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Lichtstrahl in der Düsternis

RIGOLETTO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
21. Januar 2017
(Premiere)

 

Aalto-Theater, Essen

Der Trocken­nebel, der von der offenen Bühne des Aalto-Theaters in den Zuschau­erraum zieht, erinnert an die frostigen Zustände der letzten Tage, ist bei Verdis Rigoletto aller­dings kaum überra­schend. Ebenso wenig auch das Ritual, wie sich der gebeugte Mann während des düster herauf­däm­mernden Vorspiels – die Essener Philhar­mo­niker sind schon hier spannender als Insze­nierung – in den Hofnarren Rigoletto verwandelt. Nichts Neues also aus Mantua, handwerklich ist die Insze­nierung dennoch gelungen. Bei Regisseur Frank Hilbrich ist die Dekadenz des Herzogs im Endstadium angekommen. Frustration und Unter­wür­figkeit herrschen in einem tristen Klima, wo selbst die höhni­schen Verspot­tungen des Hofnarren keinen Lacher mehr wert sind. Das einzige Vergnü­gungsgut ist die ständige Verfüg­barkeit der Frauen. Sie werden auf offener Bühne erniedrigt, während in den USA die Frauen gegen eben diese Zustände auf die Straße gehen.

Mit Hilfe der modernen Kostüme von Gabrielle Rupprecht verlegt Hilbrich die Geschichte in die Gegenwart. Besonders fies gelungen sind ihr die diversen Clowns – eine Erinnerung an die Horror­clowns, die letztes Jahr zu Halloween ihr Unwesen trieben. Nicht nur die Höflinge verkleiden sich so, um Gilda zu entführen, auch Spara­fucile wird im schwarzen Clowns­kostüm zu einer Doppelung der Titel­figur. Den Gedanken Rigolettos Pari siamo – Wir sind uns ähnlich nimmt Hilbrich ernst. Und so gelingt ihm auch die Ermordung im dritten Akt am besten, wenn die Bühne vorbe­reitet ist, um die Rache des Narren zu präsen­tieren. Vor aller Augen soll der Herzog seiner eigenen Gier zum Opfer fallen, doch die Güte zweier Frauen verhindert das. Volker Thiele hat dafür hinter einem lilafar­benen Glitzer­vorhang zwei kleine Puppen­bühnen vorbe­reitet, auf denen Rigoletto seiner Tochter die wahre Natur des Herzogs vorführt, während der Chor gruselig summend die Opfertat Gildas beobachtet. Ständig präsent ist das Symbol der Drehtür in Thieles Bühnenbild. Ein schönes Symbol für eine missglückte Rache, da eine Drehtür ja bekanntlich auch einen Bumerang-Effekt hat. Durch diverse Exemplare in den glatten, kalten Wänden rennen, stolpern und strau­cheln die Protago­nisten in einen Raum, der oft selbst die Form hat wie einer dieser Fächer in einer Drehtür. Für schönes, natür­liches Licht – das ist die Arbeit von Manfred Kirst – ist in diesem Umfeld kein Platz. Es ist entweder kalt, grell oder übertrieben, und es zerbricht an den Wänden oft in seine Einzelteile.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Insgesamt geht das gesamte Konzept des Regie­teams also auf, doch es fehlt letzt­endlich an der Spannung. Und das nach der Aussage des Regis­seurs: „Mich inter­es­siert vor allem das Unheim­liche an dieser Geschichte, der Psycho­thriller“. Über weite Strecken sind dann die Bühnen­ak­tionen doch zu voraus­sehbar und abgenutzt.

Aber es gibt ja noch die Musik, und da macht Dirigent Matteo Beltrami Verdis düstere Partitur zu einer schil­lernden Filmmusik. Ein schneller Puls treibt die Handlung voran, und die Essener Philhar­mo­niker lassen die Zuhörer in einem spannenden Spiel erzittern. Im Orches­ter­graben ist die Spannung förmlich greifbar, und der engagierte Dirigent fordert sie auch ein, wenn er aufgeregt mit Musikern und Sängern kommu­ni­ziert. Da können sich noch so liebliche und hoffnungs­volle Phrasen in die Musik einschleichen, letzt­endlich bleibt doch nur eine düstere und harte Dramatik.

Foto © Matthias Jung

Was hätte dieser Abend also musika­lisch werden können, wenn auch die Sänger diese Ausdrucks­kraft hätten nutzen können. Aber vor allem Luca Grassi in der Titel­figur fehlt es genau an diesen Farben. Nicht, dass er schlecht sänge – im Gegenteil. Besonders in den lyrischen Phrasen der Oper zeigt er schöne Bögen, für das Parlando hat er eine tolle Aussprache und einen gut sitzenden Bariton. Dafür fehlt es ihm dann ein bisschen an Kraft in der Stretta, was zu verschmerzen ist. Aber weder Gesang noch Spiel lassen das entschei­dende Maß an Inten­sität und Gefühl zu, was in dieser Rolle so wichtig ist. Der Herzog wird von Carlos Cardoso gesungen, ein Name, der die Stimmlage Tenor schon in sich trägt. So singt Cardoso auch los, mit einem Bomben­ma­terial, mit Leiden­schaft, leider auch viel zu exhibi­tio­nis­tisch und mit viel zu wenigen Modula­tionen. Ob das für seine Stimme zu viel ist, ob da ein Infekt im Spiel ist oder beides – auf jeden Fall zeigen sich zu Beginn des zweiten Aufzugs erste deutliche Verschleiß­erschei­nungen, und er versucht, das Husten zu verstecken. Aber er bringt den Abend achtbar zu Ende. Dadurch, dass die beiden anfüh­renden Männer­stimmen Schwächen zeigen, können zwei andere Stimmen nachhaltig punkten: Baurzhan Anderzhanov stößt den Fluch des Monterone mit kulti­vierter Inten­sität heraus. Tijl Faveyts passt seinen schönen Bass an seine fiese Kostü­mierung an und erntet für seinen Spara­fucile Bravo­salven. Georgios Iatrou als Marullo, Bettina Ranch als Maddalena und Marie-Helen Joёl als Giovanna führen die zahlreichen comprimari an. Der Opernchor des Aalto-Theaters in der Einstu­dierung von Patrick Jaskolka nutzt seine Chance, um sich auf ganzer Linie erfolg­reich einzu­bringen. Vor allem in der Ausstrahlung unter­stützt er die düstere Atmosphäre.

Es gibt nur eine Person, die diese Düsternis durch­schneidet wie ein Licht­strahl, und so wird Cristina Pasaroiu als Gilda auch einge­setzt. Mit einer entwaff­nenden Herzlichkeit und Natür­lichkeit ist ihr Spiel fern aller Naivität, sie darf alle Facetten einer jungen Frau, die sich selbst entdeckt und sogleich sterben muss, zeigen. Dazu strahlt ihr Sopran, der schon 2011 beim Gesangs­wett­bewerb Neue Stimmen in Gütersloh aufge­fallen ist, durch den gesamten Raum. Sie verfügt über viel Wärme im Piano und über genügend Kraft in einem schär­fe­freien Forte. Diese Leistung wird bejubelt, ein fast einstim­miger Bravo-Aufschrei geht für sie durch das Publikum, das die Einzel­leis­tungen sehr diffe­ren­ziert, aber stets positiv bewertet. Auch Dirigent und Orchester bekommen viel Lob, während die lauten Bravorufe für das Regieteam in einem eher gedämpften Applaus auffallend sind.

Christoph Broermann

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