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Foto © Saad Hamza

Husten-Party

DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN
(Emmerich Kálmán)

Besuch am
31. Dezember 2016
(Premiere am 20. März 2010)

 

Aalto-Musik­theater Essen

Fast hundert Jahre nach der Urauf­führung läutete die Insze­nierung der Csárdás­fürstin von Michael Sturminger den Frühling in Essen ein. Sechs Jahre später wird sie zur Silvester-Aufführung im Aalto-Theater geadelt. Intendant Hein Mulders hat in der Nachfolge von Stefan Soltesz seine Hausauf­gaben erledigt. Das Essener Musik­theater gilt inzwi­schen als eine der Vorzei­ge­adressen Deutsch­lands, seine Premieren werden mit Akribie verfolgt – und ernten meist Lobeshymnen.

Sicher konnte das Team um Mulders nicht wissen, welche Zustände in Deutschland herrschten, wenn das Stück erneut zur Aufführung käme. Schließlich entstehen Spiel­pläne nicht von heute auf morgen, sondern sind von langer Hand geplant. Sonst wäre das Kálmán-Stück mögli­cher­weise nicht auf die Bühne zurück­ge­kehrt – oder jeden­falls nicht zu Silvester.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Sturminger hat die Operette völlig überflüs­si­ger­weise vom Ersten in den Zweiten Weltkrieg verlegt. Er folgt damit dem Marketing der Natio­nal­so­zia­listen, die mit ihrem Haken­kreuz-Symbol die Welt verseuchten. Überflüssig wie ein Kropf. Zumal er selbst sagt, dass es keine Notwen­digkeit gab, Texte zu ändern – abgesehen von der Pointe, dass Kálmán selbst im Stück thema­ti­siert wird. Der Antise­mi­tismus war schon 1915 so was von präsent, dass es eigentlich keiner zusätz­lichen Symbole bedurfte, um die Guten von den Bösen zu unter­scheiden. Immerhin haben Renate Martin und Andreas Dannhäuser konse­quent Bühnenbild und Kostüme in die 1940-er Jahre verlegt. Aus dem Theater im ersten Akt und dem Hotel im dritten Akt wird kurzerhand ein Varieté, aus der Wiener Wohnung ein Palais mit Speise- und Ballsaal. Fleißig kreist dabei die Drehbühne und zeigt im schnellen Wechsel stimmige Bilder. Für die übrige Bewegung sorgen in erster Linie Chor und Statisten. Die Solisten bekommen so eine sehr sänger­freund­liche Bühne. Und da es sich um eine deutsch­spra­chige Operette handelt, verzichtet der Regisseur auf Übertitel.

Foto © Saad Hamza

Was sich am Silves­ter­abend als Nachteil erweist. Denn Mulders selbst muss erst die fehlende Dispo­sition von Rainer Maria Röhr als Edwin Ronald und in der Pause auch noch die Erkältung von Bea Robein in der Rolle der Sylva Varescu ankün­digen. Es wird also nicht ausge­sungen und somit ist die Textver­ständ­lichkeit beim Teufel. Im oberen Drittel des Parketts kommt nicht wesentlich mehr als Geräusche an. Zudem nun auch überdurch­schnittlich vielen Zuschauern im ausver­kauften Haus einfällt, dass auch sie eigentlich einen schlimmen Husten haben, den sie leiden­schaftlich und lautstark auskosten. Und wenn man schon so wenig vom Bühnen­ge­schehen mitbe­kommt, kann man sich dann auch mal ungeniert unter­halten. Erst als dann noch ein Handy klingelt, kehrt zumindest vorüber­gehend etwas mehr Ruhe ein. In solcher Atmosphäre ist eine Beurteilung auch der übrigen stimm­lichen Leistungen obsolet.

Darstel­le­risch gibt es kaum Einwände, auch wenn die große Walzer­szene gelegentlich eher nach einem Massen­ver­kehrs­unfall aussieht als nach eleganten Walzer­schritten. Damit muss ein Regisseur rechnen, wenn er Choristen tanzen lässt. Im Übrigen ist der Chor von Jens Bingert ordentlich einstudiert.

Eine ordent­liche Arbeit liefert Dirigent Johannes Witt mit den Essener Philhar­mo­nikern ab.

Kaum ist der letzte Akkord verklungen, drängt ein Zuschauer, seine Frau vor sich herschiebend, aus der Mitte der Sitzreihe zum Ausgang. „So etwas kann man nicht auch noch applau­dieren“, schnaubt er. Nicht alle Besucher scheinen das so zu sehen, aber begeis­terter Beifall klingt dann doch anders. Ein wenig inspi­rie­render Abend zum Abschluss eines doch eher beschei­denen Jahres – da wächst die Vorfreude auf das neue Jahr. In diesem Sinne eilt das Publikum zum Ausgang, hin in eine hoffentlich freund­li­chere Zukunft.

Michael S. Zerban

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