstprojekte inzwischen unter Nutzung des Kompass.

Es ist sicher noch zu früh, ein erstes Praxis-Urteil aus der Musikvermittlung über den Nutzen des Kompass‘ zu erwarten – eine systematische Evaluation ist bisher nicht geplant. Es ist zu hoffen, dass eine nächste Musik-Fachkonferenz diese Aufgabe aufgreift und prüft, ob und in welche Richtung dieser Kompass neue Wege in der Musikvermittlung weist.

Horst Dichanz