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DVD

Blondes Gift und schwacher Soldat

Wieder findet mit Verdis Macbeth eine Live-Übertragung aus der Metropolitan Opera den Weg auf die DVD. Das ist ja auch sinnvoll, da es neben der reinen Oper noch genügend anderes Material gibt. Die Interviews, die in der Pause geführt werden, sind jetzt nicht besonders tiefschürfend, aber sie bieten eben diesen Blick hinter die Kulissen, den man sich auf einer DVD erwartet. Vielleicht hätte Regisseur Adrian Noble in einem Interview seine eher oberflächliche Inszenierung erklären können. Die Grundaussage ist soweit deutlich: Schwacher Soldat wird von seiner fiesen Frau zu bösen Morden animiert. Sichtbar wird das auch in einer soliden, aber irgendwie auch etwas einfallslosen Personenführung: Immer wieder steht Lady Macbeth über ihrem gebeugten Mann, wie es schon auf dem Cover der DVD beispielhaft demonstriert wird. Das ist soweit noch alles ganz ansehnlich. Die Chemie innerhalb des Ehepaares Macbeth wird zumindest glaubhaft geschildert. Auch als Individuen wirken die beiden Personen authentisch. Für Lady Macbeth hat die Aufführung immerhin einen Höhepunkt parat: Sie schlafwandelt über einen schmalen Grat aus Stühlen, die ihr die Hexen hinstellen.

Ansonsten bleibt die Aufführung in Opernklischees stecken: Es singt sich anscheinen dramatischer, wenn man auf Stühlen oder Betten steht. Die Hexen wackeln mit ihren Handtaschen, ohne dass man einen Sinn dahinter erkennt. Die Soldaten tragen Schusswaffen, besitzen aber anscheinend keine Munition, so dass sie sie im Schlusskampf wie Schwerter schwingen müssen. Daneben können weder das Bühnenbild noch die Kostüme Mark Thompson auf einem guten Fernseher vollends überzeugen. Angesichts dieser Optik ist die eh etwas wackelige und wie immer einen Hauch zu hektische Kameraführung noch zu verschmerzen.

Gegenüber der Liveübertragung vom 11. Oktober 2014 hat der DVD-Besitzer aber einen Vorteil. Es gibt keine technische Unterbrechung während der zweiten Arie von Lady Macbeth, verkörpert durch Anna Netrebko. Die Sopranistin räumt selbst ein, dass die Partie ein Wagnis für sie ist. Aber sie geht nie über ihre Grenzen hinaus, weiß gegenüber manch tremolierenden Kollegin auch sehr geschmackvoll und gleichzeitig auch effektiv im Sinne der Figur zu singen. Das blonde Gift, das sie hier verkörpert, wird noch nicht das Ende ihrer Rollenerarbeitung sein.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Kamera
Ton
Chat-Faktor

Dagegen sitzt Željko Lučić wirklich auf der Rolle des Macbeth – und das im positivsten Sinne. Sein Markenzeichen ist dieses leicht melancholische Timbre, das zwar nicht die meisten Farben zulässt, aber viel Feinsinn und dramatische Gestaltung. Puren Stimmengenuss verströmen zwei, die vergleichsweise wenig zu singen haben: Joseph Calleja und René Pape sind Luxusbesetzungen für Macduff und Banquo. In den Nebenrollen gefallen Noah Baetge als Malcolm und Claudia Waite als Hausdame der Lady.

Der Chor der Metropolitan Opera, einstudiert von Donald Palumbo, trägt den häufigen Stimmungswechsel der Oper sehr genau mit. Auch Fabio Luisi und das Orchester der Met wissen wie man der Partitur Leben einhaucht. Da hört man viel dieser nachtschwarzen Farbe, die in dieser Oper so die Musik Verdis dominiert. Viel Applaus gibt es schon während der Aufführung, und nach der Vorstellung werden alle Musiker ausgiebig gefeiert.

Christoph Broermann