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Der Geist und der Schatten

MARIA DE BUENOS AIRES
(Astor Piazzolla)

Besuch am
29. Januar 2017
(Premiere)

 

Theater Trier, Kasino am Kornmarkt

Mädchen, Hure, Mutter, Hexe, Heilige: Marie de Buenos Aires. Eine Symbol­figur aller – gefal­lenen – Mädchen, nicht nur in Buenos Aires, sondern in allen Großstädten fast aller Zeiten auf der ganzen Welt. Die Tango operita von Piazzolla spürt in der Insze­nierung von Karin Maria Piening und Bühnen- und Kostüm­bild­nerin Rebekka Dornhege Reyes dem Werdegang eines Menschen nach, der am Rande der Gesell­schaft existiert: eben dieser Maria.

Begleitet und geleitet wird Maria von El Duende, einem heidni­schen Geist Argen­ti­niens. Von ihm gerufen, lässt sie sich in eine Welt führen, in der das Elend hinter herun­ter­ge­zo­genen Vorhängen und Jalousien haust. In freudiger Erregung macht der Geist alter Zeiten dem unbedarften Mädchen ein Geschenk: Ein Schatz­kästchen. Darin: Ein Blumen­bukett. Das Öffnen des Kästchens wird für Maria zur Büchse der Pandora, entlässt es doch – sexuelle – Kräfte, die ihren Lebensweg und ihr Schicksal bestimmen.

Die Insze­nierung bringt Maria, einmal dem Mädchensein entwachsen, schnur­stracks auf einen Pfad an den Rand der Gesell­schaft. Mit Erlangen der sexuellen Reife beginnt die Prosti­tution, die zur Verge­wal­tigung, zur ungewollten Schwan­ger­schaft, zum Tod des Kindes, zum verbit­terten Kampf um Leben und Selbst­be­stimmung und schließlich zu einer ikonen­haften Verehrung führt, die in einer finalen Abwendung gipfelt. Ein Lebensweg und eine Kritik an der gutbür­ger­lichen Gesell­schaft, die zur Frühmette geht und die nach der Verge­wal­tigung hilfe­su­chende junge Frauen links liegen lässt. Die ihre Symbole der Häuslichkeit, wie Staub­wedel, Vogel­käfig und Reise­koffer in Armlänge Abstand als Schild vor sich herführt. Marias Lust und Liebe ist benutzbar, Männer lehren Rosen­blü­ten­blätter in Müllsäcken über ihr aus, als würden sie den Küchen­abfall angewidert vor die Türe werfen. Ihre weiblichen Fortpflan­zungs­organe prangen auf Maria seidener Unter­wäsche, wie eine Flagge, die sie vor sich herträgt.

Mit dem Tod des Kindes „stirbt“ Maria nicht nur zum ersten Mal, wie El Duende erklärt, nein, vielmehr erwacht hier der Mythos zum Leben, der Maria zum Verhängnis wird. Statisten werfen ihr ein schwarzes, boden­langes Trauertuch über, und die ikonische Silhouette des christ­lichen Glaubens wird erkennbar. Die Trauer schwindet, Maria zerschlägt ein Piñata-Herz mit dem Baseball­schläger, lässt letzte Rosen­blätter auf rampo­nierte Puppen­körper rieseln und verab­schiedet sich von allem, was weich und zart in ihr ist. Das Tier in ihr sichert den Überle­bens­kampf, selbst Anklänge der ersten Psycho­analyse vermögen nicht den harten Kern der Selbst­er­kenntnis zu erweichen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Maria weiß um ihre ärmliche Herkunft: Die Mutter, die einen starken Instinkt im Becken hatte, der Vater, ein Spieler, der sich schon früh aller Verant­wortung entzogen hat. Der Mann, der sie verge­waltigt hat, dem sie in der Therapie die Stirn geboten hat, ist letztlich der, der sie zur Symbol­figur erhebt, deren einzige Bestimmung es ist, ein Kind zu bekommen. Als sich dieses Kind als Mädchen entpuppt, ist klar, dass von dort keine Erlösung kommen kann, die gläubige Masse wendet sich ab. Der Lebensweg eines Mädchens ist vorbe­stimmt, so wie der Weg der Mutter vorbe­stimmt war. Letzten Endes ist es die vorge­spielte Beziehung zum mythi­schen Geist El Duende, der ihr eine selbst­be­stimmte Existenz als Frau mit Tempe­rament und Willen ermöglicht.

Die Kostüme von Rebekka Dornhege Reyes sind besonders nach der Pause ein echtes Glanz­stück der Insze­nierung: Mit Babymasken und Gewändern aus längst vergan­genen Zeiten überbringen und verlangen die Statisten gleich­zeitig nach einem Kind. Die Kunde vom Kind wird zum Toten­gebet. Besonders beein­dru­ckend sind das Kostüm von Tenor Bonko Karadjov als Erzpriester mit Halskrause und weitem Umhang und die Ikonen­ge­wandung von Braz Batista als Heilige, mit eben dieser Halskrause als Heili­gen­schein, aufge­klebten Brüsten und einer nach außen getra­genen Gebär­mutter, aus der sie zwar nicht den Erlöser hervor­zaubern, dafür aber rote Rosen­blüten verstreuen kann.

Ansonsten zeigt sich an dem Aufbau der Bühne der Haken, an dem die ganze Insze­nierung krankt. Quer aufge­reiht stehen fünf Kästen mit Vorhängen und Jalousien, hinter denen gerade am Anfang wichtige erste Bilder der verarmten Bevöl­kerung unglücklich versteckt bleiben. Längs ein Laufsteg, auf dem in den Raum hinein­ge­spielt wird. Überhaupt ist die Aufteilung innerhalb des Kasinos als einer recht ungewöhn­lichen Spiel­stätte keines­falls optimal gelöst. Teils ergeben sich gerade auf dem Laufsteg wunderbar eingängige Bilder, teils fällt es schwer, wichtige Details des Stückes überhaupt zu sehen.

Foto © ArtEO Photo­graphy

Die Insze­nierung schwankt zwischen absoluten Höhepunkten und recht unaus­ge­go­renen Teilen. Einer davon ist die nur rudimentäre Einar­beitung des Textes. Tilman Rose als El Duende rasselt poetische Verse von Horacio Ferrer ohne Punkt und Komma, und leider somit auch ohne Bedeutung, herunter. Die Sprech­chöre der Statisten – Philipp Voigt­länder, Manfred Rath, Lawrence Shawn Hutton, Klaudia Schuster, Almut Müller und Jana Schmitz – sind schlecht eingeübt, sodass praktisch jeder Satz im stetigen Echo verpufft. Der Part der Statisten ist immens groß und kann kaum mehr als Statis­terie bezeichnet werden. Es ist ein gewal­tiges Pensum, das den Darstellern da abver­langt wird, das sie auch oft mit viel Hingabe und Können stemmen. Abstriche müssen dabei in den Feinheiten des Spiels und Sprechens gemacht werden. Man muss sich hier die Frage stellen, warum bei der gewal­tigen Aufgabe nicht auf Ensem­ble­mit­glieder zurück­ge­griffen wurde. Brillant hingegen Sänger Karadjov, mit ausdrucks­starkem Spiel und unter die Haut gehendem Gesang, der seinen Figuren Tiefe verleiht. Selbst dem Verge­wal­tiger eine bemit­lei­dens­werte Trieb­haf­tigkeit und dem Kirchenmann eine schau­er­liche Aura. Außerdem die Tänzerin Braz Batista, die mit ihrer tiefen, passend schroffen und feurigen Stimme den Gesangspart mühelos meistert, zudem sie die Rolle mit facet­ten­reichem, kraft­vollem, sehr körper­lichem Spiel füllt. Überzeugend und lebendig wird Tilmann Rose, sobald er vom vorge­schrie­benen Text ablassen und sich voll auf seine schau­spie­le­ri­schen Fähig­keiten verlassen darf. Die Heirat zwischen Geist und Schat­tenfrau Maria, die sich Rose schnell mal aus einem Haken­ständer, drei Luftballons und den Babypuppen zusam­men­bastelt, wird so zum locker­leichten Komödi­an­ten­stück im Stück. Mit dem heidni­schen Geist darf Maria Frau sein, als christ­liche Heilige wird sie zum Schau­kas­ten­motiv, eine perlen­be­setzte Maske auf dem Gesicht. Sie sei vergessen zwischen allen Frauen und gleich­zeitig eine Prophe­zeiung für diese, sagt Rose als El Duende. Vergessen ihre Persön­lichkeit, prophe­tisch ihr Schicksal. Ein Zwiespalt, der sich auch durch die Insze­nierung zieht: Vergessen wurde mancher handwerk­liche Griff, prophe­tisch schön geraten manche Bilder.

Die musika­lische Leitung übernimmt Dean Wilmington, der in der ungewöhn­lichen Umgebung des Nacht­cafés mit seinen Musikern an Bandonéon, Bass, Gitarre, Violine und Querflöte ein stimmiges Ergebnis erzielt, auch wenn das Tempo in seltenen Momenten etwas schleppt.

Das Publikum ist begeistert und schenkt langan­hal­tenden Applaus.

Eine Insze­nierung, die von drei starken Haupt­dar­stellern, Batista, Rose und Karadjov, lebt, einprägsame Bilder schafft und die Tango-Oper mit viel Feuer und Tempe­rament deutet, ohne in platte Klischees zu verfallen. Das auf der einen Seite. Auf der anderen Seite geht viel durch Oberfläch­lich­keiten verloren.

Stefanie Braun

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