Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

DVD

Der Cocktail ist gemischt

Der Betrachter ist verblüfft und verunsichert. Gleich zu Beginn der DVD kommt aus dem Hintergrund eines prunkvollen Gemachs eine modern gekleidete Dame auf einen kleinen Tisch zu, setzt sich und wird von einem gut informierten Kunstjournalisten intensiv und weit über die üblichen Grenzen eines Interviews hinaus intim befragt: „In der Presse war von Depressionen, ja von Suizidgedanken die Rede…“  – „Sehen Sie eine Mitschuld daran, dass die Monarchie heute infrage gestellt wird?“ – Darunter als Insert: Interview mit HM Alceste, Königin von Pherai – Schnitt.

Während der Vorspann mit Szenen aus der Oper läuft, erklingt die eingängige, schwermütig-emotionale Ouvertüre aus Glucks tragischer Oper Alceste, die 1767 in Wien uraufgeführt wurde. Die Inszenierung von Krzysztof Warlikowski, einem jungen Regisseur aus Polen, unternimmt das Wagnis, den klassischen Stoff der griechischen Tragödie in die Neuzeit zu versetzen. Erst nach einem Blick in das Begleitheft wird die Vermutung zur Gewissheit, dass Warlikowski den griechischen Hof durch einen europäischen ersetzt und der Königstochter Alceste Züge verleiht, die stark und absichtsvoll an die englische Monarchie und an das Schicksal der  Lady Di erinnern. Auch die im Interview angedeuteten Episoden haben hier ihren tragischen Ursprung. Diesem Hintergrund bleibt die Inszenierung bis zum Schluss treu.

Angela Denoke, Sopran, gibt der Alceste bei aller äußeren Eleganz des Auftretens den Eindruck einer sehr unsicheren, hilfsbedürftigen Frau, die durch den drohenden Tod ihres Gatten Admete den letzten Halt zu verlieren droht. Da ist der selbst gemischte Tablettencocktail nicht mehr weit. Mit ausdrucksstarker Stimme bewegen ihre wechselnden Stimmungen den Zuhörer. Admete, von Paul Groves lebendig leidenschaftlich gespielt, singt mit gefühlvollem Tenor die Figur des todkranken Königs mit viel Überzeugung. Williard Whites Bass gibt den Hohen Priester darstellerisch und stimmlich mal warm sympathisch, dann teuflisch hinterhältig. Isaac Galán als Apollon mit Lichtschwert bleibt im Hintergrund und eine rätselhafte Figur.

Durch die Oper zieht sich, häufig von den Bläsern vorgetragen, eine schwere, abfallende Vierer-Kadenz in verschiedenen Variationen, die immer wieder das Bedrückende der Situationen der Figuren musikalisch umschreibt. Besonders die Auseinandersetzungen zwischen Alceste und Admete werden in einer langen, bewegenden Szene zu einem der dramatischen Höhepunkte der Oper, an deren Ende Alceste, von Apollon befreit, stirbt. Ihr Tod wird für sie nach einer gescheiterten Liebe zum „rettenden Akt“ – der Tod „zwischen dem Leben und dem Nichts“.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Kamera
Ton
Chat-Faktor

Warlikowskis Inszenierung verzichtet auf eine genaue Umsetzung des Opernstoffes in die Gegenwart und geht mit den Motiven der Figuren recht frei um. Dabei gelingt es ihm, die Parallelen zur Gegenwartsgeschichte glaubwürdig zu ziehen, ohne den „sagenhaften“ Hintergrund völlig zu vernachlässigen. Die enge Beziehung zwischen Stoff und Musik schafft eine Dramatik und Emotionalität, die überrascht.

Chor und Orchester des Teatro Rael in Madrid unter Ivor Bolton unterstützen diesen Eindruck mit zurück genommener Dramatik und geben den Sängern viel Raum. Kameraführung und Schnitt passen sich dem intensiven emotionalen Geschehen einfühlsam und im Tempo angemessen an.

Wer sich dieser Aufnahme konzentriert zuwendet, wird von den übermittelten Gefühlen berührt sein und ein wunderbares, aber durchaus wehmütiges Musikerlebnis spüren.

Horst Dichanz