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Foto © APA Fotoservice

Knarrender Start

LA TRAVIATA
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
30. Dezember 2016
(Premiere)

 

Tiroler Festspiele, Festspielhaus Erl

Klirrende Kälte und ein märchen­haftes Lichter­spiel am Abend­himmel begleiten das Premie­ren­pu­blikum, welches in das Tiroler Dorf Erl angereist ist. Im Foyer des neuen, geschmackvoll gestal­teten Festspiel­hauses herrscht Betrieb­samkeit vor der nahezu ausver­kauften Premiere von Verdis beliebter und viel gespielter Oper La Traviata – zu Deutsch die vom Weg Abgekommene – die vom ergrei­fenden Schicksal der Edelpro­sti­tu­ierten Violetta Valery und ihrer schick­sals­haften Liebe zu dem jungen stürmi­schen Alfredo Germont handelt.

Die Winter­fest­spiele etablieren sich mit Auffüh­rungen von Opern des italie­ni­schen Faches sowie der Klassik als Pendant zu den von Richard Wagner dominierten Tiroler Sommer­fest­spielen. Der omniprä­sente Hausherr Gustav Kuhn führt in dieser Neuin­sze­nierung Regie und überträgt die musika­lische Leitung dem jungen italie­ni­schen Dirigenten Tito Ceccherini. Das Ensemble des Abends setzt sich wie gewohnt für Erl aus Sängern und Sänge­rinnen der von Gustav Kuhn geführten Sänger­schmiede, der Accademia Montegral bei Lucca zusammen. Wiederum gelingt es ihm junge talen­tierte und aufstre­bende Künstler zu präsentieren.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Allen voran überzeugt an diesem Abend Matteo Desole. Mit viel Verve startet er beherzt in die Partie und singt sich förmlich
mit seinem warmen, gefärbten Timbre in das Herz seiner angebe­teten Violetta sowie des Publikums. Seine Stimme sitzt tief und bekommt so einen besonders weichen Klang. Ohne Brüche erreicht er auch mühelos die Höhe, die er mit Kraft, aber ohne Pressen ausschmückt. Wahrlich eine freudige Entde­ckung mit viel Potenzial. Die junge Kasachin Lada Kyssy startet aufgeregt als Violetta, ihre Stimme wirkt belegt, mit Druck gestaltet sie drama­tisch das Trinklied und metallen klingen die Höhen. Nach der ersten Pause – bereits nach dem ersten Akt – erscheint sie wie ausge­wechselt, und ihre Stimme wirkt frisch, hell und mit fortschrei­tendem Abend überzeugt sie in der gesang­lichen Gestaltung der Rolle. Im Finale brilliert sie mit sanfter, sicherer und leichter Höhe.

Von Lenka Radecky, der erfah­renen Kostüm­bild­nerin der Festspiele, wurden die beiden in elegante anspre­chende Roben gesteckt und so trägt das Aussehen der beiden wirkungsvoll zum Erfolg bei. Der Regie von Maestro Kuhn gelingt das weniger.  Statisch sind die Sänger und der Chor zum Dirigenten und Publikum aufge­reiht, es passiert wenig. Vermeintlich effektvoll wackelt der Chor zu den tänze­ri­schen Klängen in militä­ri­scher Formation. Auf der großen leeren Bühne in der Gestaltung von Jan Hax Halama gibt es ein paar Stühle und Tische, eine zentrale breite Schräge, auf der, mit Spotlight ausge­leuchtet, ab and an die Bühne reduziert wird, um mehr Intimität zu erzeugen. Sicherlich entspricht Regie und Bühne dem angepeilten Konzept der Festspiele, das Publikum nicht zu provo­zieren und mit schönen Bildern und Kostümen die Musik zu unter­malen, aber das trägt auch das Risiko in sich zu langweilen.

Foto © APA Fotoservice

An diesem Abend gelingt es den Sängern, die Konzen­tration und Aufmerk­samkeit des Publikums für sich zu gewinnen. Neben dem erfri­schenden Liebespaar zeigt Giulio Boschetti einen hölzernen Vater Germont, dessen Bariton sich der Höhe schön öffnet, in der Tiefe aber farblos bleibt. Anna Werle als Flora nutzt ihre wenigen Auftritte, um ihr Können unter Beweis zu stellen.

Auch der Dirigent des Abends, Tito Ceccherini, muss am Beginn erst das Zusam­men­spiel mit den Sängern finden. Sehr getragen, aber musika­lisch ausge­feilt, startet er im Vorspiel und folgt anschließend deren sanftem Druck nach Schwung. Er gestaltet einen breiten, besonders von den Strei­chern ausge­füllten, roman­ti­schen Klang­teppich ohne wuchtige Forti. Präzise in den Einsätzen und gefühlvoll in der Begleitung unter­stützt er die sänge­ri­schen Leistungen. Großes Lob gebührt der von ihm bestens einstu­dierten Choraka­demie der Tiroler Festspiele, die auch im Spiel viel Freude und Können beweist.

So gibt es am Ende zu Recht Jubel beim Publikum, und der etwas dünne Beginn ist vergessen.

Helmut Pitsch

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