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Zwischen Freudenhaus und Kirche

JENSEITS VON EDEN
(Ulrike Syha)

Besuch am
14. Januar 2017
(Premiere)

 

Rheini­sches Landes­theater Neuss

Das Lachen kommt später, wie die Weisheits­zähne, und das Lachen über sich selbst kommt am aller spätesten, inmitten des wahnwit­zigen Wettlaufs mit dem Tode, und manchmal kommt es nicht mehr recht­zeitig.“ Es sind solche Zitate, die John Steinbeck zu unsterb­lichem Ruhm verholfen und sein Jenseits von Eden bis heute zu einem der meist­ge­le­senen Romane der Welt gemacht haben. Auf mehr als 700 Seiten erzählt der Mann, der es ohne Univer­si­täts­ab­schluss immerhin zu einem Pulitzer- und einem Litera­tur­no­bel­preis brachte, seine Famili­ensaga, die 1952 erschien und bereits drei Jahre später auszugs­weise verfilmt wurde. Elia Kazan machte mit James Dean wiederum einen Welterfolg daraus. Kann man ein solches Stück auch nur annähernd seriös auf die Bühne bringen? Man kann. Weil man eher wahnsinnig ist – oder Ulrike Syha heißt. Die hat den Roman für die Bühne des Rheini­schen Landes­theaters Neuss bearbeitet.

In Regisseur Michael Lippold hat sie einen konge­nialen Partner gefunden, der ihr Werk in einer wunderbar feinfüh­ligen, durch­dachten und niemals Tiefgang vermis­sen­las­senden Insze­nierung umgesetzt hat. Deutlich wird die Botschaft „Du hast die Wahl“ ebenso überbracht wie die histo­rische Situation, in der die Freuden­häuser und Kirchen zeitgleich in Salinas ankamen. Dabei bleibt das Komödi­an­tische einer Vaude­ville-Truppe – das ist die Idee – nicht außen vor. Acht Schau­spieler schlüpfen in eine unüber­schaubare Anzahl von Rollen. Das kann ein Parforce-Ritt für den Kostüm­bildner sein. Es kann aber auch äußerst originell mit Papp-Masken gelöst werden. Lippold hat sich für letzteres entschieden und damit einen überzeu­genden Weg beschritten. Erste Irrita­tionen ob der sehr konven­tio­nellen „Western“-Kostüme von Amelie Hensel weichen später der Bewun­derung ihrer origi­nellen Einfälle in den Varia­tionen. Das ist von vorn bis hinten großartig durch­de­kli­niert. Auch die Bühne hat Hensel mit einer Grundidee auf das Feinste gestaltet. Im Mittel­punkt steht der Hinter­grund. Das ist eine Wand aus Bretter­bohlen, aus der fünf Sterne ausge­schnitten sind. Damit ermög­licht sie nicht nur gefällige Bühnen­zu­gänge und witzige Effekte, sondern gestattet auch eine bezau­bernde Licht­regie, die nicht nur die vorder­gründige Handlung exzellent ausleuchtet, sondern auch für abwechs­lungs­reiche Hinter­gründe sorgt. So können hier leich­ter­dings auf zwei Ebenen die Stimmungen heraus­ge­ar­beitet und unter­strichen werden. Das Bühnen­spiel selbst vollzieht sich so detail­freudig, dass man sicher auch bei einem zweiten oder dritten Besuch noch Neues entdecken wird.

Foto © Björn Hickmann

Die bestens vorbe­rei­teten Schau­spieler fühlen sich in dieser Umgebung sichtlich wohl. Da fällt es allen leicht, Spitzen­leis­tungen zu erbringen. Unter­schiede sind da kaum oder allen­falls in Nuancen auszu­machen. Juliane Pempelfort ist mit der vielleicht inter­es­san­testen Rolle der Cathy Ames betraut, die sie mit Bravour löst, obwohl sie ihr in jeder Hinsicht eine Menge abver­langt. Es gelingt ihr, auch die weniger nachvoll­zieh­baren Handlungen glaubhaft auf die Bühne zu bringen. Gesanglich begeistert sie schon mit der Einstei­ger­nummer River of no Return. Stefan Schleue zeigt einen traumhaft nuancierten Adam Trask. Es macht richtig Spaß, ihm in seiner feinglied­rigen Entwicklung zu folgen. Was Lippold in seiner Regie richtig gut macht, zeigt am ehesten Anna Lisa Grebe als Abra Bacon. Immer wieder wartet sie mit unerwar­teter Mimik, kleinen Verzö­ge­rungen und einer Glaub­wür­digkeit auf, die in dieser Konse­quenz überra­schen und ausge­sprochen gut gefallen. Auch stimmlich gefällt sie, insbe­sondere in „ihrer“ Version von Bang Bang.  Auf Augenhöhe agieren Joachim Berger, Richard Lingscheidt, Pablo Guaneme Pinilla, Rainer Scharenberg und Philipp Alfons Heitmann in ihren verschie­denen Rollen, die sie auf das Beste verkörpern und singen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Ingmar Kurenbach spielt nicht nur die zahllosen Saiten­in­stru­mente selbst – in Einzel­fällen unter­stützt von den Darstellern, die auch gleich noch mal zur Trommel, Orgel oder anderen Instru­menten greifen – sondern hat die Songs und Zwischen­mu­siken auch einheitlich und faszi­nierend neu arran­giert. Ob One Silver Dollar, Hang Down Your Head, Tom Dooley oder This is not America: Das hat man so noch nicht gehört, aber die Neuge­staltung gefällt ohne Ausnahme. Zumal auch Kurenbach hin und wieder eine gefällige Stimme beisteuert. Und Angst vor Elektronik gibt es in Neuss ohnehin nicht. Die Darsteller sind komplett mikro­fo­niert, und dass der musika­lische Leiter mal zu einem Instrument ohne die Verstärkung greift, bleibt die Ausnahme. Weil das aber alles gut funktio­niert, ist dagegen auch nichts einzuwenden.

Findet auch das Publikum im sehr gut besuchten Großen Saal, das langan­hal­tenden, warmher­zigen Beifall spendet, nachdem es sich den Abend über köstlich unter­halten hat. Und nach einer dreistün­digen Aufführung keine überhas­teten Aufbruchs­ver­suche für nötig hält. Ob man übrigens die ameri­ka­nische Lebens­weise mag oder nicht, ist für den Besuch dieser Insze­nierung uninter­essant. Bei allem histo­ri­schen Bezug braucht man nicht lange, um die Paral­lelen zwischen ameri­ka­ni­scher und deutscher Gesell­schaft heraus­zu­finden. Einen Unter­schied gibt es vielleicht doch. Aber den verraten die Darsteller erst am Ende des Stücks.

Michael S. Zerban

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