Kulturmagazin mit Charakter
Buch
Ein Journalist, egal welchen Geschlechts, muss über viele Fähigkeiten verfügen, wenn er gut sein will. Sein wichtigstes Arbeitsmittel ist nicht etwa, wie vielfach vermutet, die Edel- oder spitze Feder, sondern die Gesprächsführung. Um ein gutes Gespräch zu führen, bedarf es einer expliziten Vorbereitung, Feinfühligkeit und Fantasie. Und man braucht einen wirklich guten Gesprächspartner. Vergleichbar einem Koch, der mit besten Zutaten eine gute Speise nur noch wirklich verderben kann, wenn er vorsätzlich handelt.
Einen wahren Glücksfall stellen für einen Journalisten die Gesprächspartner dar, die ihre Karriere abgeschlossen haben und trotzdem noch mit beiden Beinen im Leben stehen. Sie brauchen auf nichts und niemanden mehr Rücksicht zu nehmen, können ohne wesentliche Eitelkeiten aus dem berühmten Nähkästchen plaudern und einen wahrhaftigen Einblick hinter die Kulissen vermitteln, den es sonst vermutlich nirgendwo gibt.
Christine Dobretsberger hat sich gleich zehn solcher Gesprächspartnerinnen gesucht. Sie hat sich sehr sorgfältig, wie es sich gehört, mit deren Leben befasst und auseinandergesetzt, ehe sie sich mit ihnen zu Gesprächen zusammengesetzt hat. Unter Journalisten gibt es das geflügelte Wort „Nichts ist langweiliger als das gedruckte Interview“. Dobretsberger hat sich genau dafür entschieden. In Was ich liebe, gibt mir Kraft lässt sie österreichische „Bühnenstars“ aus Oper und Theater erzählen, wie der Titel verrät.
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Nun könnte man ja auch daraus noch eine spannende Geschichte machen. Indem man den großen Damen der Bühnenkunst wie Senta Berger, Erika Pluhar oder Hilde Zadek Anekdoten entlockt, Petitessen, die sich jüngere Künstler nicht trauen würden auszuplaudern. Künstlerinnen wie Renate Holm, Christa Ludwig und Erni Mangold könnten noch mal richtig Zunder geben. Stattdessen berichten sie über ihre Biographien, erzählen, dass ihnen die Lehrtätigkeit am Ende ihrer Karriere genau so viel, wenn nicht noch mehr Spaß macht als das Bühnenwirken. Und wenn sich Elisabeth Orth, Christine Ostermayer, Elfriede Ott und Bibiana Zeller schließlich noch zur erlauchten Runde hinzugesellen, möchte man das Glas Marillenschnaps erheben auf den flauschig weich gespülten Nachmittag, mit dem man dieses Buch verbracht hat.
Oder man betrachtet das rund 175-seitige Buch, das im Übrigen mit zahlreichen Fotografien von Eva Wahl und Robert Wimmer wirklich schön gestaltet und handwerklich sehr gut gearbeitet ist, als vertane Chance. Kunst, und das wissen die befragten Damen am allerbesten, kommt nicht von Wollen, sondern von Können. Da hätte Christine Dobretsberger viel von ihren Gesprächspartnerinnen lernen können.
Michael S. Zerban, 15.10.2015