Kulturmagazin mit Charakter
Buch
Herbststürme umtosen im November das Haus. Die richtige Zeit, um im Lehnsessel Platz zu nehmen. Auf dem Beistelltisch steht ein wohltemperierter Rotwein. Im Kamin lodern kleine Flammen. Die richtige Atmosphäre, um eine Biografie in Buchform zu lesen. Zum Beispiel eine Biografie, in der es auch um die Rauheit der Natur geht.
Volker Tarnow hat ein solches Werk anlässlich des 150. Geburtstags des finnischen Nationalkomponisten Jean Sibelius verfasst, die bei Henschel Bärenreiter erschienen ist. Auf 390 Seiten will der Mann uns das Leben eines Menschen näherbringen, der die Musikwelt verändert hat, ohne sie wirklich zu ändern. Dass Tarnow das gelingt, ist wohl eher den Sentimentalitäten von Lesern und dem Mut des Verlages Henschel Bärenreiter geschuldet, sich nicht auf moderne Präsentationsformen im Internet einzulassen, sondern auf die Inhalte zwischen zwei Buchdeckeln zu vertrauen. Denn das erzählerische Talent Tarnows hat auch neben der Internetwelt ausreichend Strahlkraft, in Buchform zu existieren.
Der Autor entführt uns in eine vollkommen fremde Welt, ist sich dessen bewusst und lässt sich auch genügend Zeit, den Leser in die komplexen politischen Verhältnisse Finnlands und seines berühmtesten Komponisten einzuführen. Jean Sibelius, der Weltfremde, der Säufer, der Lüstling, der Beziehungsgestörte, aber auch eher nebenbei der Familienvater, der sich einspannen lässt, Finnland ein eigenes Nationalbewusstsein mit seiner Musik zu verschaffen. Behutsam räumt Tarnow mit Legenden auf, rückt Halbwahrheiten zurecht, ordnet seine Arbeiten in den Gesamtkontext seines Lebens und der Musikwelt ein. So entsteht ein dichtes Informationsgeflecht, ohne je zu langweilen.
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Einige Schwarzweißbilder und ein umfangreicher Verzeichnisteil komplettieren das Bild des „größten verhinderten Opernkomponisten aller Zeiten“. Am 8. Dezember ist der Geburtstag von Jean Sibelius. Eine gute Gelegenheit, sich mit Hilfe von Tarnows Werk mit dem Leben dieses in Deutschland noch immer unterschätzten Komponisten vertraut zu machen.
Michael S. Zerban