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DIE TOTE STADT
(Erich Wolfgang Korngold)
Besuch am
9. Januar 2017
(Premiere am 12. Dezember 2004)
Wenn man heute von ihm spricht, denkt man in erster Linie an ihn als Schöpfer von mit Oscars prämierten Filmmusiken. Erich Wolfgang Korngold komponierte aber auch viel klassische Musik. So im Jahre 1920 die Oper Die tote Stadt, deren Libretto sein Vater Julius nach dem Roman Bruges-la-Morte von Georges Rodenbach verfasste. Es ist die düstere Geschichte von Paul, der seiner verstorbenen Frau Marie in seinem Haus in der Stadt Brügge eine Gedenkstätte errichtet hat und dort völlig zurückgezogen um sie trauert. Durch seinen Freund Frank lernt er die Tänzerin Marietta kennen, in der er seine wieder lebende Marie zu erkennen glaubt. Er verfällt ihr und erlebt alptraumartig sogar, sie ermordet zu haben. Realität und Traum vermischen sich. Schließlich löst er sich aus der Vergangenheit und verlässt die Stadt.
Im Alter von erst 23 Jahren schuf der österreichische Musiker, der als „verfemter“ Komponist wegen des Nazi-Regimes später in die USA emigrieren musste, dieses Geniewerk. Die Partitur ist überfüllt von Stilen und pendelt zwischen aggressiver Harmonik, spätromantischem Schwulst und Impressionismus. Zudem hat Korngold mit Mariettas Lied und dem Tanzlied des Pierrot zwei ins Ohr gehende Schlager ersten Ranges geschaffen, deren melodiöse Schlichtheit beeindrucken.
Nach nahezu acht Jahren Pause, aber rechtzeitig zum 120. Geburtstag des Komponisten ist nun die Oper als Wiederaufnahme an der Wiener Staatsoper zu erleben, wo sie im Dezember 2004 Premiere hatte, als Übernahme von den Salzburger Festspielen, wo sie höchst erfolgreich im Sommer desselben Jahres gezeigt wurde.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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„Unsere Liebe war, ist und wird sein“, dieser Sinnspruch aus noch glücklichen Tagen von Paul und Marie hat ersterer hunderte Male auf die Wand seines Zimmers gemalt. Hier leidet er vor sich hin und klammert sich an größere und kleinere Bilder seiner verstorbenen Geliebten, die überall im Raum verstreut angebracht sind. Willy Decker und sein Ausstatter Wolfgang Gussmann haben die dunkle Geschichte von Liebe und Treue, Wahn und Wirklichkeit gekonnt und packend inszeniert und zeigen eindrucksvolle Bilder. Spannend wie ein Krimi verschwimmen Realität und Vision. Bei den Traumsequenzen verändert sich der Raum. Wände und Decke bewegen sich und werden schief. Teilweise finden sie mit Doubles auf der Hinterbühne statt. Ein surreales Ballett der Häuser der Stadt Brügge fasziniert, Mariettas Tanztruppe ist sehr fantasievoll gestaltet ebenso wie eine beeindruckende Prozession, die vorbeizieht.

Die Wiederaufnahme dieser Oper ist allerdings von zahlreichen Umbesetzungen durch Grippeerkrankungen geprägt. In die Rolle des Paul schlüpft anstelle des erkrankten Klaus Florian Vogt kurzfristig Herbert Lippert: Darstellerisch sehr reduziert, sängerisch achtbar, aber mit merkbaren Anstrengungen, auch mit dem Text, bewältigt er zwar die mörderisch schwere Rolle, stößt dabei immer wieder an seine Grenzen. Erstmalig ist Camilla Nylund in der Doppelrolle von Marietta und Marie zu erleben: Sie singt die ebenfalls sehr anspruchsvolle Partie mit Bravour, aufblühendem Sopran und expressivem Spiel. Mit edlem Schöngesang und Eleganz betört Adrian Eröd als Frank und Pierrot Fritz, insbesondere mit seinem Hit, dem Tanzlied Mein Wähnen, mein Sehnen. Eingesprungen ist auch Monika Bohinec. Sie singt als Haushälterin Brigitta sehr gefühlvoll und intensiv. Auch die kleineren Rollen sind mit Thomas Ebenstein als Graf Albert, Joseph Dennis, der als Victorin ebenfalls eingesprungen ist, Miriam Albano als Lucienne, Simina Ivan als Juliette und Lukas Gaudernak in der Rolle des Gaston tadellos besetzt.
Gewaltige Klänge lässt das Orchester der Wiener Staatsoper unter Mikko Franck aus dem Graben hochfahren und macht es den Sängern nicht immer leicht. Vieles klingt recht derb und zu wenig differenziert. Es fehlt an Raffinement und an Feinheiten. Zudem ist die Balance zwischen Bühne und Graben nicht immer ideal.
Der Jubel im Publikum gilt vor allem auch den vielen, wackeren Einspringern, die ihre Rollen teils erst sehr kurzfristig einstudieren mussten!
Helmut Christian Mayer