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Foto © Oliver Berg

Mythos und Mensch

MARTINUS LUTHER
(John von Düffel)

Besuch am
27. Januar 2017
(Premiere am 25. September 2016)

 

Theater Münster

Dieser milch­bärtige Jüngling, noch kaum dem puber­tären Stimm­wechsel entwachsen, erdreistet sich, im strengen Augus­ti­ner­orden seinen Abt, seine Oberen, den Papst selbst zu kriti­sieren, ja zu korri­gieren? Er, der von seiner ersten Liebe Katharina von Bora erstmals und vorsichtig ein wenig mit dem bekannt gemacht wird, was er seinem Beicht­vater unter Qualen als Laster und Sünden glaubt, beichten zu müssen, stellt Fragen über Fragen: An seinen Ordens­bruder, seinen Mentor und Förderer, seinen Vater, am meisten und eindring­lichsten aber an sich selbst: „Was kann ich tun, was muss ich lassen, um Gottes Straf­ge­richt nach dem Tod“ zu entgehen? Nach inten­sivem Studium des neuen Testa­mentes gelangt er schließlich zu der Antwort, die zum Kern der Refor­mation der Kirche werden soll: Gott ist nicht käuflich. „Sola fide“ – allein durch den Glauben kann der Mensch vor Gott Gnade finden. Und erst recht nicht durch einen Ablass, mit dem Ablass­händler einen schwung­vollen, von der Kirche gedul­deten Handel treiben. Diese oft verzwei­felte Suche präsen­tiert der junge Luther, eindringlich und etwas überdreht gespielt von Daniel Rothaug, den Zuschauern im voll besetzten kleinen Haus in Münster.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Nach der Pause sehen sich die Zuschauer einem einfachen Wohnraum gegenüber, in dem an einem hölzernen Tisch der alte Luther, Katharina und ein wenig später ein Student sitzen. Hier räsoniert, predigt, poltert und schimpft der alt und starr­sinnig gewordene Luther, in dem Thomas Mann „das fürch­terlich Robuste erkennt“, der für ihn eine „riesen­hafte Inkar­nation deutschen Wesens“ darstellt. Luther, dieser „konser­vative Revolu­tionär“ erklärt dem jungen, naiven Studenten die Welt. So gerät der in seiner dunklen Stube vor sich hin polternde alte Luther immer mehr in eine einsichts­un­fähige Alters­starr­sin­nigkeit, die sich selbst entmy­tho­lo­gi­siert. Wenn der alte Luther sich als „deutschen Apostel“ sieht, der alle Ungläu­bigen mit seinen Schriften vertreiben will, die „meine Refor­mation“ nicht akzep­tieren, hat auch er seinen Glauben verraten und sich an dessen Stelle gesetzt.

Foto © Oliver Berg

Indem John von Düffel den jungen und den alten Luther drama­tur­gisch gegen­über­stellt, hat er auf einfache Weise genügend Raum geschaffen, um zahlreiche Einzel­heiten und Merkwür­dig­keiten der heute als Refor­ma­ti­onszeit bekannt geworden Epoche zu beschreiben. Er lässt die Protago­nisten erzählen, was die Zuschauer über den Kontext wissen müssen. Sie erfahren quasi nebenbei vom radikalen Luther selbst, wie er nicht nur im häuslichen Umgang Frauen demütigt, Juden hasst, Muslime verun­glimpft. Sie erkennen auch, dass Luther mit seiner furcht­losen Kritik an der mächtigen Insti­tution Kirche und der aus dem Glauben gewon­nenen Erkenntnis, dass „jedermann sein eigener Priester“ sei, nicht nur den Keim für die Kirchen­spaltung legt, sondern die Tür zu einer demokra­ti­schen Gesell­schafts­ordnung aufstößt.

Von Düffels Text und Max Claessens Insze­nierung konzen­trieren sich auf die Person Luther und lassen den histo­risch-politi­schen Kontext weitgehend im Hinter­grund. Mit wenigen Randbe­mer­kungen deuten sie den kirchen­po­li­tisch-histo­ri­schen Rahmen der Lutherzeit an. Das reicht aus, um den Zuschauer ahnen zu lassen, dass der Agent Luther nur eine Figur auf der europäi­schen Bühne seiner Zeit ist, in der andere Kräfte die Fäden ziehen. Luther, dem vor dem Reichstag zu Worms 1521 prophezeit wird, „Mönchlein, Mönchlein, du tust einen schweren Gang“, ist diesem Gang nicht ausge­wichen, hat einige Male diese Bühne betreten, musste sich dann aber doch, von Kirchenbann und Reichsacht getroffen, verstecken, um in all seiner mensch­lichen Begrenztheit „Mensch“ zu sein.

Die Aufführung ist mit drei Schau­spielern, die alle in Mehrfach­rollen agieren, überschaubar besetzt. Daniel Rothaug gibt vor allem im ersten Teil einen vom Suchen nach dem rechten Glauben irrlich­ternd und abseitig suchenden jungen Mönch, den man häufig mit einer kalten Dusche „ernüchtern“ möchte. Gerhard Mohr fällt es nicht schwer, den Figuren des Johann von Staupitz, einem Pater, dem alten Luther und so weiter glaubhaft-authen­tische Auftritte und Stimme zu leihen, und Ulrike Knobloch gibt eine ebenso einfühlsame wie derb-kräftig auftre­tende Katharina von Bora. Der von Michael Barfuß einstu­dierte und von Jurij G. Berges-Maas geleitete Chor bleibt optisch meist im Hinter­grund, trägt mit bekannten Luther-Chorälen und modernen Kirchen­liedern zu einer angenehm besinn­lichen Grund­stimmung bei.

Dem Martinus Luther, den von Düffel in seinem Stück präsen­tiert, scheint Demut und Glaube abhan­den­ge­kommen zu sein. Der Mythos „Luther“ wird sehr menschlich „entzaubert“ – und der Weg zu Gott, zur Erlösung … bleibt auch in diesem Lutherbild ein Rätsel. Das aufmerksame Publikum fühlt sich bestens infor­miert und unter­halten. Es bedankt sich mit langan­hal­tendem Beifall.

Horst Dichanz

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