Kulturmagazin mit Charakter
DVD
Lehárs Operette Die Lustige Witwe ist seit der erfolgreichen Premiere 1905 ein Garant für gut besuchte Vorstellungen. Die Kombination aus beschwingter Musik, eingängigen Liedtexten und einer kurz umrissenen Liebesgeschichte lockt bis heute ein heterogenes Publikum in die Theater – als Operettenvorstellung. Im Zentrum des humorig-schlüpfrigen Wechselspiels im vom Bankrott bedrohten Staate Pontevedro stehen die reiche Witwe Hanna Glawari und der Lebemann Graf Danilo. Der Tanz ist in der Operette, soweit es die zur Verfügung stehenden Kapazitäten erlauben, meist mit dem frivolen Auftritt der Grisetten verknüpft.
Den Dauerbrenner des Operngenres auch für das Handlungsballett zu erschließen, gelang dem Choreographen Ronald Hynd 1975 in einer reinen Ballettversion für das Australian Ballet. Der Dirigent und Komponist John Lanchbery adaptierte die Operette für das Ballettwerk. Diese Inszenierung wird bis heute von großen Ballettensembles getanzt. Unter anderen interpretierte Dame Margot Fonteyn den Part der Hanna Glawari.
Bei Arthaus ist nun eine Studioaufzeichnung mit dem National Ballet of Canada erschienen. Die Aufzeichnung stammt aus dem Jahr 1987 und bietet somit wenig Neuerungswert. Jedoch wäre es vorschnell, diese DVD aufgrund ihres Alters bei Seite zu legen und nach neueren Aufnahmen zu suchen, die es kaum geben wird. Denn auch wenn die Aufzeichnung recht verstaubt daherkommt, bietet sie Einblicke in eine längst vergangene Ära der Ballettgeschichte: The Merry Widow wurde mit großem Aufwand inszeniert. Der Choreograph lässt launige Stimmungsbilder entstehen, die symphonische Bearbeitung trägt die eingängigen Melodien der Operette auf die Ballettbühne. Ein imposantes Bühnenbild und detailreiche Kostüme runden das Bild ab.
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Das durch und durch lyrische Ballett, mit stellenweise rasend schnellen Bewegungsabläufen, erfordert technisch hervorragend ausgebildete Tänzer: In der Titelrolle leistet das Karen Kain, die heute Künstlerische Leiterin des Ensembles ist. Ihr Partner, Graf Danilo, wird von John Meehan verkörpert. Das Paar ist auf dem Höhepunkt des technischen Könnens zu erleben. Wobei es ein charmantes Zeitzeugnis darstellt, dass Meehans Schnauzbart und Haarschnitt in den Nahaufnahmen starke modische Parallelen zum Protagonisten der US-Fernsehserie Magnum aufweist. Yoko Ichino glänzt als Valencienne. Ihr Liebhaber Camille, getanzt von Raymond Smith, hat in dieser Version der Geschichte sogar Glück: Die verheiratete Valencienne steht öffentlich zu ihrem Liebhaber und verlässt einvernehmlich mit ihm und ihrem Gatten die Bühne.
Die Fernsehadaption wurde von Norman Campbell in Zusammenarbeit mit dem Choreographen Ronald Hynd vorgenommen. Eine unverzichtbare Teamarbeit, deren Ergebnis sich durchweg ansehen lassen kann. Einziges Manko dieser Produktion ist der konstante Überfluss: Es sind arg viele Rüschen, ein sehr großes Ensemble auf engem Raum, ein nicht abreißen wollendes Dauerfeuer von eingängigen Melodien erklingt, es kommt sehr viel Ausstattung und Tam-Tam zum Einsatz. Völlig danebengegriffen hat man mit dem Einspielen von Lachern, wie sie uns heute aus Sitcoms geläufig sind. Niemand ist so schwer von Begriff, dass lustige Szenen des Balletts eines solchen Hilfsmittels bedurft hätten.
Jasmina Schebesta