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Hana Lee und Haruna Yamazaki - Foto © Matthias Baus

Funken und Brüche

DER ROSENKAVALIER
(Richard Strauss)

Besuch am
21. Januar 2017
(Premiere am 5. Oktober 2011)

 

Theater Koblenz

Mitglieder des Staats­or­chesters Rheinische Philhar­monie stimmen gemeinsam mit Demons­tranten die Europa-Hymne an. So berichtet es an diesem für Koblenz außer­ge­wöhn­lichen Tag der SWR vom Platz vor der Rhein-Mosel-Halle. Der Protest richtet sich gegen das Treffen von Rechts­po­pu­listen, vorwiegend aus Deutschland, Frank­reich und den Nieder­landen. Am Abend ist das nämliche Orchester unter seinem musika­li­schen Leiter Enrico Delamboye ein wesent­licher Garant einer beein­dru­ckenden Rosen­ka­valier-Premiere. Gewiss eine zufällige, aber disku­table Symbolik. Erst der Beetho­vensche Götter­funke, der Einheit, Frieden, Solida­rität über nationale Grenzen hinaus beschwört. Dann der „Funke Ewigkeit“, der in der Komödie für Musik von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal über die kleinen und großen mensch­lichen Katastrophen hinaus­zu­ragen scheint, gar über Zeit und Raum. So bringt die Theater­wis­sen­schaft­lerin Sigrid Neef zur Koblenzer Produktion das „Bleibende und Tröst­liche“ des Stücks auf den Begriff. Entstanden ist es 1910, am Vorabend des ersten verhee­renden Welten­brandes. Jetzt wird es an einem Ort aufge­führt, an dem die Fragi­lität des europäi­schen Friedens­pro­jektes einmal mehr öffentlich bewusst wird. Welch eine Aktua­lität! Welch eine Koinzidenz im Ungleichzeitigen!

Manches ist in Koblenz anders als bei vielen der populärsten Strauss-Oper. Zeitgleich mit dem wilden Aufbruchs­motiv des Orchesters entwi­ckelt das von Christian Binz reali­sierte Bühnenbild seine provo­kante Qualität. Desil­lu­sio­nierung ist angesagt, Entzau­berung der klassi­schen Ausstat­tungs­kultur im Rokoko-Stil. Zwar gibt es noch farben­prächtige Kostüme in Annäherung an die Epoche der Kaiserin Maria Theresie zur Mitte des 18. Jahrhun­derts, ebenfalls von Binz entworfen. Doch erzählt Markus Dietze die Geschichte um allerlei weltliche Wallungen, wiene­risch: Conges­tionen, und amouröse Funken aristo­kra­ti­scher und sonstiger Wiener Kreise aus dem Blick­winkel der Requi­si­ten­kammer des Theaters. Ein Bruch der Konvention des Opulenten! Stephen Appleton stellt als Mohammed allerlei Sachen für die Bühne und ihr Personal zusammen oder weg. Klettert auf Leitern zu Regalen, ordnet, packt aus oder ein. Bisweilen greift er in das Geschehen ein oder wird in selbiges hinein­ge­zogen. So als die Marschallin ihm aufträgt, in einer Kiste nach der silbernen Rose zu suchen.

Anfänglich ist das witzig, zumal dann, wenn der gute Mann sich auch als Radschläger versucht. Auf die Dauer ermüdet das Ganze aller­dings. So ist es auch klug, dass die Figur phasen­weise verschwindet. Dietzes willkür­liche Verfremdung der Ausstat­tungs­tra­dition wird im zweiten und dritten Akt ein Stück zurück­ge­nommen. Plakative Blick­fänge und partiell stilechte Möbel­stücke erlauben die Vorstellung eines Palais, dann eines Beisels in einer Wiener Vorstadt. Zum Schluss hin wird die Bühne immer leerer. Gewollte Reduktion auf die Ebene der seeli­schen Prozesse, die ja eh schon komplex sind? Vage Antizi­pation einer Insze­nierung, die es demnächst geben müsste? Dann wäre Dietzes Rosen­ka­valier als Experiment inter­essant, als Zwischen­station auf dem Weg zu einer völlig neuen Sicht. Vielleicht im nächsten Jahrzehnt?

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Insze­nierung spielt ansonsten das fabel­hafte Potenzial des Plots, seine beißende Frivo­lität wie tiefgründige Humanität, voll aus. Die Gratwan­derung zwischen den Polen Komödie und Tragödie gelingt, auch dank eines außer­or­dentlich spiel­freu­digen Ensembles. Witz flammt auf. Weil das Komödi­an­tische schon an sich eine ernste Sache ist, kann es sich der Regisseur erlauben, die Protago­nisten auch mal auf die leichte Schulter zu nehmen. In der Schlüs­sel­szene des zweiten Aufzugs, wohl auch des Ganzen, der Überrei­chung der silbernen Rose, wird das besonders deutlich. Octavian tappert, das Requisit achtlos in den Händen drehend, in das Domizil des Herrn Faninal. Eine lästige Pflicht­übung anscheinend, die es rasch hinter sich zu bringen gilt. Schon der erste Blick­kontakt mit Sophie bringt die lässige Bewegung zum Abbruch. Wie von Zauberhand gelenkt ereignet sich die Entde­ckung der Zuneigung. Der Rosen­ka­valier, Bote der Marschallin, und das Faninal-Töchterchen nähern einander, gefühlt zenti­me­ter­weise, zu den berau­schenden Klängen von Mir ist die Ehre widerfah’n. Eine imponie­rende Szene. Eine andere gegen den Strich, eher grotesk, ist der Auftritt der Annina. Die Aushän­digung des Brief­leins mit dem fingierten Stell­dichein an Baron Ochs überdehnt sie zu einer urkomi­schen Balletteinlage.

Foto © Matthias Baus

Das grandiose Wiene­risch, in das Hofmannsthal die Irrungen und Wirrungen dieser mehr oder weniger feinen Herrschaften samt ihrer „Bagagi“ gefasst hat, steht und fällt mit seiner Verständ­lichkeit. Wilfried Staber, der aus Öster­reich stammende Gast vom Theater Heidelberg, ist in der Parade­rolle des Ochs derjenige, dem beides gelingt, verstanden zu werden und das Idiom dieses Konver­sa­ti­ons­stils zu treffen. Staber spielt den Grobian auf Lerchenau überdies mit jeder Menge Charme und Rollen­komik. Sein Bass ist kräftig und wunderbar nuanciert, überzeugt in der Tiefe. Nach ihm ist Haruna Yamazaki als Octavian die Entde­ckung dieser Aufführung. Die Mezzo­so­pra­nistin mit japani­schen Wurzeln ist mit ihrer Stimme, samt gefärbt und elastisch, und ihrem komödi­an­ti­schen Talent geradezu präde­sti­niert für diese Rolle. In der Nachfolge des Cherubino, den sie auch schon bei der Sommer-Oper Bamberg gegeben hat, eine prächtige Leistung. Hana Lee, die aus Korea stammende Sopra­nistin, ist ihr als Sophie ein quick­le­ben­diges, erfri­schend singendes Pendant. Ein Gespann, das einmal mehr die globale Dimension des Opern­be­triebs an deutschen Bühnen manifes­tiert – auch ein Kapitel gelin­gender Integration. In seiner Abschiedsrede als Bundes­prä­sident vor einigen Tagen hat Joachim Gauck erklärt: „Es zählt nicht die Herkunft, sondern die Haltung.“ Im über alles Weltliche hinaus­wei­senden Schluss­duett Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein, gesungen Seit‘ an Seit‘ ganz vorn am Bühnenrand, wird diese Maxime auch musika­lisch zur Offenbarung.

Die Partie der Feldmar­schallin gehört mit Abstand zu den anspruchs­vollsten und heikelsten aller Strauss-Opern. Der Bogen ist weit gespannt, von der lyrischen Melan­cholie des erotisch-sinnlichen Abschied­nehmens bis hin zur katego­ri­schen Strenge, mit der sie Ochs die Grenzen aufzeigt. Die Sängerin Monica Mascus wächst Szene für Szene in die Rolle hinein, obgleich die für sie wohl noch zu früh kommt. Das wird vor allem in der Gestaltung deutlich, die über die jeweils verlangte Verhal­tens­geste kaum hinaus­langt, statisch bleibt, wo der Ausdruck natür­licher Empfindung verlangt wird. Gleichwohl – auf der klassi­schen Rosen­ka­valier-Leiter vom Octavian hin jetzt zur sich findenden Frau und Persön­lichkeit ein großer Schritt. Unter den weiteren Rollen ragen Christoph Plessers als Herr von Faninal, Aurea Marston als Jungfer Marianne Leitmet­zerin sowie die Annina der Anne Catherine Wagner heraus. Juraj Hollý ist als Ein Sänger stimmlich und optisch eine höchst ansehn­liche Figur. Fast möchte man vergessen, dass Strauss seiner Distanz zu Tenören mit dieser artifi­zi­ellen Ironi­sierung ein Denkmal setzt. Der Opern- und der Kinderchor, einstu­diert von Ulrich Zippelius, nimmt seine Aufgabe mit Inten­sität und Begeis­terung wahr, vokal wie spielerisch.

Der Beifall ist herzlich, anhaltend, empathisch, brandet immer dann besonders auf, wenn Ochs und Octavian auf der Bühne erscheinen. Und – besonders erfreulich – Delamboye. Die Musiker der Rheini­schen Philhar­monie haben es ja auch großartig verstanden, diesen genialen musika­li­schen Fließ­teppich mit seinen polyphonen wie kammer­mu­si­ka­li­schen Struk­turen hinge­bungsvoll zu weben. Die Klänge der Celesta im Finale schweben noch lang im Ohr. Der Funken eines außer­ge­wöhn­lichen Tages scheint unauf­haltsam und Hoffnung verheißend. Und das nach einer Farce aus einer Zeit, die uns scheinbar nichts mehr zu sagen hat.

Ralf Siepmann

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