O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Eisbärenstark

DAS TIERREICH
(Nolte Decar)

Besuch am
18. Januar 2017
(Premiere)

 

Forum Freies Theater Düsseldorf, Jahnstraße

Ein knappes Jahr ist es her, dass Michael Stielekes Theater­en­semble Only ask Valery! sich auf der Bühne des Forum Freien Theaters in der Jahnstraße vorstellte. Mit ihrer Inter­pre­tation des Stücks Morning von Simon Stephens legten die früheren Schüler des pensio­nierten Lehrers Stieleke die Messlatte ziemlich hoch. Jetzt tritt das Nachwuchs­en­semble mit dem Stück Das Tierreich des Autorenduos Nolte Decar an, um zu beweisen, dass es sich bei der großar­tigen Leistung im vergan­genen Februar nicht um eine Eintags­fliege handelte.

Mit dem Tierreich scheinen die jungen Leute es sich zunächst einmal einfach zu machen. Urauf­ge­führt am 3. Oktober 2014 am Schau­spiel Leipzig in der Regie von Gordon Kämmerer, wurde schnell klar, dass Michel Decar und Jakob Nolte hier ein beson­deres Werk gelungen ist. Die Tücke liegt im Detail. Zunächst einmal haben Decar und Nolte ein heißes Eisen angepackt. Puber­tie­rende verbringen ihre Sommer­ferien in einer Klein­stadt in der deutschen Provinz. Da eröffnet sich ein ganzes Universum an Themen. Aufkei­mende Liebe, unerfüllte Liebe, Sexua­lität, Gegenwarts‑, Zukunfts­fragen, die Tragik des Alltags. Es nimmt gar kein Ende. Wie will man das auf die Bühne bringen?

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Ist ganz einfach, sagen die Autoren. In schnellen Schnitten, kurzen Auftritten. Soweit die Theorie. In der Praxis müssen der Regisseur und sein Team präzise wie ein Chirurg arbeiten, damit der Zuschauer nicht nur Versatz­stücke sieht, sondern am Ende auch die Handlung versteht. Das Ensemble – wiederholt seinen Vorjah­res­erfolg, als sei nichts einfacher als das.

Viele der Requi­siten sind bereits bekannt: Einzelne Stühle, Bänke, ein paar Bierkästen, eine Schau­fens­ter­puppe, alles immer schnell beweglich. Links und rechts in der weißen Bühnen­land­schaft ein Podest, auf und hinter denen die Musik­in­stru­mente unter­ge­bracht sind. Hier können sich die Darsteller nun zu kurzen, teils kommen­tierten Dialogen treffen, chorartig zusam­men­rücken oder einfach entrückt tanzen. Es gibt derbe Sprüche, Gags mit und ohne vorher­sehbare Pointe, Intrigen um Chinchillas, einen berüh­renden Moment mit einem Eisbären und deftig rockige Musik. Zwischen­durch wird noch ein Theater­stück einstu­diert. Kaum ein Darsteller, der mit einer einzigen Rolle auskommt. Also sind perma­nente „Kostüm­wechsel“ angesagt. Diesmal haben die Akteure nicht auf Hilfe von außen gesetzt, sondern sich selbst überlegt, wie sie die Figuren charak­te­ri­sieren können. Ein echter Gewinn! Barfuß tanzen sie durch diesen Sommer, in dem ein Panzer auf die Schule fällt und nicht nur Liebes­wunden in die noch so verletz­lichen Seelen geschlagen werden, sondern auch der ganz normale Wahnsinn zuschlägt. Hier ein T‑Shirt weniger, da eine Leder­jacke obendrauf, Haarspray sorgt für neue Frisuren bei den Jungs, es ist kaum zu glauben, was auf dieser Bühne in 75 Minuten alles vonstat­tengeht. Das Leben pulsiert, irritiert, eupho­ri­siert, langweilt und irgendwann geht diese Schule einfach wieder los.

Foto © Klaus Hoffmann

Elf Nachwuchs­dar­steller so gut wie ohne künst­le­rische Ausbildung spielen 24 Rollen. Die Selbst­re­flexion macht es nicht einfacher. Und doch ist jeder einzelne von ihnen bei der Premiere ganz vorn dabei. Der Held des Abends für das überwiegend weibliche Schüler­pu­blikum ist Anton Lesseur. Regel­rechter Starkult wird da betrieben. Herrlich. Aber der junge Mann überzeugt auch wirklich in seiner Ernst­haf­tigkeit. Großartig sind sie ausnahmslos alle. Julietta Brandel liefert einen applaus­wür­digen Redeschwall, viel überzeu­gender aber ist sie als die Nicole Schneider, die nicht nur als Schüler­zei­tungs­chef­re­dak­teurin, sondern vor allem auch in ihrer verträumten Art begeistert, mit der sie die Jungs reihen­weise umhaut. Lea Hilde­brand ist wieder dabei, die Rock-Lady, die sich an der E‑Gitarre wohler fühlt als mit anderen Menschen. Laoise Lenders präsen­tiert sich dieses Mal in drei Rollen, ohne eine einzige zu schlabbern. Ob Anna Bachmann, Greta Behr, Jan Faßbender, Ole Glitza, David Haeseling, Ramin Haijat oder Anton Hipp – es gibt keine Ausfälle, die jungen Leute haben die Spiel­freude über das Jahr gerettet und berei­chert. Aus einem höchst anspruchs­vollen Stück das Beste heraus­geholt und nicht nur ihren Alters­ge­nossen den Spiegel vorge­halten, sondern auch den – wenigen – älteren Besuchern gezeigt, dass diese irrsinnige Zeit, als sie sich schon so erwachsen fühlten und doch so weit davon entfernt waren, ebenso scheinbar nutzlos wie aufregend war.

Summer in the City – mit dem Klassiker von Joe Cocker eröffnet das Stück, schließlich haben die Jungak­teure nicht nur ihre Rollen auswendig gelernt, sondern auch gleich noch eine ganze Reihe von Musik­stücken mit Andreas Niegl einstu­diert, die sie live auf der Bühne spielen. Gut, bei den Stimmen gibt es hie und da noch Schulungs­bedarf, aber wen inter­es­siert das, wenn es den Sängern wie Instru­men­ta­listen gelingt, die Bühne zu rocken? Überhaupt niemanden!

Das überwiegend junge Publikum feiert seine Alters­ge­nossen frene­tisch. Stieleke ist es gelungen, an einem kalten, aber immerhin sonnigen Januartag dem Publikum den Schweiß eines Sommer­tages auf die Stirn zu treiben. Die Bewäh­rungs­probe des Ensembles Only ask Valery! ist nicht bestanden, sondern übertroffen. Auf dem Heimweg laufen im Autoradio wehmütige slawische Weisen. Und da beschleicht einen plötzlich doch noch so etwas wie Neid auf das unver­schämte Glück dieser Jugend­lichen, Leben in wirklich all seinen Facetten als so neu erfahren zu dürfen. Vor allem wohl deshalb, weil sie es uns an diesem Abend so genussvoll gezeigt haben.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: