Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Hintergründe

Der Schlüssel zur Welt

Lebensfreude und Virtuosität: Die deutsche Organisation Interkultur richtet an der Schwarzmeerküste ein Chorfestival aus, das vieles aufzeigt. Vor allem die universale Kraft einer archaischen Kultur des Menschen, des Vokalgesangs in der Gemeinschaft.
Theran Vocal - Foto © Opernnetz

Sochi, an der russischen Schwarzmeerküste. Das Sommertheater im Herzen der Stadt. Kolonnaden zu beiden Seiten lassen den Lärm von den Touristenmeilen rundum großzügig herein. Das stört niemanden im gut gefüllten Auditorium im Stil der Zarenzeit. Im Gegenteil, es gilt höchste Konzentration, die auch vonnöten ist. Das Gnesins Ensemble of Contemporary Music Altro Coro Moskau präsentiert Chorwerke von heute, so aus Lettland und Amerika. Das 2010  gegründete Ensemble hat sich unter seinem Leiter Alexandre Ryzhinsky auf Zeitgenössisches konzentriert, auf große Komponisten von Luigi Dallapiccola über Sofia Gubaidulina bis Arvo Pärt. Beeindruckend das plastische, Werk für Werk erschließende Klangbild der jungen Sängerinnen und Sänger, die sich, streng in Schwarz gekleidet, im Zentrum der großen Bühne postiert haben. Erstaunlich die Qualität, mit der das Vokalensemble die technischen Tücken der Kompositionen meistert. Wie eine Lerche steigt die Stimme der Solo-Chorsopranistin in den Theaterhimmel auf. Fulminant vermutlich könnte sie die Briefszene der Tatjana aus Tschaikowskys Oper Eugen Onegin interpretieren.

Das Publikum erlebt an diesem Abend ein Celebration Concert im Rahmen der 9. World Choir Games (WCG), des größten Wettbewerbs der Welt für Laienchöre. Die WCG, ideell den Zielen der olympischen Bewegung verpflichtet, werden von der in Hessen beheimateten Organisation Interkultur veranstaltet. 2000 erlebten sie im österreichischen Linz als Chorolympiade ihr Debüt. Das Weltchorfestival bietet alle zwei Jahre an wechselnden Schauplätzen Menschen eine Plattform zur persönlichen Begegnung, die sich von der gemeinschaftlichen Leidenschaft für Chormusik inspiriert fühlen. Die offen sind für andere, für interkulturellen Austausch. Günter Titsch, Begründer und Motor der WCG, setzt auf die Kraft der friedlichen Verständigung in der archaischen Form der menschlichen Artikulation, des Singens in der Gemeinschaft. „Die Vorurteile, mit denen wir einander häufig begegnen“, erläutert er seine Philosophie, „können beseitigt werden, wenn sich Menschen unterschiedlicher Nationen in gemeinschaftlicher Interaktion kennen und vielleicht schätzen lernen.“

Singing together brings nations together lautet der Slogan, der in der bisherigen WCG-Geschichte an Austragungsstätten in Europa, Asien und Nordamerika Chöre, ihre Leiter und Begleiter, Juroren und andere Experten zusammengebracht hat. Das Motto mag ein Stück das Denken des 19. Jahrhunderts spiegeln, auch wegen seiner geistigen Verbindung mit den Grundsätzen der olympischen Bewegung. Unstreitig bringen indes die Wettbewerbe in rund 30 Kategorien Menschen zusammen. Diesmal Menschen aus mehr als 70 Nationen. Vor allem aktive musikbegeisterte junge Leute wie in diesen Julitagen in den Arenen, Theatern, auf den Straßen und Plätzen des Austragungsorts der Olympischen Winterspiele 2014. Da ringen Kinderchöre aus China, Russland und Kasachstan mit berührender Hingabe und überbordender Lebensfreude um Gold-, Silber- und Bronzemedaillen. Interkultur vergibt sie übrigens – auch zur Motivation zeitlich über das Event hinaus – großzügig. In der Kategorie Folklore a capella messen sich nicht weniger engagiert Chöre aus Venezuela, China und Südafrika, dem Land, das die WCG 2018 ausrichten wird. Vokalensembles aus Indonesien, Russland und Venezuela bestechen in der Kategorie Musica Sacra a cappella.

Respekt für Rivalen

Award Ceremonies, also Feierlichkeiten der Preisübergabe, jeweils zum Ende der ersten und der zweiten Sektion des Festivals, markieren die emotionalen Gipfelpunkte – Gebirge an Jubel und Begeisterung, die weit über die Höhenzüge des Kaukasus hinauszureichen scheinen. Diese erheben sich nördlich von Sochi am Horizont und bilden den eigentümlichen Kontrast zum Schwarzen Meer und seinem Kur- und Badepanorama. Hier feiern die Chöre, bisweilen auch ihre Schlachtenbummler, sich, natürlich. Sie respektieren aber auch ihre Mitstreiter und Rivalen. Es ist schon beeindruckend zu erleben, wie ungezwungen sich Gruppen aus der Volksrepublik China, aus Hongkong und Taipeh begegnen. Wie selbstverständlich sich ein Vokalensemble aus dem iranischen Teheran neben Chören aus Israel und Ägypten sowie einer Delegation aus Jordanien bewegt. Die Idee des Günter Titsch, „mit den WCG Menschen aller Kulturen, Nationen, Religionen und Generationen über die Chormusik zusammen zu führen und ihnen eine Grundlage für gemeinschaftliche Erlebnisse zu schaffen“, findet so eine vitale Bestätigung.

Völkerverbindender Spaß steht im Vordergrund. - Foto © Opernnetz

Die Award Ceremonies wie das große Finale finden im Bolschoi Eispalast auf dem früheren Olympia-Gelände statt. Ihre weiß in der Hitze schimmernde Architektur erinnert an eine überdimensionale PC-Maus. 2014 kämpften hier die Eishockeyteams um die Medaillen. Gut zwei Jahre später gibt es nichts mehr aufzutauen. „Wenn wir alle zusammenhalten“, hat der Vize-Kultusminister Alexander Zhuravsky beim Empfang für die Chöre im Zentrum Sochis ausgerufen, „sind wir unbesiegbar.“ Ein Versprechen für eine friedlichere Zukunft, jenseits der aktuellen Konfrontationen und von fundamentalistischen Konflikten um Tradition und Moderne?

Das Wunder: Noor-e-Omid aus Afghanistan

Fast schon wie eine Einlösung dieses Versprechens wirkt der Auftritt der Gruppe Noor-e-Omid aus Afghanistan. Sie tritt im offenen Wettbewerb in der Kategorie Gemischte Kammerchöre auf. Ihr Programm umfasst Werke von Redner, Gounod und Palestrina sowie eine traditionelle armenische Weise. Die Jury lohnt den Einsatz der 17 Sängerinnen und Sänger mit dem Zertifikat „Erfolgreich teilgenommen“. Was aber letztlich unwichtig ist, weil es sich schlicht um ein „Wunder“ handelt. So stuft  Ralf Eisenbeiß, Künstlerischer Leiter der WCG 2016, die Courage der Frauen und Männer ein, nach Sochi zu reisen und sich einer Öffentlichkeit zu stellen. Musik sei von den Taliban in Afghanistan verboten worden. Der Chor stehe für eine ganze Generation unter dem Verdikt eines solchen Generalverbots. So gesehen, ist allein die Anwesenheit der verhalten lächelnden Gruppe ein mächtiges Zeichen.

Gewiss, die Rekordzahlen der WCG 2014 im lettischen Riga mit insgesamt 27.000 Teilnehmern werden in Sochi nicht erreicht. Für eigentlich interessierte und viele regelmäßig teilnehmende Chöre im Westen, in Teilen Europas wie in den USA, ist und war der Austragungsort im Russland Wladimir Putins ein brisanter, zu sensibler Ort. Sieht man das Weltchorfestival hingegen als ein vermittelndes Ereignis der Zivilgesellschaft, das über die Erstarrung und Sprachlosigkeit der Politik hinausreicht, steht die Teilnahme von Ensembles aus Nigeria oder Schweden, Deutschland oder Malaysia für sich, außerhalb des engen Korridors der Konfrontation. Beispielhaft formuliert das der Australier David Slater, der der Jury angehört. „Musik“, betont der in Sidney lebende Komponist und Dirigent, „öffnet gerade jungen Menschen den Zugang zur ganzen Welt, macht sie neugierig und offen für alles, was bislang fremd war.“ Seine Quintessenz: „Es gibt nichts Besseres!“

Im Sommertheater Sochi bestimmt derweil The Müller Chamber Choir aus Taipei das Bühnengeschehen. Seine Performance unter der einfühlsamen Leiterin Meng-Hsien Peng muss den Besucher einfach beeindrucken, vor allem den aus Europa. Wie sie ein Lied von Richard Strauss in bestens akzentuiertem Deutsch intonieren, Die Stimme des Kindes des finnischen Komponisten Jaakko Mäntyjärvi vermitteln und Sergej Rachmaninoffs Rejoice of Virgin hauchen – das ist interkulturelles Können und Verstehen par excellence. Chormusik für den Traum von der einen Welt, die keine Schranken und Gräben braucht. Die schon eine universale Sprache besitzt, die des gemeinschaftlichen Gesangs.

Ralf Siepmann