Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Glatt gebügelte Ansichten

Von frühester Jugend an war er der Musik ausgesetzt – der klassischen Musik. Sein Vater Luciano komponierte in der Nacht im Nebenzimmer, weil er tagsüber als Musikmanager und Lehrer arbeitete. Riccardo allerdings begeisterte sich weniger für die Komposition als für das Dirigat. Das muss man seinem Vater mal erklären. Was willst du denn beruflich machen? Hm, ich würde gern dirigieren. Die Antwort auf ein solches Ansinnen ist selbst im Italien der 1960-er Jahre seitens eines Musikers klar. Lern erst mal was Anständiges. Also ab auf das Gymnasium, wo sich die Noten dramatisch verschlechtern. Riccardo probt den passiven Widerstand. Und beginnt seine musikalische Laufbahn mit einem Trainingscamp bei seinem Vater. Kaum bestanden, muss er noch eine „Dirigierprüfung“ durch einen weiteren Musiker über sich ergehen lassen, ehe er zum Konservatorium darf. Herrlich. Das könnte man in Italien nur noch durch eine zunächst zu absolvierende Ausbildung zum Landvermesser toppen. Aber die werden meist Politiker.

Nein, einmal am Konservatorium angekommen, ist die Laufbahn als Musiker auch in Italien erst mal relativ gesichert. Und Riccardo Chailly nutzt alle Chancen, die sich bieten. Der Beginn einer wunderbaren Geschichte. Geschichte? Nein, eines Interviews. Nachdem die Ehefrau Gabriella – um mit Ephraim Kishon zu sprechen, die beste Ehefrau von allen – und die zwei Kinder erwähnt sind, führen die choreografierten Fragen von Enrico Girardi, übrigens in einer wunderbaren Übersetzung von Michael Horst, zum Beruf eines der angesehensten Dirigenten unserer Zeit.

Viel wird bis heute, auch und vor allem in wissenschaftlichen Kreisen, darüber diskutiert, wie eine Biografie auszusehen hat, die einem Menschen und vor allem dessen Lebenswerk gerecht wird. Bei Henschel Bärenreiter hat man darauf eine vorläufige Antwort gefunden. In dem etwa 200 Seiten starken Werk Das Geheimnis liegt in der Stille – Gespräche über Musik findet nicht etwa ein Gespräch oder eine Unterhaltung statt. Vielmehr bieten sorgsam ausgearbeitete Fragen dem Dirigenten die nötige Plattform, seine Ansichten über Musiker, Regisseure, Komponisten aus der Vergangenheit und Gegenwart – Wagner, Strauss und andere bleiben außen vor – derart geglättet zu äußern, dass jeder zweite Satz oder, bleiben wir fair, jeder dritte Satz zitierfähig ist.

POINTS OF HONOR
Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/Leistung
Verarbeitung
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Damit ist ein wunderbares Werk für die meinungslosen Menschen geschaffen, die sich bei hochkulturellen Veranstaltungen befleißigen, Bonmots zu äußern. „Chailly hat dazu gesagt …“ Oh, was für ein gebildeter Mensch, der solche Zitate auswendig gelernt hat und sie mehr oder minder passend anbringen kann. Der findet auch im Anhang gleich noch eine Bio-, Diskografie und ein ausführliches Personenverzeichnis, woraus sich sicher auch noch Schmückendes ableiten lässt.

Ein Mensch, der seine Familie in Italien weiß, während er in Berlin Erfolge feiert, ist als Suchender in seine Partituren vertieft, steigert sich in Rauschzustände, weiß sich aus dem Obsessiven immer wieder zu lösen, um noch mehr Erfolge zu feiern. Steriler geht es kaum.

Hat Chailly tatsächlich ein dermaßen kontemplatives Leben geführt, aus dem ihn Gabriella immer wieder herausführen musste, um Freundschaften zu pflegen? Dieses Buch will uns das vermitteln. Und darin liegt seine Schwäche. Ein Leben unter dem Zuckerguss? Wünschen wir uns alle. Passiert aber den wenigsten von uns. Und auch Chailly möchte man das nicht wünschen. Denn sind wir ehrlich: Mehr Langeweile und fehlende Lebenserfahrung geht gar nicht.

Wer als Prominenter – und damit sollen die beruflichen Fähigkeiten, die hier in aller Ausführlichkeit beschrieben werden, nicht in Frage gestellt werden – ein solches Werk vorlegt, muss sich vor den Biografien der Zukunft fürchten.

Michael S. Zerban, 29.11.2015