Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Die Seele liegt bloß

Der traurige Clown schminkt sich nach der Vorstellung ab. Das ist das Bild, das vielleicht wir alle im Kopf haben, wenn die Aufführung vorüber ist. Geduldig warten wir ob solcher Fantasien auf der Premierenfeier – schon mal mit einem Glas Wein – auf die Schauspieler, die uns dann noch mal puschen. Ohne Kostüm auftreten und sich feiern lassen. „Nach der Vorstellung bin ich wie high, der Körper ist müde, der Kopf ist wach“, beschreibt Jule Böwe diesen Zustand. Aber was geht eigentlich den Schauspielern in genau dieser Pause zwischen Abgang und Premierenfeier durch den Kopf, was fühlen sie? In den wenigen Minuten, in denen sie aus dem Abendgeschehen herausfallen, aus der Rolle in die Wirklichkeit zurückfinden.

Dieser Frage haben sich Brigitte Landes und Margarita Broich angenommen. Während Landes prominente Schauspieler vor oder nach den Proben, in der Kantine oder vor der Aufführung interviewte, fotografierte Broich sie im sensiblen Moment der Häutung. Darunter Namen wie Ulrich Matthes, Angela Winkler, Nina Hoss oder Ben Becker.

Entstanden ist daraus ein schmales Bändchen von rund 80 Seiten mit eindrucksvollen Texten und Fotografien. Ein Kunstwerk. Und wie es sich für ein Kunstwerk gehört, ist es schwierig, die Faszination zu ergründen. So fassettenreich die Texte, so tiefgründig sind die Bilder. Und doch gibt es immer wieder zwei, drei Grundtöne, die das Buch durchziehen. „Sobald wir an der Volksbühne loslegen, ist Lichthupe Vollgas angesagt, und dann wird die Castorf-Knochenmühle durchgebrettert“, beschreibt Alexander Scheer stellvertretend den unbedingten Einsatz des wirklich guten Schauspielers. Es gibt auch die Form der Desillusion, die in intellektuelle Einsichten mündet. „Eine ausgepinselte Utopie ist keine mehr, und ein ideales Theater gibt es nicht“, sagt da ein Martin Wuttke, der im weißen Nachthemd und mit schwarzer Kopfhaube, eine Zigarette in der rechten Hand, ins Philosophische abdriftet. Lilith Stangenberg betont wie viele andere die Freiheit des Künstlers, die trotz aller Ökonomisierung des Theaters immer wieder durchleuchtet. „Am Theater unterliegst du keiner Zensur; das macht diesen Raum so gefährlich. Da hat man eine andere Freiheit und auch Verantwortung“, sagt sie, während man sie im wollgestrickten Kostüm mit Pimmelchen in ungeheuer spannungsvoll ausgeleuchtetem Bild sieht.

POINTS OF HONOR
Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/Leistung
Verarbeitung
Chat

Alles Theater ist mit seiner Fadenheftung, schwerem Papier und Vierfarbdruck ein liebevoll handwerklich gefertigtes Büchlein aus der Manufaktur der Insel-Bücherei, wie man es nicht mehr so oft sieht. Heute braucht es Mut, so etwas anzubieten, vor allem, weil aus der Herstellung ein Preis resultiert, der eher Liebhaber anspricht. Aber gerade die werden voller Wonne in Zitaten schwelgen, sich an großartigen Fotografien erfreuen, die weit jenseits der inzwischen üblichen „Yellow-Press-Bilder“ und ganz nah am künstlerischen Exzess liegen. Und sie werden diese Erinnerung an alte Zeiten, die die aktuelle Philosophie der Schauspielerei wiedergibt, nicht im Bücherregal ablegen, sondern immer wieder zugreifen. Schon um zu beweisen, dass deutsche Schauspieler – nicht im nationalistischen Sinne – immer noch auf einer Ebene unterwegs sind, die an das ansonsten längst nicht mehr existente Land der Dichter und Denker gemahnt. Das ist weder altbacken noch überholt, sondern allenfalls vergessen. Jürgen Holtz, auf dem Sofa liegend, formuliert es frisch und frei. „Wir sind die Narren. Selbst wenn wir traurig sind, machen wir Quatsch.“ Und da ist er wieder: Der Clown, der sich nach der Aufführung abschminkt. Wunderbar, melancholisch.

Michael S. Zerban, 29.11.2015