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Foto © Rosa Frank

Kunst braucht Zeit

LA VALSE
(Raimund Hoghe)

Besuch am
20. Januar 2017
(Premiere)

 

Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Vor lauter Freude, dass die Flücht­lings­zahlen im eigenen Land zurück­gehen, erfahren wir aus den Medien kaum mehr, was mit den Fliehenden geschieht, die von uns fernge­halten werden. Die weiter im Meer ertrinken, Tag für Tag werden es mehr, die nach grausamem Todes­kampf elendig an zu viel Wasser in der Lunge ersticken, wenn sie nicht vorher erfroren sind. Die sieht man nicht, die hört man nicht. Die verschwinden gurgelnd, weil sie versucht haben, den Bomben­hageln ihrer Lands­leute zu entkommen. Jeder, der noch einen Funken Anstand in sich spürt, muss das unerträglich finden. Raimund Hoghe ist einer von denen. Der Choreograf hat sein neuestes Werk jetzt in Deutschland vorge­stellt, nachdem es in Paris sehr erfolg­reich zur Urauf­führung kam. Ein dreistün­diges Stück, das den Zuschauer vor Heraus­for­de­rungen stellt.

La Valse – Der Walzer – dauert satte drei Stunden in schier unend­licher Langsamkeit. Ungewöhnlich schon der Beginn. Die hellerleuchtete Bühne ist mit schwarzem Samt abgehängt, der eine feierlich-morbide Stimmung hervorruft. Hoghe betritt hinten rechts die Bühne, geht ein paar Schritte, krempelt die Hosen­beine hoch und legt sich in Seitenlage nieder. Guy Vandromme setzt sich, in eine Decke gehüllt, an den Flügel, der vorüber­gehend in den Vorder­grund gerückt ist. Endlich lässt er die Decke zu Boden gleiten und spielt dröhnend Ravels Walzer-Klavier­fassung. Eine Viertel­stunde. Hoghe liegt reglos. Das weiße Licht prasselt auf den kahlen Bühnenboden.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Was hat das mit Tanz zu tun? „Meine Stücke sind Medita­tionen über Sehnsucht und Angst, Liebe und Trauer, Vergessen und Erinnern, Schmerz und Schönheit“, sagt der Choreograf. Und vor allem sind sie weitab von jedem „Zeitgeist“, wenn Hoghe vor dem Umgang mit Musik und Geräusch nicht zurück­schreckt, um den Szenen einen tieferen Sinn zu verleihen. Oder, so hat es manchmal den Anschein, den Menschen schöne Musik von früher noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Zwischen Walzer­klängen ist geradezu leitmo­ti­visch immer wieder das Wasser zu hören, das an die Reling schlägt, über einen rettenden Strand spült, Funksprüche einer Rettungs­aktion auf dem Meer, einmal gibt es Beifall für gerettete Überle­bende. Er verstummt schnell. Und für lange Zeit.

Foto © Rosa Frank

Hoghe findet für die Sprach­lo­sigkeit des Entsetzens viele Klänge. Angefangen beim Wiener Walzer, aus dem Ravel seinen Valse entwi­ckelte, über klassische Operet­ten­me­lodien hin zu ameri­ka­ni­schen Songs, die ebenfalls im Walzertakt daher­kommen. Es klingt nach einer sehr persön­lichen Mischung. So wie der Tänzer seiner Choreo­grafie einen sehr persön­lichen Stempel aufdrückt. Selbst dann, wenn er die Tänzer in großer Besetzung auftreten lässt. Hoghe steht immer vehement im Hinter­grund. Die Ausnahme ist dann auch der Höhepunkt des Abends. Der kleine Mann, der in ganz Frank­reich bejubelt wird, benetzt die Bühne mit einer Gießkanne, die er mehrfach mit Wasser nachfüllt. Er schafft aus der Tanzfläche ein Meer. Dann legt er sich bäuch­lings in die Bühnen­mitte und beginnt mit rudernden Armen zu schwimmen. Immer und immer wieder diese eine monotone Bewegung. Der Atem geht schneller. Aber es bleibt bei dieser Bewegung. Die Bedin­gungs­lo­sigkeit macht Gänsehaut. Oder schreckt ab. Wir wollen das nicht wissen, weil wir nicht helfen können, weil wir uns gegen die Verzweiflung nicht wehren können. Wir sind nicht die Schul­digen. Wir sind auch die Leidtragenden.

Das Dilemma lösen auch die Tänze­rinnen und Tänzer nicht auf, egal, wie langsam sie sich bewegen. Ihre umgehängten Decken, die Decken, die Gerettete umgehängt bekommen, diese grauen Wolldecken machen wütend. Egal, wie grazil, gewandt und gekonnt sich die Tänzer in ihren Soli, Pas de Deux oder Gruppen­tänzen – immer berüh­rungslos – bewegen, es gibt diese Rettung nicht. Immer nur scheinbar. Weil eine Rettungs­decke, egal, ob es die graue ist, mit denen die Tänzer arbeiten oder die silber-goldfarbene, mit der Hoghe spielt, immer nur eine Station auf der Flucht markiert. Wenn alles unerträglich wird, man nach drei Stunden wirklich nicht mehr mag, geleitet Hoghe seinen Gast, Ornella Balestra, ebenfalls in diese Decke gehüllt, hoheitsvoll in eine unbestimmte, vielleicht bessere Zukunft. Noch einmal kann der Moon River von Frank Sinatra, hier in der großar­tigen Filmversion von 1962 mit Audrey Hepburn und Henry Mancini, Hoffnung spenden.

Raimund Hoghe hat hier eine in jeder Hinsicht starke Aufführung abgeliefert. Er hat die Kraft und den Geist gezeigt, sich künst­le­risch abseits des Mainstreams mit einem Thema ausein­an­der­zu­setzen, das uns alle beschäftigt. Sein Applaus bleibt hinter den Erwar­tungen zurück. Das sollte ihm und seinem Team zur Ehre gereichen. Auch, wenn man manchmal den Mainstream doch ganz gut leiden mag, weil er einen nicht drei Stunden lang gefangen nimmt.

Michael S. Zerban

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