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Avrai tu l’universo, resti l’Italia me! 14 Mal taucht die Losung Das Universum gehöre Dir, nur Italien bleibe mein! im prachtvollen Duett des römischen Feldherrn Ezio mit dem Hunnenherrscher Attila auf. Kein Wunder, dass die 1846 am Teatro La Fenice uraufgeführte Oper des 32-jährigen Giuseppe Verdi von den Venezianern begeistert aufgenommen wird. Patriotismus ist in unter den Menschen, die unter der Fremdherrschaft der Habsburger leiden und sich in der Phase des Risorgimento nach nationaler Einheit sehnen. Verdi, Eroberer des Fenice bereits zwei Jahre zuvor mit Ernani, ist mit seinen auf Heimat geeichten Kompositionen der Exponent dieses Traums der Menschen. Nach Giovanna d’Arco und Jérusalem erreicht mit Attila der vom Dirigenten Will Humburg am Bonner Haus angestoßene Zyklus mit Frühwerken Verdis eine weitere Stufe auf der nach oben offenen Spirale dieser bemerkenswerten Entdeckermission. Zwar keine Offenbarung, jedoch ein lohnender Fund, bei dem sich wunderbar schaudern lässt und erst recht Verdi-Cabaletten vom Feinsten genießen lassen.
Der auf einem Roman des Schriftstellers Friedrich Ludwig Zacharias Werner aus der Hochzeit der deutschen Romantik beruhende Stoff ist dem Komponisten doppelt willkommen. Die Geschichte vom Einfall des zur Zeit der Völkerwanderung bedeutendsten heidnischen Eroberers im christlichen Italien und seine Ermordung durch Odabella, Tochter des von Attila entmachteten Regenten, bietet eine Fülle von Anlässen, die politische Botschaft des republikanischen Italiens zu verkünden. So sind in wechselnden Einsätzen mit Temistocle Solera und Francesco Maria Piave gleich zwei Autoren am Libretto beteiligt, mit denen er bereits produktiv zusammengearbeitet hat. Zudem eignet sich das Drama mit seinen blutrünstigen Eskapaden und den ausgedehnten seelischen Wechselbädern der Besatzer wie der Opfer, Verdis speziellen Musikstil am Ende der Ära des Belcanto und im Aufdämmern der Grand opéra weiter zu entwickeln. Verdi kann verstärkt auf Rhythmen, Melodien, Stimmungen, gewaltige Chorsätze und intensive Cabaletta-Sequenzen setzen, in denen das furiose stets dem moderaten Tempo folgt. Eine Win-Win-Situation, würde vielleicht ein Controller sagen.
Schauplätze des Dramma lirico sind das Zentrum des udinesischen Aquileia, eines Vorläufers Venedigs, und diverse Lager der umherziehenden Hunnen wie der bedrängten Römer. Diese entfernt an Bellinis Norma erinnernde, vergangene Welt ist freilich Dietrich W. Hilsdorfs Sache nicht. Der Regisseur, der einmal mehr mit seinem Team, dem Bühnenbildner Dieter Richter und Kostümspezialistin Renate Schmitzer, zusammenarbeitet, verlegt das Ganze in eine Moderne, die sich auch als unsere Gegenwart entschlüsseln ließe. Friede ist wie zurzeit in Nahost nirgends. Richter hat einen in der Höhe imposanten Raum geschaffen, der vergangene Schlachten und die Gegenwart von Folter und Ermordung geradezu atmet. Das ist durchaus auch wörtlich gemeint. Über der Szene, in der es von Soldaten mit Gewehren nur so wimmelt, liegt ständig ein Gemisch aus Ruß und Rauch, deren Summe Fachleute wohl als Feinstaub definierten. Ein Umstand, den ein Teil des Publikums mit manchem Hustenanfall quittiert. Was nicht der Qualm des Krieges geschwärzt hat, ist bunt und grell gehalten. Ein ambulantes Bistro mit Pasta- und Vino- Service sowie TV-Geflimmer verrät ebenso wie ein Pulk von Marketenderinnen eine Infrastruktur an Betreuung der Soldaten. Unterhaltung muss sein, während auf einer als Lagerstatt ausgekleideten Extra-Bühne die Folteropfer darben und Leichen herumliegen, weil mutmaßlich der Abtransport nicht organisiert ist.
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Hilsdorf, der „seinen“ Verdi abgesehen von Hans Neuenfels kennt wie kaum ein zweiter in der deutschen Regieszene, verspürt gewiss keine Scheu, das Grauen des Kriegs und das Gemetzel unter den Machthungrigen zu zeigen. Was da martialisch auf dem Spiele steht, wird schon zum Vorspiel des Prologs recht drastisch inszeniert. Judith setzt ein Schwert an den Hals von Holofernes, löscht sein Leben aus. Die Reprise der biblischen Szene nimmt das Finale und das Sterben Attilas vorweg. Der Tyrann ist vernichtet, Italien erstarkt. Wie die Inszenierung rasch enthüllt, misstraut Hilsdorf dem heroisch-bombastischen Überbau des Stücks und seiner martialischen Figuren. Allerdings verachtet er sie auch nicht. Der listige Ausweg: Hilsdorf ironisiert das Geschehen und das Bühnenpersonal, treibt mit den Größen dieses frühen clash of culture seine Scherze und bedient sich dabei allerlei Einfälle, als ob im Bühnenhintergrund ein Spezialversandhaus mit einem breiten Sortiment an Requisiten existierte.

In der Adrialagune sammeln sich Gruppen von Aquileianern, ganze Familien, die vor dem Usurpator und seinen Militärs geflohen sind. Kinder greifen sich das vom Anführer Foresto als Zeichen des Widerstands in den Sandstrand gerammte kleine Kruzifix und beziehen es in ihr Spiel mit Förmchen und Sandburgen ein. Als sich in Attilas Lager die Truppen zum Aufbruch rüsten, stellt sich ihnen eine Prozession entgegen. An deren Spitze Leo I., Bischof von Rom, umgeben von einer Eskorte von Nonnen und Engeln, die mit dem Palmwedel fuchteln. Ein Bühnenarbeiter, eher desinteressiert die Zeitung lesend, kutschiert seine Heiligkeit in einem Elektro-Buggy über die Bühne. Aufschrift: Commune di Roma. Allerlei Putzpersonal wienert um die Helden des Geschehens herum, während diese in machtvollen, vokalen Auftritten ihre Beziehungen und Schlachtpläne sortieren. Lakonisch werden zudem vom Servicepersonal Getränke gereicht. Solche Ingredienzien wirken bisweilen witzig. Bisweilen muten sie aber auch schlicht als Humbug an. Immerhin langweilig wird es mit Hilsdorf nie. So statisch wie bei einer der seltenen Aufführungen des Attila 1980 in Wien geht es in Bonn jedenfalls nicht zu.
Naheliegend verlangt das Regiekonzept den Sängern schauspielerisch ein besonderes Engagement ab, was in der Bonner Aufführung auch durchweg eingelöst wird. Fast eine Ironie des Abends – dem Bassbariton Franz Hawlata als König der Hunnen gelingt das am besten, obwohl er im Quartett der tragenden Rollen die vokale Strahlkraft ein Stück vermissen lässt. Angetan mit einer Brille, wie sie Intellektuelle bevorzugen, baut er eine kuriose Distanz zu seinem Part auf, der zwischen Melancholie und Ironie pendelt. Da scheint die Erfahrung mit dem Ochs aus dem Rosenkavalier, einer seiner Lieblingsrollen, auf. Auch ihm ist das Ringen um Standing mindestens so wichtig ist wie das Eigentliche, des Edelmanns oder des Herrschers. Sein Antipode und Partner im großen Duett, Ivan Krutikov als Ezio, überzeugt mit seinem jugendlichen Bariton dagegen voll und ganz. Er produziert die heroische Wucht der Figur ebenso wie die emotionale Wärme des Liebenden, der den totalen Absturz fürchten muss, mit Bravour.
Die Frau zwischen allen (Königs-)Stühlen, Yannick-Muriel Noah, ist als Kriegerin und Rächerin Odabella ein Ereignis. Irritierend und auf die Dauer störend ist einzig das gewaltige Schwert, das sie ständig mit sich führt. Das Publikum ist ja durch die Szene im Prolog bereits darauf eingestimmt, dass dieser Quasi-Zwilling von Nothung zum Einsatz kommen wird. Die Partie, die die Beherrschung von drei Oktaven verlangt, bewältigt sie mit ihrem pointiert dramatisch geführten Sopran mustergültig. Etwas zwiespältig fällt die Leistung aus, die George Oniani als Foresto liefert. Er nimmt mit seinem Tenor zwar mühelos, was die Partitur hergibt. Die Stimme ermangelt indes über weite Strecken der Nuancierung. Schließlich bestätigen den guten Gesamteindruck in den weiteren Rollen Jonghoon You als Uldino und Leonard Bernad, der mit prägnantem Bass dem Bischof von Rom seine Stimme leiht. Marco Medved hat den Chor und Extrachor des Hauses einmal mehr in Form gebracht.
Für das Beethoven-Orchester Bonn unter Humburgs Leitung gilt das erst recht. Sie glühen in der übrigens pausenlos gespielten Aufführung geradezu in Verdi-Manier. Humburg, dem Verdi-Versteher, der sich am Pult bis zur Erschöpfung ausgibt, schlägt nach dem Schlussvorhang der prasselnde Beifall des Publikums entgegen, durchsetzt mit Zuneigung. Eine Stimmung, die sich dann auch über alle anderen Mitwirkenden ausbreitet. Wären da nicht die vereinzelten heftigen Buhs, die sich das Regieteam einfängt. Doch wer mag schon über Petitessen diskutieren.
Ralf Siepmann