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Die Protagonisten entsteigen während der Ouvertüre einem kleinen Kamin und tragen das Feuer der Aschenputtel-Erzählung mit Freude weiter. Die Struktur des Kamins weitet sich in immer größeren Formaten, um schließlich ein ganzes Bühnenportal mit Verzierungen im Empire-Stil darzustellen. Dieses Bild bleibt dann fortlaufend in Bewegung. Es wandelt sich durch Drehung in die heruntergekommene Kulisse, in der Don Magnifico mit den drei Töchtern haust und in videoreifer Bühnenimagination vom Wiedereinzug in ein wundersames Märchenschloss träumt – Sinnbild seines Traumes vom wiederzugewinnenden Wohlstand und alter Macht, welche er durch Heirat einer seiner Töchter mit königlichem Blut zu erreichen hofft.
Diese Restauration der Macht in Händen Magnificos mag man sich besser nicht vorstellen. Tatsächlich geraten alle Beteiligten auf ihrem Weg durch das Abenteuer in einen teilweise absurden Strudel um Einfluss, Liebe, Anerkennung. Oft will es scheinen, als wissen sie im hektischen Geschehen selbst nicht mehr, worum es Ihnen eigentlich geht. Ein gutes Abbild der Zeit zur Entstehung der Oper, als vieles in Bewegung war und die Restauration auf die Beine kommen wollte. Kein Zufall auch, wenn einem aktuelle Bezüge zu heute einfallen. Der Regisseur freilich verzichtet auf solcherlei äußerliche Aktualisierungen.
Kurzfristig scheint derjenige Einfluss auf die Handlung zu haben, der die Feder des Dichters für die Deutungshoheit der Geschichte in Händen hält, manchmal aber auch nicht. Wenn die Verwirrung den Höhepunkt erreicht, wird per Videoprojektion gleich der gesamte Zuschauerraum in den schlafwandlerischen Prozess der Konfusion einbezogen. Trotzdem scheinen alle eine Agenda zu haben, auch wenn sie sich ihrer selbst nicht immer sicher sind. Alle geraten jedoch gleichzeitig in den Strudel der Zeitläufte und niemand bleibt sich seiner Position sicher. Auch Cenerentola ist nicht nur passives Opfer.
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Magnifico ist auf der Bühne zugleich auch immer das Abbild Rossinis, das in seinem bekannten Porträt mit Toupet und reichlich Bauchumfang den großen Komponisten in den 40 Jahren seines Ruhestandes zeigt. Auch der Männerchor, einschließlich einer stattlichen Zahl von außerordentlich beweglichen Statisten geistert als Rossini-Abbilder durch die Szene und überrascht durch immer wieder neue, komische, an Handlung, Musik oder Rossini zugeschriebene Eigenschaften angelehnte Handlungseinlagen.
Diese Realisierung basiert auf bedingungsloser, höchster Präzision von Spiel und Gesang aller Beteiligten, inklusive der Sänger, des Chores und der Statisten und folgt ganz dem Charakter der handwerklich perfekten Kunstfertigkeit der musikalischen Faktur à la Rossini. Der schuf das Werk nicht nur unmittelbar zwischen zwei weiteren Auftragswerken in nur 24 Tagen, sondern besaß auch keinerlei Skrupel, seine Kreationen mit bereits anderweitig kreierten, eigenen Kompositionen zu versetzen, anzureichern oder in gänzlich anderem inhaltlichen Bezug einfach wiederholt zu verwerten. Das Räderwerk dieser wohlberechnenden Kunst wird in der Inszenierung liebenswert erfahrbar und relativiert die Qualität nicht im Geringsten.
Die kühle Brillanz des Rossinischen Handwerks, die Artistik der Musik und nicht zuletzt des Gesangs könnten bei weniger perfekter Umsetzung Langeweile und sogar die Sinnfrage für einen solchen Abend provozieren. Tickt aber das Uhrwerk, zieht der Sog der Musik, funktionieren die mit komponierten Applauseinsätze des Publikums und geht die Regie bei der Umsetzung der Absurditäten von Handlung und Musik in die Vollen, kann – wie jetzt in Oslo – ein äußerst gelungener Abend absurden Theaters und balsamischen Hörgenusses über die Rampe kommen.
Stefan Herheim und seinem Team gelingt in einem atemberaubenden Ritt durch die Handlungselemente der alten Geschichte ein Sinnbild für menschliche Charaktereigenschaften und ‑handlungen, wie sie aktueller, unterhaltsamer und auch für den heutigen Zuschauer überraschender nicht umgesetzt werden kann. Dabei wird er teilweise von bewährten Partnern, wie Daniel Unger beim Bühnenbild, Esther Bialas bei den wunderbar knallig-bunten Kostümen, dem Lichtdesign von Andreas Hofer und der Videokunst von Torge Möller und Momme Hinrichs begleitet.

Auf der Bühne findet ein außergewöhnliches Sängerensemble zusammen, das nicht nur gesanglich, sondern auch in unermüdlicher Aktion spielerisch wirkt. Allen voran die hemmungslos agile und mit einem wunderbar flexiblen Mezzo gesegnete Anna Goryachova als Aschenputtel, die in Taylor Stayton einen exzellenten, spielerischen und in seinem Fach glänzenden Tenor-Counterpart hat. Gnadenlos gut in Auftritt und Geste auch Aleksander Nohr in der Rolle als verkleideter Prinz, die er gehörig genießt. Stimmlich kann Nohr trotz der relativ kurzfristigen Übernahme der Partie gut überzeugen. Renato Girolami ist der hocherfahrene und routinierte Don Magnifico und Rossini mit sonorer und entspannter Präsentation in Spiel und Stimmführung. Michael Samuel changiert darstellerisch zwischen Mönch und Kardinal und kann in jedem Habit stimmlich überzeugen. Das Ensemble wird von den Schwestern Clorinda und Tisbe der Eli Kristin Hanssveen und Desiree Baraula perfekt abgerundet.
Ein reiner Männerchor unter der Leitung von David Maiwald singt spieltrunken und –freudig im Rossini Outfit mit Grandezza und Aplomb. In den Chor mischt sich teilweise zunächst unmerklich, aber effektvoll eine clowneske und akrobatische Statistenschar mit ebendem Rossini-Outfit und wirbelt durch die vorzugsweise absurden Handlungselemente, je absurder desto quirliger.
Das Orchester der Osloer Oper spielt unter der Leitung von Antonino Fogliano mit höchster Präzision und in allen Instrumentengruppen perfekter Durchhörbarkeit. Fogliano greift aus dem Orchestergraben immer wieder mit Bemerkungen oder Anweisungen in die Handlung ein und vermag die Vielschichtigkeit der szenischen-musikalischen Durchdringung auf diese Weise noch zu steigern.
Das Publikum in Oslo reagiert mit taktgenauem Applaus wie zur Erleichterung bei den sich absurd zuspitzenden Spielszenen und springt am Ende unmittelbar in eine stehende Ovation für die Sänger, das Orchester mit seinem mitsingenden und mitspielenden Dirigenten, den Chor mit seinen agilen Statisten und das gesamte Regieteam.
Das Haus kann den Erfolg und eine große internationale Aufmerksamkeit dieser grandiosen Produktion genießen. Es muss gleichwohl ein hartes Stück Arbeit für alle auf und hinter Bühne gewesen sein, ein solch präzises Uhrwerk zu erarbeiten und in aller Perfektion liebevoll und animiert abzuspulen – eine große Leistung.
Wer es jetzt nicht nach Oslo schafft, kann sich die Produktion in der zweiten Jahreshälfte beim Koproduzenten, der Opera de Lyon, anschauen – es lohnt sich.
Achim Dombrowski