Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

DVD

Das königlich-dänische Ballett lebt La Dolce Vita

Die von August Bournonville kreierte Balletttechnik ist gekennzeichnet von schneller und präziser Beinarbeit, vielen Drehungen, Sprüngen, Entrechats und Cabriols. Sie erfordert viel Kraft und bietet zugleich die Möglichkeit, Freude im Tanzen auszudrücken. Neben La Sylphide und dem Blumenfest in Genzano zählt das Ballett Napoli zu den Evergreens der dänischen Ballettkultur. Es hat eine starke religiöse Komponente, und am Ende wird die Liebe über den Tod siegen. Braucht es mehr, um einem gelungenen Ballettabend entgegenzusehen?

Eigentlich nicht. Die bei Opus Arte erschienene DVD Napoli präsentiert das königlich-dänische Ballett in einer Neuauflage dieses Klassikers. Die Choreographen Sorella Englund und Nikolaj Hübbe haben, basierend auf dem nicht mehr vollständig erhaltenen Ballett von August Bournonville, ein Update gewagt, das mit viel Liebe zum Detail aufwartet. Das in Neapel verortete Ballett wird in die 1950-er Jahre datiert. Die religiöse Komponente abgemildert.

Alle Charaktere sind der starken Personenzeichnung des Regisseurs Frederico Fellinis nachempfunden: Als gutaussehender, aber armer Fischer Gennaro im Feinripphemd ist der derzeit erfolgreiche erste Solist Alban Lendorf zu erleben, der sich aus dem Schoße der königlich-dänischen Ballettschule seinen Weg zum Solisten erarbeiten konnte und heute ebenso mit dem English National Ballet tanzt. Seine Partnerin und große Liebe Teresina wird von Alexandra Lo Sardo verkörpert. Ein optisch harmonierendes Paar, das den Abend trägt. Aber auch die Nebenrollen, sei es der Limonadenverkäufer in Lederrobe und gelb getönter Sonnenbrille, getanzt von Jean-Lucien Massot, oder Teresinas Mutter, streng, aufrecht und markant getanzt von Lis Jeppesen, geben starke Charaktere ab. Das Handlungsballett auf der Bühne bietet somit alles, um einen unterhaltsamen Theaterabend zu erleben.

POINTS OF HONOR
Musik
Tanz
Regie
Bühne
Publikum
Kamera
Ton
Chat-Faktor

Einzig der Bühnenmitschnitt der Vorstellung aus dem königlich-dänischen Theater in Kopenhagen bereitet keine rechte Freude: Die Regiearbeit von Uffe Borgwardt könnte beinahe als desinteressiert und lieblos bezeichnet werden. Der Erzählstrang des Handlungsballetts wird wiederholt durch Aufnahmen unterwandert, die, nahezu dokumentarisch, das Nebengeschehen fokussieren, Spitzenschuhe werde herangezoomt oder Köpfe von Tänzern abgeschnitten, weil der Hintergrund interessanter scheint. Die Auswahl der Perspektiven scheint zufällig und während solistischer Auftritte werden Höhepunkte des Solos mit sehr kurzen Zwischenschnitten von Ensembleszenen eingebaut. Leider wirken genau diese Bilder aus dem Ensemble stellenweise hölzern, weil die Darsteller offensichtlich nicht wissen, dass sie im Bild sind. Mit einer nahezu traumwandlerischen Sicherheit wird auch nicht davor zurückgeschreckt, mitten in großen Sprüngen der Solisten einen Schnitt zu machen, um in eine andere Einstellung zu wechseln. Trotz der lieblosen Verfilmung des Balletts lässt sich erkennen, welch farbenprächtige und stolze Inszenierung auf der Bühne vonstattengeht. Vielleicht kann die DVD einmal mehr zur Anregung dienen, sich die Inszenierung live im Theater anzusehen – soweit man die Möglichkeit hierzu hat.

Jasmina Schebesta, 30.11.2015