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Nationalheldin auf großer Bühne

JEANNE AU BÛCHER
(Arthur Honegger)

Besuch am
21. Januar 2017
(Premiere)

 

Opéra de Lyon

Wenn es im Leben eines Darstellers gut läuft, bekommt er – oder sie – diese eine Rolle, die sie in die Geschichts­bücher eintragen wird. Für Audrey Bonnet hat sich dieser Traum heute erfüllt. Als Jeanne d’Arc, franzö­sische Natio­nal­heldin, wird sie sich nach der Aufführung des Orato­riums von Arthur Honegger und Paul Claudel an der Oper Lyon in den Annalen der Opern­ge­schichte verewigen dürfen.

Zu verdanken hat die Darstel­lerin das dem Regisseur Romeo Castel­lucci, der das Werk szenisch umgesetzt hat, das die russische Tänzerin und Schau­spie­lerin Ida Rubin­stein bei dem schwei­ze­ri­schen Kompo­nisten 1934 in Auftrag gegeben hat. 1938 wurde es erstmals konzertant aufge­führt, am 13. Juni 1942 insze­nierte es Hans Reinhart in einer deutschen Fassung am Stadt­theater Zürich. In Lyon macht Castel­lucci nicht weniger als eine Sensation daraus.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Erwar­tungs­haltung ist gedämpft. Oratorium eines zeitge­nös­si­schen Kompo­nisten in szeni­scher Umsetzung. Da stehen mindestens drei Frage­zeichen im Raum. Mit dem ersten Bühnenbild wischt Castel­lucci sie vom Tisch. Er zeichnet gleich mal für Insze­nierung, Bühne, Kostüme und Licht verant­wortlich. In der ersten Szene gibt es für Opern­lieb­haber nichts zu lachen. Schweigen im Graben. Eine Grund­schul­klasse beendet ihren Unter­richt. Die Bühne: Weltklasse. Im linken Bühnen­drittel der Schulgang, in den rechten zwei Dritteln eine Schul­klasse im herun­ter­ge­kom­menen Aussehen einer Klasse in den 1930-er Jahren. Die Licht­setzung faszi­niert. Wie das Tages­licht durch die hochge­legene Fenster­front an der rechten Seite fällt, wirkt überwäl­tigend echt. In dem Klassen­zimmer brennen die Neonlampen von der Decke. Die Kinder verab­schieden sich, verlassen den kargen Klassenraum. Jedes Detail stimmt. Eine Reini­gungs­kraft betritt den Raum. Der graue Kittel ist genauso Verkleidung wie der aufge­klebte Moustache. Jeanne, die in allen Klassen­zimmern der franzö­si­schen Nation Unter­richts­ge­gen­stand ist, beginnt das Klassen­zimmer zu reinigen. Befreit sich vom Ballast des Mythos. Entfernt das Mobiliar, wirft es immer wütender und achtloser auf den Schulgang. Immer noch ist keine Musik erklungen. Erster Unmut im Publikum.

Dann sperrt Jeanne den Klassenraum mit einer Eisen­stange und Ketten ab. Da kommt keiner mehr rein. Auch der aufge­regte Lehrkörper nicht, der sich vor der Tür auf dem Gang versammelt. Derweil verwandelt sich der größere Bühnenraum durch Herab­lassen von Vorhängen in so etwas wie eine Kathe­drale. Die Musik hat inzwi­schen einge­setzt. Der Chor ertönt aus dem zweiten Unter­ge­schoss. Zusätz­liche Solisten von den Seiten­rängen. Keine neue Idee, aber dank der Filterung von Stimmen eine neue Erfahrung.

Derweil findet kammer­spiel­artig die weitere Verwandlung von Jeanne statt. Ihre vollkommene Entblößung, auch in körper­licher Hinsicht, die absolute Isolation, all das drängt, wird intensiv. Jeanne nackt auf der Bühne. Die sakro­sankte Entwicklung der Beziehung zum Schwert. Schließlich zieht Jeanne das liegende Pferd unter dem Vorhang hervor. Das Pferd atmet. Der Beritt in liegender Perspektive als längst vergan­gener Triumph. Atemlos verfolgt das Publikum, wie Jeanne ihr eigenes Grab schaufelt, während die politi­schen Instanzen sie zum Tod auf dem Schei­ter­haufen verur­teilen. Weil sie einfach nicht abschwört.

Castel­lucci entlässt den Zuschauer nicht aus seinem Kosmos der Einsamkeit. Das raue Rufen, der kehlige Gesang Bonnets verlangt nach Erlösung, strebt ihr drängender entgegen, je mehr die Außenwelt sie zur Vernunft auffordert. Die Außenwelt, das ist zunächst einmal Jeannes engster Vertrauter, Frère Dominique, darge­stellt von Denis Podalydés, der die Verbindung zur Umwelt hält. Ihm zur Seite stehen spora­disch Louka Petit-Taborelli und Didier Laval. Erst mit dem Schluss­ap­plaus bekommt das Publikum auch die übrigen Solisten zu Gesicht, die zu großen Teilen aus den Solisten des Opern­chors besetzt sind. Die Verfremdung der Stimmen entrückt den Gesang auf eine metaphy­sische Ebene.

Auch das Orchester unter der Leitung von Kazushi Ono ordnet sich vollständig Jeanne auf der Bühne unter. Und so gelingt es Castel­lucci, aus einem Oratorium eine strecken­weise atembe­rau­bende Oper erstehen zu lassen, die bis zu dem Moment, in dem die Wände wieder hochfahren und das Klassen­zimmer zurück­kehrt, Gendarmen die Tür öffnen, um nach dem Rechten zu sehen, keine Sekunde an Dramatik verliert.

Noch wie betäubt, donnert das Publikum seinen Applaus der Bühne entgegen und will nicht mehr damit aufhören, bis nach mehr als zehn Minuten das Saallicht das endgültige Aus des Abends verkündet. Bis zum 3. Februar ist diese meister­liche Arbeit noch in Lyon zu bewundern. Danach übernehmen sie die Koope­ra­ti­ons­partner in Brüssel, Perm und Basel.

Michael S. Zerban

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