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DIE LUSTIGE WITWE
(Franz Lehár)
Besuch am
31. Januar 2017
(Premiere am 26. November 2016)
Lippen schweigen, s’flüstern Geigen: Manche Stücke fängt man am liebsten von hinten an, weil doch das Beste immer zum Schluss kommt. Im Theater geht das meistens nicht, also alles auf Anfang. Das Forum Leverkusen hat eine Inszenierung der Lustigen Witwe aus dem Theater Osnabrück übernommen, die dort erst im vergangenen November Premiere hatte. Das vollbesetzte Haus darf sich also auf eine interessante, unverstaubte Aufführung freuen. Weil das Theater in Osnabrück eine etwas kleinere Bühne hat, steht auch nicht zu befürchten, dass hier irgendwelche Abstriche im Bühnenbild gemacht werden.
Das Konzept von Andrea Schwalbach klingt überzeugend. „Im Moment hat man den Eindruck, in Europa flüchtet gerade jeder vor jedem“, sagt die Regisseurin. Und das lässt sie in der Lustigen Witwe durchscheinen. Ein ganzes Volk ist auf der Flucht, das Volk des Operettenstaates Pontevedro. Es findet Zuflucht in einem heruntergekommenen Pariser Altbau. Aber nur, weil man das Vaterland verlassen hat, heißt das ja nicht, dass man es vergisst. Oder das Herz nicht mehr daran hinge. Und so setzen die Bürger alles daran, das finanziell marode Land zu retten. Wen das alles nicht so richtig interessiert, ist der längst in Paris lebende Gesandschaftssekretär Graf Danilo Danilowitsch. Also weist er das Verlangen zurück, die schwerreiche Witwe Hanna Glawari zu ehelichen. „Lieb Vaterland, magst ruhig sein, du interessierst mich nicht, ich bin mit meinen eigenen Problemen beschäftigt“, ist seine innere Haltung. Und findet sich damit wieder ein in die Handlung, die Victor Léon und Leo Stein in ihrem Libretto niedergelegt haben.
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Nanette Zimmermann hat eigentlich eine raffinierte Bühne dazu gezaubert. Auf einem Vorhang ist eine Bruchbude zu erkennen. Wenn der sich öffnet, sind auch im Innern die Baufälligkeiten unverkennbar. Unterschiedliche Tapeten, dazwischen Bretterverhaue im Einheitsbühnenbild, das mit kleinen Variationen von Akt zu Akt aufwartet. Im dritten Akt eröffnet sich erst die wahre Tiefe der Bühne, die es zulässt, dass zunächst ein Pavillon im Hintergrund erkennbar wird, der später gar in den Vordergrund geschoben werden kann. So erhebt sich die Bühne allmählich aus dem Bretterverschlag in immer mehr Ebenen. Das ist wirklich intelligent gelöst. Während es bei der Bühne mehr um die technisch-gelungene Lösung geht, steht bei den Kostümen die Fantasie im Vordergrund. Und da lässt es Nora Johanna Gromer mächtig sprühen. Dürfen sich die Solisten noch in die „üblichen“ Kostüme vielleicht der k.u.k.-Zeit kleiden, wird es bei den anderen Rollen und im Chor mächtig bunt und abwechslungsreich. Die Detailtiefe ist bewundernswert.
Und dann hapert es doch im Grundsätzlichen. Die Sänger saufen auf der Bühne ab. Die Textverständlichkeit geht gegen Null. Übertitel, die das Ganze retten könnten, bleiben aus. All die vielen liebevollen Details gehen verloren, weil man nicht versteht, was auf der Bühne vor sich geht. Da geh ich zu Maxim – glanzlos, stumpf. Es lebt eine Vilja – unverständlich im Solo. Es ist, als habe man einen bleiernen Vorhang vor die Bühne gezogen. Auch der sehr spielfreudige Chor, den Markus Lafleur vermutlich sorgfältig einstudiert hat, bleibt komplett unverständlich.
Das Orchester liefert eine klaglose Leistung unter der Leitung von Daniel Inbal ab. Mit großen Gesten, die über den nicht einsehbaren Graben hinausreichen, hat er Sänger, Chor und Orchester eigentlich im Griff. Gewiss, der ganz große Lehár ist es nicht, aber Überbordendes erklingt da nicht, was etwa die Sänger in Bedrängnis bringen könnte.

Erst beim nachträglich hinzugefügten Lippen schweigen, s’flüstern Geigen, bei dem die Akteure im dritten Akt am äußersten Rand der Rampe stehen, stellt sich das wunderbar sentimentale Gefühl ein, das man bei einer Operette und speziell bei dieser erleben möchte.
Ein akustisches Phänomen, für das sich an diesem Abend keine rechte Erklärung finden lässt. Denn die Sänger schonen sich nicht. Und Schwalbachs Personenführung verlangt ihnen auch keine Besonderheiten ab. Jan Friedrich Eggers begeistert in jeder Beziehung als Graf Danilo, wenngleich nicht richtig klar wird, warum er permanent über die Bühne taumeln muss. Er führt ein Ensemble an, in dem jeder Charakter ganz wunderbar treffend besetzt ist. Eine herbe Hanna Glawari zeigt Susann Vent-Wunderlich. Lieblich-süß präsentiert Erika Simons Valencienne, begleitet von einem treffend gezeichneten Camille de Rosillon von Daniel Wagner und einem schön komischen Mark Hamann als Baron Mirko. Genadijus Bergorulko ist ein überzeugender Njegus, Überbringer der Nachrichten und Lenker der Geschicke. Auch Silvio Heil, Stefan Kreimer, Ulrich Enbergs, Heike Hollenberg, Marcin Tlałka und Elena Soares da Cruz sind mit viel Spielfreude dabei. Die Grisetten werden von Studierenden des Instituts für Musik besetzt und bringen viel Farbe und einen zusätzlichen Schuss Erotik in das Geschehen. Eine hübsche Idee ist auch, Fabian Liesenfeld als Pianisten und Nikola Pancic als Geiger auf die Bühne zu bringen.
Insgesamt also eigentlich eine gelungene Geschichte. Allein die fehlende Textverständlichkeit sorgt dafür, dass das Operettenpublikum rasch die Konzentration verliert und schließlich ungeniert in den Gesang reinquatscht und ‑hustet. Das allerdings haben die Akteure auf der Bühne dann auch nicht verdient. Und wenn endlich doch die Lippen schweigen, finden alle wieder zu einem versöhnlichen Ende der kurzweiligen Aufführung zusammen. Beglückt stimmt das Publikum seinen Klatschmarsch an, ehe es sich nach kurzem Beifall schnell verflüchtigt.
Michael S. Zerban