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Wenn es im Leben eines Darstellers gut läuft, bekommt er – oder sie – diese eine Rolle, die sie in die Geschichtsbücher eintragen wird. Für Audrey Bonnet hat sich dieser Traum heute erfüllt. Als Jeanne d’Arc, französische Nationalheldin, wird sie sich nach der Aufführung des Oratoriums von Arthur Honegger und Paul Claudel an der Oper Lyon in den Annalen der Operngeschichte verewigen dürfen.
Zu verdanken hat die Darstellerin das dem Regisseur Romeo Castellucci, der das Werk szenisch umgesetzt hat, das die russische Tänzerin und Schauspielerin Ida Rubinstein bei dem schweizerischen Komponisten 1934 in Auftrag gegeben hat. 1938 wurde es erstmals konzertant aufgeführt, am 13. Juni 1942 inszenierte es Hans Reinhart in einer deutschen Fassung am Stadttheater Zürich. In Lyon macht Castellucci nicht weniger als eine Sensation daraus.
| Musik | ![]() |
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Die Erwartungshaltung ist gedämpft. Oratorium eines zeitgenössischen Komponisten in szenischer Umsetzung. Da stehen mindestens drei Fragezeichen im Raum. Mit dem ersten Bühnenbild wischt Castellucci sie vom Tisch. Er zeichnet gleich mal für Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht verantwortlich. In der ersten Szene gibt es für Opernliebhaber nichts zu lachen. Schweigen im Graben. Eine Grundschulklasse beendet ihren Unterricht. Die Bühne: Weltklasse. Im linken Bühnendrittel der Schulgang, in den rechten zwei Dritteln eine Schulklasse im heruntergekommenen Aussehen einer Klasse in den 1930-er Jahren. Die Lichtsetzung fasziniert. Wie das Tageslicht durch die hochgelegene Fensterfront an der rechten Seite fällt, wirkt überwältigend echt. In dem Klassenzimmer brennen die Neonlampen von der Decke. Die Kinder verabschieden sich, verlassen den kargen Klassenraum. Jedes Detail stimmt. Eine Reinigungskraft betritt den Raum. Der graue Kittel ist genauso Verkleidung wie der aufgeklebte Moustache. Jeanne, die in allen Klassenzimmern der französischen Nation Unterrichtsgegenstand ist, beginnt das Klassenzimmer zu reinigen. Befreit sich vom Ballast des Mythos. Entfernt das Mobiliar, wirft es immer wütender und achtloser auf den Schulgang. Immer noch ist keine Musik erklungen. Erster Unmut im Publikum.
Dann sperrt Jeanne den Klassenraum mit einer Eisenstange und Ketten ab. Da kommt keiner mehr rein. Auch der aufgeregte Lehrkörper nicht, der sich vor der Tür auf dem Gang versammelt. Derweil verwandelt sich der größere Bühnenraum durch Herablassen von Vorhängen in so etwas wie eine Kathedrale. Die Musik hat inzwischen eingesetzt. Der Chor ertönt aus dem zweiten Untergeschoss. Zusätzliche Solisten von den Seitenrängen. Keine neue Idee, aber dank der Filterung von Stimmen eine neue Erfahrung.
Derweil findet kammerspielartig die weitere Verwandlung von Jeanne statt. Ihre vollkommene Entblößung, auch in körperlicher Hinsicht, die absolute Isolation, all das drängt, wird intensiv. Jeanne nackt auf der Bühne. Die sakrosankte Entwicklung der Beziehung zum Schwert. Schließlich zieht Jeanne das liegende Pferd unter dem Vorhang hervor. Das Pferd atmet. Der Beritt in liegender Perspektive als längst vergangener Triumph. Atemlos verfolgt das Publikum, wie Jeanne ihr eigenes Grab schaufelt, während die politischen Instanzen sie zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilen. Weil sie einfach nicht abschwört.
Castellucci entlässt den Zuschauer nicht aus seinem Kosmos der Einsamkeit. Das raue Rufen, der kehlige Gesang Bonnets verlangt nach Erlösung, strebt ihr drängender entgegen, je mehr die Außenwelt sie zur Vernunft auffordert. Die Außenwelt, das ist zunächst einmal Jeannes engster Vertrauter, Frère Dominique, dargestellt von Denis Podalydés, der die Verbindung zur Umwelt hält. Ihm zur Seite stehen sporadisch Louka Petit-Taborelli und Didier Laval. Erst mit dem Schlussapplaus bekommt das Publikum auch die übrigen Solisten zu Gesicht, die zu großen Teilen aus den Solisten des Opernchors besetzt sind. Die Verfremdung der Stimmen entrückt den Gesang auf eine metaphysische Ebene.
Auch das Orchester unter der Leitung von Kazushi Ono ordnet sich vollständig Jeanne auf der Bühne unter. Und so gelingt es Castellucci, aus einem Oratorium eine streckenweise atemberaubende Oper erstehen zu lassen, die bis zu dem Moment, in dem die Wände wieder hochfahren und das Klassenzimmer zurückkehrt, Gendarmen die Tür öffnen, um nach dem Rechten zu sehen, keine Sekunde an Dramatik verliert.
Noch wie betäubt, donnert das Publikum seinen Applaus der Bühne entgegen und will nicht mehr damit aufhören, bis nach mehr als zehn Minuten das Saallicht das endgültige Aus des Abends verkündet. Bis zum 3. Februar ist diese meisterliche Arbeit noch in Lyon zu bewundern. Danach übernehmen sie die Kooperationspartner in Brüssel, Perm und Basel.
Michael S. Zerban