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Der Trockennebel, der von der offenen Bühne des Aalto-Theaters in den Zuschauerraum zieht, erinnert an die frostigen Zustände der letzten Tage, ist bei Verdis Rigoletto allerdings kaum überraschend. Ebenso wenig auch das Ritual, wie sich der gebeugte Mann während des düster heraufdämmernden Vorspiels – die Essener Philharmoniker sind schon hier spannender als Inszenierung – in den Hofnarren Rigoletto verwandelt. Nichts Neues also aus Mantua, handwerklich ist die Inszenierung dennoch gelungen. Bei Regisseur Frank Hilbrich ist die Dekadenz des Herzogs im Endstadium angekommen. Frustration und Unterwürfigkeit herrschen in einem tristen Klima, wo selbst die höhnischen Verspottungen des Hofnarren keinen Lacher mehr wert sind. Das einzige Vergnügungsgut ist die ständige Verfügbarkeit der Frauen. Sie werden auf offener Bühne erniedrigt, während in den USA die Frauen gegen eben diese Zustände auf die Straße gehen.
Mit Hilfe der modernen Kostüme von Gabrielle Rupprecht verlegt Hilbrich die Geschichte in die Gegenwart. Besonders fies gelungen sind ihr die diversen Clowns – eine Erinnerung an die Horrorclowns, die letztes Jahr zu Halloween ihr Unwesen trieben. Nicht nur die Höflinge verkleiden sich so, um Gilda zu entführen, auch Sparafucile wird im schwarzen Clownskostüm zu einer Doppelung der Titelfigur. Den Gedanken Rigolettos Pari siamo – Wir sind uns ähnlich nimmt Hilbrich ernst. Und so gelingt ihm auch die Ermordung im dritten Akt am besten, wenn die Bühne vorbereitet ist, um die Rache des Narren zu präsentieren. Vor aller Augen soll der Herzog seiner eigenen Gier zum Opfer fallen, doch die Güte zweier Frauen verhindert das. Volker Thiele hat dafür hinter einem lilafarbenen Glitzervorhang zwei kleine Puppenbühnen vorbereitet, auf denen Rigoletto seiner Tochter die wahre Natur des Herzogs vorführt, während der Chor gruselig summend die Opfertat Gildas beobachtet. Ständig präsent ist das Symbol der Drehtür in Thieles Bühnenbild. Ein schönes Symbol für eine missglückte Rache, da eine Drehtür ja bekanntlich auch einen Bumerang-Effekt hat. Durch diverse Exemplare in den glatten, kalten Wänden rennen, stolpern und straucheln die Protagonisten in einen Raum, der oft selbst die Form hat wie einer dieser Fächer in einer Drehtür. Für schönes, natürliches Licht – das ist die Arbeit von Manfred Kirst – ist in diesem Umfeld kein Platz. Es ist entweder kalt, grell oder übertrieben, und es zerbricht an den Wänden oft in seine Einzelteile.
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Insgesamt geht das gesamte Konzept des Regieteams also auf, doch es fehlt letztendlich an der Spannung. Und das nach der Aussage des Regisseurs: „Mich interessiert vor allem das Unheimliche an dieser Geschichte, der Psychothriller“. Über weite Strecken sind dann die Bühnenaktionen doch zu voraussehbar und abgenutzt.
Aber es gibt ja noch die Musik, und da macht Dirigent Matteo Beltrami Verdis düstere Partitur zu einer schillernden Filmmusik. Ein schneller Puls treibt die Handlung voran, und die Essener Philharmoniker lassen die Zuhörer in einem spannenden Spiel erzittern. Im Orchestergraben ist die Spannung förmlich greifbar, und der engagierte Dirigent fordert sie auch ein, wenn er aufgeregt mit Musikern und Sängern kommuniziert. Da können sich noch so liebliche und hoffnungsvolle Phrasen in die Musik einschleichen, letztendlich bleibt doch nur eine düstere und harte Dramatik.

Was hätte dieser Abend also musikalisch werden können, wenn auch die Sänger diese Ausdruckskraft hätten nutzen können. Aber vor allem Luca Grassi in der Titelfigur fehlt es genau an diesen Farben. Nicht, dass er schlecht sänge – im Gegenteil. Besonders in den lyrischen Phrasen der Oper zeigt er schöne Bögen, für das Parlando hat er eine tolle Aussprache und einen gut sitzenden Bariton. Dafür fehlt es ihm dann ein bisschen an Kraft in der Stretta, was zu verschmerzen ist. Aber weder Gesang noch Spiel lassen das entscheidende Maß an Intensität und Gefühl zu, was in dieser Rolle so wichtig ist. Der Herzog wird von Carlos Cardoso gesungen, ein Name, der die Stimmlage Tenor schon in sich trägt. So singt Cardoso auch los, mit einem Bombenmaterial, mit Leidenschaft, leider auch viel zu exhibitionistisch und mit viel zu wenigen Modulationen. Ob das für seine Stimme zu viel ist, ob da ein Infekt im Spiel ist oder beides – auf jeden Fall zeigen sich zu Beginn des zweiten Aufzugs erste deutliche Verschleißerscheinungen, und er versucht, das Husten zu verstecken. Aber er bringt den Abend achtbar zu Ende. Dadurch, dass die beiden anführenden Männerstimmen Schwächen zeigen, können zwei andere Stimmen nachhaltig punkten: Baurzhan Anderzhanov stößt den Fluch des Monterone mit kultivierter Intensität heraus. Tijl Faveyts passt seinen schönen Bass an seine fiese Kostümierung an und erntet für seinen Sparafucile Bravosalven. Georgios Iatrou als Marullo, Bettina Ranch als Maddalena und Marie-Helen Joёl als Giovanna führen die zahlreichen comprimari an. Der Opernchor des Aalto-Theaters in der Einstudierung von Patrick Jaskolka nutzt seine Chance, um sich auf ganzer Linie erfolgreich einzubringen. Vor allem in der Ausstrahlung unterstützt er die düstere Atmosphäre.
Es gibt nur eine Person, die diese Düsternis durchschneidet wie ein Lichtstrahl, und so wird Cristina Pasaroiu als Gilda auch eingesetzt. Mit einer entwaffnenden Herzlichkeit und Natürlichkeit ist ihr Spiel fern aller Naivität, sie darf alle Facetten einer jungen Frau, die sich selbst entdeckt und sogleich sterben muss, zeigen. Dazu strahlt ihr Sopran, der schon 2011 beim Gesangswettbewerb Neue Stimmen in Gütersloh aufgefallen ist, durch den gesamten Raum. Sie verfügt über viel Wärme im Piano und über genügend Kraft in einem schärfefreien Forte. Diese Leistung wird bejubelt, ein fast einstimmiger Bravo-Aufschrei geht für sie durch das Publikum, das die Einzelleistungen sehr differenziert, aber stets positiv bewertet. Auch Dirigent und Orchester bekommen viel Lob, während die lauten Bravorufe für das Regieteam in einem eher gedämpften Applaus auffallend sind.
Christoph Broermann