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Das Glück ist eine Schwalbe

LA RONDINE
(Giacomo Puccini)

Besuch am
12. Januar 2017
(Premiere)

 

Opernhaus Graz

Ein bisschen an Puccinis La Bohème aber weit mehr noch an Verdis La Traviata erinnert das Libretto. Aber es hat bei weitem nicht das Format dieser Vorlagen: Zwei Liebende haben sich aus Paris zurück­ge­zogen, ihre Beziehung aber scheitert, weil sie eine bewegte Vergan­genheit hat, seine Eltern sich aber ein „anstän­diges“ Mädchen an seiner Seite wünschen.

Operet­ten­hafte Klischees, kolpor­ta­ge­hafte Bedienung bei Alexandre Dumas Kameli­endame und drama­tur­gische Schwächen auch im musika­li­schen Geschehen, das nicht immer mit der Handlung konformgeht, dürfte der Grund sein, warum man Giacomo Puccinis La Rondine so selten in Bühnen­auf­füh­rungen begegnet. Und so blieb das Werk immer das geliebte Sorgenkind des Kompo­nisten. Dabei verfügt die ursprünglich als Operette geplante – für das Wiener Carltheater, 1917 in Monte Carlo urauf­ge­führte Die Schwalbe – so der deutsche Titel – durchaus über reizvolle, raffi­nierte Klänge, über eine feinste, gar leicht ironi­sie­rende Instru­men­tierung, einen leichten Konver­sa­ti­onsstil inklusive Walzer. All das wollte Puccini als „Reaktion auf die grauen­volle Weltkriegs­musik“ verstanden wissen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Nach seiner bei Publikum und Kritik erfolg­reichen Insze­nierung an der Deutschen Oper Berlin 2015 und genau 100 Jahre nach der Urauf­führung in Monte Carlo lässt Rolando Villazón in seiner vierten Regie­arbeit erstmalig in Graz die Handlung in den 20-er Jahren des 20. Jahrhun­derts spielen. Beäugt von einem riesigen Tizian-Gemälde der Venus von Urbino, das im zweiten Akt durch Spiegel in Fragmente zergliedert wird und im letzten Bild als leere Silhouette von Schäf­chen­wölkchen à la René Magritte umgeben ist, wird der Prunk des Fin de Siècle in seiner ganzen Herrlichkeit einge­fangen: Wie die weite Lobby eines Grand Hotels wirkt der erste Akt mit üppig gepols­terten Sesseln, Zierpalmen und viel Gold. Ein Garten vor einem Haus am Sandstrand direkt an der Riviera, zeigt uns das letzte Bild: Insgesamt alles etwas altmo­disch, aber in einem sehr ästhe­ti­schen Ambiente. Die Bühne stammt von Johannes Leiacker, die geschmack­vollen Kostüme der 20-er Jahre von Brigitte Reifen­stuel. Es gibt aber auch immer wieder kleine Anspie­lungen, etwa an Man Rays bekannten Rückenakt, bei dem einer Dame die f‑Löcher eines Cellos auf den Rücken gemalt wurden.

Foto © Werner Kmetitsch

Villazón hat genau in die Partitur hinein­gehört, mit humoris­ti­schen Anspie­lungen nicht gespart und auch das Halbschattige der Handlung in den Blick genommen. Er weiß auch, die teils schemenhaft angelegten Figuren konven­tionell und berührend zu führen, ohne ins Pathos abzugleiten. Manches hätte jedoch mehr Leben­digkeit vertragen. Erst am Ende klärt sich das Rätsel jener geheim­nis­vollen, gesichts­losen Herren im weißen Anzug, die omnipräsent die Lebedame Magda umschwärmen: Es sind ihre verflos­senen Liebhaber. Denn jetzt zum Finale bekommt auch der von ihr verlassene Ruggero eine solche Maske verpasst.

Sophia Brommer singt die Titel­heldin Magda betörend schön, mit klarer Höhe und großer Innigkeit. Tatjana Miyus ist eine entzü­ckende Lisette, die in allen Lagen pure Lebens­freude verströmt.  Mickael Spadaccini ist ein zu robuster, zu wenig feinsin­niger und eindi­men­sio­naler Ruggero mit vielen angeschlif­fenen Tönen. Auch vermag er nicht, den schmach­tenden Liebbaber glaubhaft darzu­stellen. Pavel Petrov singt den Dichter Prunier mit feinem, kleinem Tenor. Wilfried Zelinka gibt den von Magda abser­vierten Rambaldo mit Würde. Die vielen kleineren Rollen sind durchaus adäquat besetzt. Auch der Chor des Hauses, der einmal mehr von Bernhard Schneider einstu­diert wurde, singt tadellos.

Elegant, farbig, schwe­relos, unendlich raffi­niert, süffig mit Grandezza und gedie­gener Leucht­kraft musizieren die Grazer Philhar­mo­niker unter dem Stilisten Marco Comin. Und er zeigt, wie leicht sich darüber die Stimmen ohne jede Anstrengung abheben können.

Die Schwalbe hat tatsächlich abgehoben. Das Publikum ist sehr angetan, es spendet reichen Applaus und durchaus immer wieder Jubel, speziell für die beiden Sänge­rinnen und den Dirigenten. Ganz besonders stark wird der Zuspruch, als Rolando Villazón, der sich sichtlich darüber freut, zum Schluss die Bühne betritt.

Helmut Christian Mayer

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