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Schluss mit lustig

DER BARIBER VON SEVILLA
(Gioac­chino Rossini)

Besuch am
14. Oktober 2016
(Premiere)

 

Südthü­rin­gi­sches Staatstheater
Meiningen

Schon in Giacomo Meyer­beers 1836 urauf­ge­führter Oper Die Hugenotten  war der religiöse Konflikt zwischen Katho­liken und Protes­tanten beim Massaker der Pariser Bluthochzeit 1572, der so genannten Bartho­lo­mä­us­nacht, nur ein Thema im Hintergrund.

Auch bei der Insze­nierung von Tomo Sugao im Mainfranken-Theater Würzburg ist dieses Motiv weitgehend vernach­lässigt. Doch ganz vom geschicht­lichen Kontext abzugehen, führt zu einer gewissen Inkon­se­quenz, zur Zwiespäl­tigkeit in der Handlung. Denn der Text von Eugène Scribe sowie die musika­li­schen Anspie­lungen des Kompo­nisten, etwa auf das quasi leitmo­ti­visch sich wieder­ho­lende Kirchenlied Luthers Ein feste Burg ist unser Gott oder den Kreuz­fah­rer­schlachtruf Gott will es! beim Mordkom­plott weisen doch auf diese religiöse Ausein­an­der­setzung hin. Eine solche Verortung im geschichts­losen Raum aber führt dazu, dass die Hälfte der Oper bis in den dritten Akt hinein eher einer Operette oder einem Kabarett gleicht; mit dem vierten Akt ist dann endgültig Schluss mit lustig, und der überstei­gerte Spaß hört auf.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Da gibt es dann auch keine Glitzer­kostüme und grotesken Trans­ves­titen-Verklei­dungen der völlig enthemmten „katho­li­schen“ Vergnü­gungs-Gesell­schaft mehr, keine seltsam überkan­di­delten Festkostüme der altmo­disch verklemmten, rothaa­rigen „protes­tan­ti­schen“ Bürger­lichen, sondern eine graue, düstere Masse in Hosen mit Hosen­trägern über Unter­hemden, und auch Valentine, die Tochter des katho­li­schen Grafen St. Bris, hat vom getupften Petticoat-Kleid über eine schwarze Robe hin zum schlichten schwarzen Kleid die Garderobe gewechselt. Nur einer muss immer noch im unvor­teil­haften Matro­sen­anzug auftreten, Raoul, der hugenot­tische Edelmann. Diese Kostüme, auch das pompös übertriebene Äußere der Königin Marga­rethe, stammen von Pascal Seibicke.

Foto © Nik Schölzel
Foto © Nik Schölzel

Alles beginnt mit einer morbid lasziven Party in einer Art Revue­theater, bis dann nach der schwarzen Hochzeit von Valentine und Nevers und dem Mordkom­plott die Bühne von Julia Katharina Berndt ganz leer bleibt und die vorhe­rigen hölzernen Theater-Umrah­mungen mit grünen Vorhängen ganz verschwinden. Der kobold­ähn­liche Erzähler, Barbara Schöller, ganz in Weiß, wird dann auch nicht mehr benötigt und kurzerhand umgebracht. Als die Ermordung der Hugenotten, angedeutet durch Maschi­nen­ge­wehr­ge­knatter, statt­ge­funden hat, der Himmel sich über dem toten Liebespaar öffnet, Glitter herab­streut und der Chor vorne an der Rampe marschierend aufstampft, ist Schluss einer Handlung. Sie hat eigentlich keine logische Entwicklung, sondern zeigt nur Stationen, Bilder, Tableaus. Damit entspricht sie in etwa dem Libretto, aber kaum der Musik Meyer­beers, die das Geschehen lebendig werden lässt. Immerhin bewegt die Regie die Massen des Chors unentwegt, sei es um die lustbe­tonte Spaßge­sell­schaft der „Katho­liken“ oder die ernsten, konven­tio­nellen Hugenotten ständig über die Theater-Rahmen klettern zu lassen oder die mordlüs­ternen Leute am Publikum entlang zu schleusen, bis sie sich in einem gewalt­be­reiten Zug quer über die Bühne formieren.

Während die Chorszenen mit der Zeit im ersten Teil trotz aller gewollt skanda­lösen Äußer­lich­keiten etwas langweilen, faszi­niert die musika­lische Seite der Aufführung. Enrico Calesso am Pult lässt das Philhar­mo­nische Orchester Würzburg alle Regungen der Partitur sehr genau nachvoll­ziehen; schon nach dem fast andäch­tigen Beginn mit den – leider nicht immer ganz intona­ti­ons­si­cheren – Geigen­fi­guren und der ständig anklin­genden Kirchenlied-Melodie bricht dann fast überstürzt das Düstere, Laute, Gewalt­tätige ein. Darin zeigt sich der innere Konflikt zwischen dem Rausch­haften und dem Gemäßigten, den diese Grand opéra formu­liert. In ihr werden ehrliche Gefühle anfangs verlacht; das hört man; später wird die aufge­heizte Stimmung ab dem dritten Akt sehr deutlich. Auch die Instru­mental-Soli gelingen als Vorbe­reitung auf Einzel­auf­tritte der Protago­nisten gut.

Beson­deren Glanz aber verleihen der eigentlich in sich gespal­tenen Insze­nierung die Stimmen, allen voran Claudia Sorokina als Königin Marga­rethe von Navarra. Ihr großer, brillanter Sopran, bestens verständlich, bewältigt auch die kühnsten Verzie­rungen, Triller und höchsten Höhen ohne Anstrengung, makellos, strahlend und mit Glanz, und als Figur beein­druckt sie auch durch ihre elegante äußere Erscheinung. Ihr zur Seite steht Urbain, ihr Page, und Silke Evers meistert ihre Partie souverän mit ihrem runden, schön timbrierten, höhen­si­cheren Sopran und locker dahin­lau­fenden Kolora­turen; auch die zwei Ehren­damen, Anke Hájková Endres und Anja Gutgesell, und die zwei katho­li­schen Mädchen, Hiroe Ito und Eva-Maria Wurlitzer, gefallen nicht nur stimmlich. Die unglück­liche Valentine, zwischen den zwei Seiten der religiösen Parteien und Liebe und Pflicht hin- und herge­rissen, scheitert daran; erst im Tod findet sie Erfüllung. Karen Leiber verkörpert diese tragische Figur mit viel Einsatz und ihrem hochdra­ma­ti­schen, glanz­vollen Sopran. Um sie bewerben sich zwei Männer, der aufrechte Katholik Graf von Nevers, zwischen Party­gänger und Held schwankend, den Daniel Fiolka mit stets angenehm klingendem, männlich vollem Bariton beein­dru­ckend zeichnet, und Raoul, der hugenot­tische Edelmann; er wird begleitet von seinem treuen Diener Marcel, einem fanati­schen Verfechter der protes­tan­ti­schen Lehre; Tomasz Raff singt ihn mit starkem, tief gründelndem, etwas dumpfem Bass. Den rücksichtslos unbeug­samen Vater der Valentine singt und spielt Bryan Boyce passend mit kräftiger, energi­scher Stimme. Der angenehm klingende Tenor von Maximilian Argmann ist in zwei Rollen beschäftigt, als hugenot­ti­scher Soldat Bois-Rosé und als katho­li­scher Edelmann Tavannes. Auch die übrigen Adligen finden überzeugend singende Darsteller. Alle Männer­stimmen aber werden überstrahlt von Uwe Sickert als Raoul; er gestaltet diesen unglücklich Verliebten sehr ergreifend mit seinem jugendlich hellen Tenor und fein glänzenden Höhen. Eine mitrei­ßende Wucht aber sind die großen Chöre; einstu­diert von Anton Tremmel, bewäl­tigen sie mühelos auch schwierige Tempo­wechsel, klingen immer ausge­wogen und flexibel, können ohne Härten steigern. Sie haben am Schluss die Oberhoheit.

Das Premie­ren­pu­blikum im nicht voll besetzten Haus feiert Sänger und Musiker mit einhel­ligem, langem und jubelndem Beifall sowie stehenden Ovationen; beim Regieteam gehen die Meinungen ausein­ander. Wer das Werk nicht kennt, findet es vor allem im ersten Teil recht unter­haltsam, wer es kennt, vermisst eine sinnvolle, durch­ge­hende Linie.

Renate Freyeisen

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