Kulturmagazin mit Charakter
Buch
Eigentlich ist international erfolgreichen Opernsängern ihre Herkunft leidlich egal. Ohnehin sind sie selten genug in der Heimat, arbeiten täglich mit Sängern anderer Nationalitäten zusammen – und alles, was sie interessiert, ist, gut genug zu sein, dass das Publikum sie über viele, viele Jahre trägt. Auf dieser übergeordneten Ebene spielt die Abstammung nur noch eine Rolle, wenn PR-Leute oder Journalisten ihrer Fantasielosigkeit freien Lauf lassen. Dann liest man noch von der „isländischen Sängerin“ oder dem „italienischen Tenor“. Als ob sich die sanglichen Qualitäten eines spanischen von denen eines deutschen Bass-Baritons jenseits fachlicher Fragen unterschieden.
Was aber ist mit dem ersten Vierteljahrhundert eines Lebens, das dieser Karriere vorangegangen ist? Darüber berichtet jetzt Selcuk Cara, ein Deutscher. Und was er erzählt, ist nicht so lustig. Sondern stimmt sehr, sehr nachdenklich. Denn ganz offenbar sind wir noch weit davon entfernt, in der kosmopolitischen Gesellschaft zu leben, in der sich der Nationenbegriff verflüchtigt hat.
Caras Eltern sind aus der Türkei in eine hessische Kleinstadt immigriert. Als der Vater in der Textilindustrie Erfolg hat, verlässt er die Kleinfamilie. Obwohl die Mutter als Lehrerin ein Auskommen hat und ihren Sohn aufzieht, fehlt der Vater – auch als Instanz der Tradition. Die erlebt Selcuk in Gestalt seines Großvaters in der Türkei. Blitzlichtartig beleuchtet Cara die Stationen seines jungen Lebens. Dabei gestattet er sich in seinen episodenhaften Schilderungen Sprünge, die hier und da nicht immer augenblicklich nachvollziehbar sind.
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Das Erlebnis einer starken Mutter, die sich schützend vor ihren Sohn stellt, die erste – schmerzhafte – Liebe, sportliche Erfolge, die eher auf Missverständnissen beruhen, erste Schritte in Richtung auf den Wunschberuf: Auf rund 190 Seiten bemüht sich der Opernsänger, Filmemacher und angehende Doktor, seine Geschichten pointiert aufzubauen. Das gelingt ihm insofern, als das eine oder andere Lächeln gleich wieder Grundsatzfragen weicht.
Dabei belästigt Cara uns kaum mit Selbstmitleid, sondern zeigt eher Skurrilitäten auf, die uns heute mehr irritieren als belustigen. Die 1960-er Generation fühlte sich nicht mehr schuldig für die Gräuel vor 1945, gelobt aber bis heute, eine Wiederholung zu verhindern. Und dieselbe Generation will ein halbes Jahrhundert später nichts mehr mit den scheinbaren kulturellen Widersprüchen zwischen den türkischen, italienischen, polnischen Einwanderern und Deutschen zu tun haben, die sie 30 Jahre lang beschäftigt haben und die sie inzwischen längst überwunden glaubt. Spielt es wirklich heute noch eine Rolle, ob unser Nachbar mit Vornamen Mehmet oder mit Nachnamen Amiri heißt? Für die meisten Deutschen ist das absurd. Für sie ist wichtig, dass sie für Mehmet das richtige Fleisch auf dem Grill haben und Frau Amiri sich an die Treppenputzordnung hält. Und natürlich umgekehrt.
Auch Selcuk Cara hat seinen – ungewöhnlichen – Weg gefunden, fühlt sich heute als Norddeutscher, bitte schön, stellt aber abschließend die Frage nach der eigentlichen Heimat. Also dem Ort, wo man begraben sein möchte. Vielen Deutschen fällt da inzwischen ein anderer Ort als Deutschland ein. Cara wird seinen Weg gehen. Die absurden Erlebnisse in Deutschland und in der Türkei, aber auch in England, hat er sich von der Seele geschrieben – und die sollten wir uns sorgfältig durchlesen. Weil wir davon viel lernen können. Aber dann wollen wir uns wieder um unser eigenes Leben kümmern – mit unseren türkischen, syrischen und marokkanischen Nachbarn. Die Zeiten, die Cara erlebt hat, gehören der Vergangenheit an, egal, ob es um Opernsänger oder Busfahrer geht.
Michael S. Zerban