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IL GIASONE
(Francesco Cavalli)
Besuch am
25. Janaur 2017
(Premiere)
Abendfüllend – das bedeutete im 17. Jahrhundert nicht ein anderthalbstündiger Spielfilm, sondern eine vier- bis fünfstündige Oper. Und die erfolgreichste hieß ab dem 5. Januar 1649 Il Giasone. Uraufgeführt wurde sie im venezianischen Teatro San Cassiano mitten im Karneval. Francesco Cavalli und sein Librettist Andrea Cicognini konnten sich also nicht auf eine Tragödie einlassen, sondern mussten zahlreiche komische bis derbe Elemente einfügen, um die nötige Aufmerksamkeit zu erzeugen. Um drei Akte und einen Prolog dieser Länge zu füllen, bedarf es zudem einer Menge Nebenhandlungen. Wie es sich für eine Barockoper gehört, handelt auch die Geschichte um Jason und das goldene Vlies von Göttern und Königen, die ein – oft allzu – menschliches Angesicht bekommen.
Inzwischen ist die Oper längst in Vergessenheit geraten. Cavalli geriet in den historischen Schatten von Claudio Monteverdi. Vereinzelte Aufführungen von Il Calisto konnten daran nichts ändern. Tobias Richter, dem Intendanten des Grand Théâtre Genève, das derzeit in seinem liebenswerten Ausweichquartier den klangvollen Namen Opéra des Nations trägt, ist zu verdanken, das Il Giasone wieder auf eine Bühne kommt. Richter hatte zu Beginn des Interims angekündigt, das nun die Zeit für „kleinere“ Werke wie Barockopern gekommen sei und gleich mal eine vielbeachtete Alcina gezeigt. Jetzt also gibt es eine „Ausgrabung“. Inzwischen hat der Begriff viel von seiner Faszination verloren. Zum einen scheint es mittlerweile unter Musikern mehr Archäologen als Lehrer zu geben, zum andern sind diese Ausgrabungen zu oft lieblos behandelt worden. Es reicht eben nicht, ein paar verschollen geglaubte Noten aufzuführen, wenn man deren Geist nicht erfasst.
In genau diesem Sinne macht Richter aus Il Giasone eine echte Ausgrabung. Damit beauftragt er nämlich die Regisseurin Serena Sinigaglia, die sich vollständig auf das Barocktheater einlässt. Sie forscht nicht etwa nur nach, wie die Kostüme und Bühnenbilder 1649 ausgesehen haben könnten, sondern versucht vor allem, sich in die Denkweise dieser Zeit einzufinden. Und das gelingt ihr in hervorragender Weise. Auch, weil ihr Ezio Toffolutti für Bühne und Kostüme sowie Leonardo Garcia Alarcón in musikalischen Fragen zur Seite stehen. Und so wird es auch möglich, das Mammutwerk immerhin schon mal auf drei Stunden zusammenzustreichen.
| Musik | ![]() |
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| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Der Hintergrund der Bühne ist von einem halbrunden Prospekt abgegrenzt, auf dem eine verschwommene Landschaft zu erkennen ist. Davor eine Pappmaché-Felsenlandschaft, die im Folgenden immer wieder variiert wird. Da kommen beispielsweise Pappelemente hinzu, auf die Bäume und Büsche gemalt sind. Zwischenzeitlich wird wiederholt ein Gaze-Vorhang im Vordergrund heruntergefahren, vor dem auch die Zwischenspiele stattfinden. Während der gesamten Aufführung ist die „Maschinerie“ zu erkennen. Der Zuschauer erfährt also genau, wie sich die Akteure bemühen, ein Bühnenbild entstehen zu lassen. Der Vergleich mit einem historischen Foto zeigt, wie sehr sich das Team um Sinigaglia um eine Annäherung bemüht hat. Simon Trottet beschränkt sich auf wenige, aber ausgeklügelte Lichteffekte. Gern und oft wird der Verfolger eingesetzt, um Reflexe zu setzen. So raffiniert und dem Original nachempfunden der Spielplatz angelegt ist, so fantasievoll sind die Kostüme. Das reicht vom venezianischen Karnevalskostüm mit martialischer Maske des 17. Jahrhunderts bis zum weißen Leinenanzug für die Sommerfrische. Cupido kommt in einem komplett wattierten Ganzkörperanzug als Putte mit Flügelchen daher, und bei dem, was Delfa unter dem Kleid trägt, kann man auch nur froh sein, dass es nicht echt ist. Denn da werden schon mal fette Schenkel und übermäßig schwabbelnde, tief herabhängende Brüste sichtbar, die keinem Betrachter gefallen sollen, aber für viel Spaß sorgen, wenn Delfa sich als geile Nymphe zu erkennen gibt, die es auch schon mal mit drei Männern gleichzeitig treibt. Die Soldateska zeigt sich auf Jasons Seite in verwegenen blauschwarzen Tarnanzügen, auf Seiten Hypsipyles kommen junge Amazonen im 1920-er-Jahre-Look zum Einsatz.
Es gibt zwar keinen Chor, trotzdem kommt eine Menge Personal zum Einsatz. Das führt Sinigaglia mit großer Detailfreude und zahlreichen unerwarteten Einsätzen durch den Abend. Zugleich gibt sie so den Sängern immer eine gute Gelegenheit, unauffällig an der Rampe zu stehen. Anders wäre der oft sprunghafte Wechsel der Gesangslinien wohl auch kaum zu bestehen. Es ist das pure Vergnügen, sich dem Ideenreichtum hinzugeben, der die Handlung scheinbar rasch vorantreibt und die Stunden kurzweilig werden lässt. Erfrischend auch, wie die Regisseurin die komischen Stellen ohne jede Plattheit ausarbeitet. Ihre größte Leistung liegt aber wohl sicher darin, diese typisch barocke Geschichte der Irrungen und Wirrungen klar und verständlich zu erzählen, so dass sich auch der unvorbereitete Zuschauer jederzeit zurechtfindet.

Die Orientierung nicht zu verlieren, ist auch für die Sänger eine besondere Herausforderung. Das Libretto Ciscagninis ist nicht nur ausgesprochen textlastig, sondern auch wiederholungsarm. Zudem gibt es nur wenige Zwischenmusiken. Da heißt es, höchste Konzentration aufzubringen und gleichzeitig die Spielfreude aufrechtzuerhalten. Allen voran Countertenor Valer Sabadus, der als Jason die vollumfänglichste Rolle spielt. Das stemmt er meisterhaft. Vor allem in den engelhaft klingenden Piani kann er das Publikum begeistern. Das übrige Team steht dem Sänger in nichts nach. Kristina Hammarström darf als Medea auch schon mal mit ansonsten seltenen Koloraturen glänzen. Eine wunderbare Gegenspielerin ist Kristina Mkhitaryan als Hypsipyle. Bass-Bariton Günes Gürle liefert mit wunderbar tiefer Stimme einen Hauptmann Besso ab und wird in der Wirkung rollengemäß nur noch von Alexander Milev als Herkules übertroffen. Willard White bringt seinen Bariton gleich zwei Mal wunderbar ein: als Jupiter und Orest. Die Tenor-Rolle des Egeo wird darstellerisch und sängerisch bestens von Raúl Giménez interpretiert. Dominique Visse sorgt als deftige Delfa für genauso viel Vergnügen wie das liebevoll-tölpelhafte Auftreten von Mary Feminear als Cupido. Viele Lacher kann schließlich Migran Àgadzhanyan für den unbeholfenen Demo verbuchen, der als gelungenen Einfall Stottern singt. Da bleibt es beim Spaß und wird keine Belustigung über eine Sprachbehinderung.
Die Anforderungen an die Sänger ergeben sich bei Cavalli weniger aus extremen Spitzenlagen, sondern mehr durch überraschende Melodie- oder Rhythmuswechsel, die auf Anhieb sitzen müssen. Das führt zu durchgängig hoher Textverständlichkeit, die durch französische und englische Übertitel unterstützt wird. Da fühlt sich das Publikum gut aufgehoben und bekommt auch den sprachlichen Witz mit, der dem Werk innewohnt.
Instrumental zeigt die Cappella Mediterranea unter Leonardo García Alarcón, dass sie in der Alten Musik zuhause ist. Cavalli hat nicht gegen die Sänger komponiert, sondern eher begleitend, um die Charaktere der Figuren deutlich herauszuarbeiten. Das 28-köpfige Orchester löst das ausgesprochen sängerfreundlich, ohne die Feinheiten der Musik auszulassen.
Nach dreieinhalb Stunden feiert ein heiter-gelöstes Publikum ausgelassen einen rundherum gelungenen Musiktheaterabend, der alle Facetten bietet, die man sich von einem solchen Ereignis wünscht. Ein weiterer Abend in Genf, der zeigt, dass eine Ausweichspielstätte kein Grund für Abstriche bei der Leistung sein muss.
Michael S. Zerban