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Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Bereichernd

Auf dem Vorblatt zitiert Friederike Wißmann aus Hanns Eislers Faust: Ich meine das Ganze: Deutschland!

Das ist schon ein Wagnis – besonders, wenn es das Deutschland von Martin Luther bis Daniel Barenboim meint. Wißmann wendet sich der Musik in einer Weise zu, die Thomas Mann ein „waghalsiges Unternehmen“ nennt: das „Besondere der deutschen Kunst“ zu entdecken und zu beschreiben. Natürlich muss Wißmann die Frage stellen, ob es „die“ deutsche Musik überhaupt gibt, die sie mit ihren „Eigenschaften…, ihrer Entstehungsgeschichte und ihre(r) Rezeption“ untersuchen und sich „behutsam“ einer Definition des „Deutschen“ nähern will.

Der Leser – oder besser der Nutzer – dieses Buches ist gut beraten, sich intensiv mit der 17-seitigen Einleitung zu befassen. Hier erfährt er nicht nur mehr über Wißmanns Absichten, hier erläutert die Autorin auch wichtige Grundsätze und Grundlagen ihrer Arbeit. Hierzu gehört zum Beispiel: „Deutschlands zentrale geographische Lage machte das Land zum Brennspiegel verschiedenster Kulturen zwischen Nord und Süd, Ost und West“. Statt nach „typisch“ deutschen Eigenschaften der Musik zu suchen, geht es ihr um „die Analyse von nationalen Mythen, Klischees und Stereotypen“, sie stellt schon am Anfang fest, dass „die Charakterisierung als „deutsch“ selten von den Komponisten, sondern meistens von außen für eine Werk vorgenommen wurde, Ausnahmen seien wohl Richard Wagner und Hans Pfitzner. Sie macht klar, dass die Definition einer „deutschen Musik“ auf einem Konzept von Nation beruht, „das auf der menschlichen Tendenz zur Gemeinschaftsbildung fußt“ und kommt über Ernest Renan zu einem „subjektiven Nationenbegriff“. Objektive Kriterien für die Zugehörigkeit zu einer „Nation“ gibt es nicht, „was zählt, ist der Wille, eine Nation zu bilden.“ Auch der Glaube an „natürliche Gemeinschaften beruhe stets auf Imagination“. Diese Analyse führt Wißmann weiter bis hin zu einer wissenschaftstheoretischen Position: „Eine unvoreingenommene Perspektive … kann es nicht geben“. Schon nach der Lektüre der Einleitung dürfte der Leser sicher sein, dass Wißmann sich ihrem Gegenstand „Deutsche Musik“ mit hinreichender Distanz und methodischer Versiertheit nähert. Sie dokumentiert das noch einmal, wenn sie kurz auf einige historische Versuche einer Klassifizierung in der Musikgeschichte eingeht. Hans Joachim Mosers Versuch der Beschreibung einer „deutschen Musikbegabung“ von 1924 nennt sie knapp und treffend „so oberflächlich wie belanglos“.

In dreizehn weiteren Kapiteln wendet sich Wißmann dann der Analyse von Einzelbeispielen zu. Unter der saloppen Überschrift Himmlisch sieht sie Luther mit seiner Hinwendung zur deutschen Sprache als den Begründer einer „nationalen Bewegung“ im kirchlichen Raum. Für sie steht der Reformator „in gewisser Hinsicht am Anfang der Frage nach einer deutschen Musik“. Immer wieder betont sie die Erkenntnis, dass Musik „so wie andere Künste auch, von jeher im Kontext von Macht- und Herrschaftssystemen instrumentalisiert“ wurde.

Das Kapitel Gesellig beginnt Wißmann mit dem provozierenden Satz „Es wäre schön, wenn es sie gäbe, die deutschen Volkslieder“. Es fällt ihr leicht, die bekannten „Volkslieder“ vom Lindebaum über Wanderers Nachtlied bis zu Der Mond ist aufgegangen den jeweiligen prominenten Komponisten zuzuordnen. „Was tatsächlich ein Volkslied ist, … ist kaum zu beantworten.“ Ihr Kapitel Widerständig reicht mit Susan Clarys „feministischer Musikkritik“, Herbert Grönemeyers Titel Männer und Nina Hagen mit ihrer Band bis in die aktuelle Pop- und Punkszene.

POINTS OF HONOR
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Auch im Schlusskapitel Faust und der Mythos der Deutschen Musik wartet Wißmann mit spannenden Details und überraschenden Analysen auf, sie unterscheidet zwischen den Intentionen einer Komposition und ihrer Rezeption. Es sei nicht die Oper, die Komposition, „die ‚deutsch‘ klingt, … der Komponist bedient etwas, was in den Köpfen des Publikums als ‚deutsch‘ empfunden wird.“ In ihrer Schlussargumentation schließt sich Wissmann anderen Kulturkritikern wie Thomas Mann und Adorno an, wenn sie feststellt, dass jede „Anspruchnahme von Kunst eine Verkürzung“ bedeutet.

Der Berlin-Verlag kündigt Wißmanns Buch als „Standardwerk zu Mythos und Wirklichkeit der deutschen Musik“ an – das muss die Rezeption der nächsten Jahre erst zeigen. Wißmann wendet sich vorrangig an ein wissenschaftlich interessiertes Fachpublikum, das sich in den Grundzügen der Musikgeschichte auskennt und Detailinteresse mitbringt.

Mit ihrem Buch Deutsche Musik hat sie ein Werk vorgelegt, das sich einem delikaten Thema wissenschaftlich sorgfältig nähert und das musikhistorische Wissen deutlich bereichert. Sie erläutert ausführlich und gut verständlich ihre Fragestellungen und methodischen Ansätze. Den umfangreichen Apparat von Fußnoten und Quellenverweisen, der immerhin 46 Seiten im Kleindruck umfasst, hat Wißmann ebenso wie ein  Namensregister in den Anhang gestellt, was der Lesbarkeit des detailreichen Textes zugute kommt.

Erfreulich ist Wißmanns unprätentiöse, gelegentlich lockere Sprache. Hierzu gehören ihre Kapitelüberschriften, für die sie einen fast umgangssprachlichen Stil wählt. Statt komplexer Überschriften in musikalischem Fachchinesisch, formuliert die Autorin neugierig machende Ankündigungen wie Himmlisch oder Komisch, die den Leser motivieren, dort einmal nachzuschauen. Es macht Spaß, darin nach spannenden Einzelheiten zu stöbern und unterhaltsame Details aus der Musikgeschichte zu erfahren, um schließlich Wißmanns Überzeugung zu teilen, dass die Antwort auf die Frage nach „Deutscher Musik“ belanglos ist, der Blick auf das „reiche Musikleben in Deutschland“ dagegen lohnend. – Ein uneingeschränkt gelungenes Werk.

Horst Dichanz