Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

Michael S. Zerban - Foto © Lennart Rauße

Kommentar

Nichts verstanden

Ein an sich eher unbedeutender Verwaltungsakt an der Deutschen Oper am Rhein zeigt beispielhaft, dass in vielen hochsubventionierten Häusern immer noch ein mittelalterliches Dialogverständnis herrscht. Keine guten Voraussetzungen, um für die Zukunft gerüstet zu sein.
Haben gut lachen: Remus Şucheană und Martin Schläpfer. - Foto © Susanne Diesner

Donnerstagmorgen. In der Redaktion ist Zeit für die Medienschau. Wo ist etwas zu den eigenen Themen veröffentlicht? Wie haben die Kolleginnen und Kollegen anderer Medien sich geäußert? Alltag eben. Manuel Brug verkündet etwas reißerisch in der Zeitung Welt, dass Martin Schläpfer seine Position als Ballettdirektor an seinen bisherigen Stellvertreter Remus Şucheană weiterreicht und selbst als Künstlerischer Direktor und Chefchoreograf weitermachen will. Die Nachricht ist zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Stunden veröffentlicht. Hat also der Kollege Informationen aus der Rheinoper erhalten, die wir nicht haben? Es ist nichts Neues, dass Generalintendant Christoph Meyer immer wieder versucht, die Printmedien zu bevorzugen. Gebracht hat es bislang nichts. Auf Nachfrage bei der PR-Abteilung der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg geht keine zwei Minuten später eine Pressemitteilung ein, die den Sachverhalt aus Sicht der Oper darstellt. Auf die Frage, warum die Online-Medien nicht zeitgleich mit den Printmedien informiert wurden, heißt es von da lapidar: „Ihre Frage ist leicht zu beantworten: weil wir uns an die Spielregeln halten müssen.“ Merkwürdige Spielregeln sind das, die vor allem eines zu zeigen scheinen: Ein immer noch vollständig fehlendes Verständnis der Bedeutung von Online-Medien.

Dabei ist der Vorgang als solcher vermutlich so bedeutsam wie der berühmte Sack Reis, der in China umfällt. Schläpfer schanzt seinem Zögling, den er schon aus Mainz mitgebracht hat, ein Pöstchen zu, mit dem der sich später mal besser bewerben kann. Vetternwirtschaft nannte man das früher. Der Ballettchef selber nennt sich künftig Künstlerischer Direktor und Chefchoreograf, hat also dieselben Befugnisse und Rechte, muss sich nur nicht mehr um die lästige Bürokratie und Repräsentationspflichten kümmern. Eine echte Win-win-Situation. Und wenn im Haus keiner etwas dagegen einzuwenden hat, bitte schön. Es sei denn, was man eigentlich erwarten darf, die Bezüge des künftigen Ballettdirektors würden seinem Arbeitsplatz angeglichen. Also erneute Anfrage, ob das Gehalt Şucheanăs an das erweiterte Aufgabengebiet angepasst wird.

Satte zwei Stunden dauert es, bis Antwort aus dem Balletthaus eintrifft. Die allerdings hat es in sich. Die Verantwortlichen teilen mit, „dass das Gesamtbudget sich durch die interne Umstrukturierung nicht verändert und dass die Gehälter nicht öffentlich sind“. Holla! Die Gehälter, die von der öffentlichen Hand gezahlt werden, sind nicht öffentlich? Die Verwendung von Steuergeldern unterliegt sehr wohl einer Transparenzpflicht. Was für eine Geisteshaltung steht denn dahinter? Wir nehmen euer Geld gern, aber das heißt ja noch lange nicht, dass wir euch sagen, wie es ver(sch)wendet wird? Nun, sie passt immerhin zur Dummheit und Überheblichkeit, mit der die eigentliche Frage nicht beantwortet wird. Es hätte vollkommen ausgereicht mitzuteilen, ob eine Gehaltsanpassung stattfindet. Und daran ist nichts Geheimes noch Ehrenrühriges. Bei solchen Aussagen – die doch durchaus ein „Geschmäckle“ hinterlassen – müssen die, die der Institution Rheinoper das Geld zur Verfügung stellen, also Stadt und Land stellvertretend für die Steuerzahler, in Zukunft doch ein wenig genauer hinschauen, wenn’s mal wieder ein Milliönchen mehr sein soll, weil „die Tariflöhne gestiegen“ sind. Genauer hinschauen sollte auch der Abo-Zahler, ob sein Geld in die künstlerische Leistung oder doch eher in das Portemonnaie einiger weniger fließt.

Natürlich wirft der transparente Dialog mit der Öffentlichkeit auch schon mal unangenehme Fragen auf. Wenn beispielsweise Birgit Meyer, Intendantin der Kölner Oper, eine Gehaltserhöhung von 15.000 auf 18.000 Euro verlangt. Monatlich. Sie selbst erbringt keine künstlerischen Leistungen, hat sich auch in der Sanierungsphase des Opernhauses nicht durch außerordentliches Organisationstalent oder Weitblick hervorgetan. War stattdessen davon überrascht, dass der Rhein im Sommer Niedrigwasser führt. Kann man sie deshalb als durchschnittliche Abteilungsleiterin im öffentlichen Dienst bezeichnen? Und wäre dann ein Gehalt in der Höhe, sind da die Steigerungswünsche in dieser Größenordnung gerechtfertigt? Wohl kaum. Umso wichtiger ist die öffentliche Diskussion, um einerseits Missstände im Vorfeld abzufangen, aber auch im umgekehrten Fall, um Vertrauen in jene Leute aufzubauen, die für die Verwendung von Steuergeldern verantwortlich sind.

Verzögerungstaktiken, Versuche, bestimmte Medien zu ignorieren, oder überhebliche Scheinantworten sind in einer Zeit, in der die Finanzierung kultureller Institutionen mehr und mehr durch dieses Vertrauen bestimmt wird, sicher nicht der richtige Weg.

Christoph Meyer steht mit seiner rückwärtsgewandten, abschottenden Kommunikationsstrategie zwar noch durchaus beispielhaft für andere Häuser, immer häufiger aber für Einzelfälle, wie die tägliche Praxis zeigt. Immer mehr Intendanzen und deren Kommunikationsabteilungen beginnen zu begreifen, dass Internet mehr ist als Amazon, Zalando und Facebook. Während die Feuilletons der Tageszeitungen sich allmählich in Luft auflösen und in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, haben die Menschen, die Vertrauen in die kulturellen Institutionen haben sollen, ihr Kulturmagazin immer dabei. Auf dem Smartphone.

Michael S. Zerban, 28.1.2016

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